NZZ Folio 07/94 - Thema: Zum Mond   Inhaltsverzeichnis

Önologische Charakterstudien -- Der Arvine

Von Andreas Heller

Es soll tatsächlich Leute geben (ja sogar höchste Magistraten), die praktisch ausschliesslich Westschweizer Chasselas trinken. Nichts dagegen! Es soll schliesslich auch Leute geben, die ausschliesslich Volksmusik oder deutsche Schlager hören.

Dennoch gibt es gerade unter den hiesigen Weissweinen eine Reihe von Gewächsen, die die vorherrschende Chasselas-Einfalt wohltuend beleben: der Räuschling aus dem Züribiet zum Beispiel. Oder die verschiedenen Walliser Spezialitäten: Amigne, Himbertscha, Lafnetscha, Rèze, Heida und, als Krönung dieser autochthonen Sorten, der Arvine, die vielleicht edelste Weissweintraube der Schweiz überhaupt.

Dass ausgerechnet der Arvine, dessen Ursprünge bis in die Zeit der Römer zurückreichten, im Chasselas-Fendant-Land lange Zeit praktisch in Vergessenheit geraten war, stellt dem hiesigen Weinbau nicht gerade das glänzendste Zeugnis aus. Doch jetzt wird er im Wallis an den besten Lagen mehr und mehr wieder angebaut.

Der Arvine ist eine Rebe, die von Winzer, Klima und Boden alles fordert. Schon früh treibt sie aus, weshalb sie gegen Spätfröste empfindlich ist; spät (rund 20 Tage nach dem Chasselas) erreicht sie ihre vollkommene Reife. Der Arvine verträgt keine Trockenheit, und er mag auch keine fetten Böden. An den sonnigen Hängen von Chamoson, Fully, Conthey oder Sion jedoch fühlt er sich ganz besonders wohl, dort ergibt er Weine von einer Komplexität, wie sie bei hiesigen Gewächsen selten ist. An Glyzinien und Grapefruit erinnert sein Bouquet, er erfrischt mit einer nervigen Säure und einem leicht salzigen Nachgeschmack. So hat er eigentlich eher den Charakter eines vornehmen Franzosen denn eines Wallisers. Und entsprechend wird er auch nicht zum Fondue getrunken, sondern zu Fisch, Meeresfrüchten oder Milken.




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