«ICH HABE NIE viele Dinge besessen. Als ich 1991 von Paris hierher nach Zofingen zog, gab es nur Bücher, Schallplatten, Kleider, die Matratze und ein kleines Kanapee zu zügeln. Die meisten Möbel habe ich hier auf dem Estrich gefunden.
Das ist mein Elternhaus, ich bin hier aufgewachsen. Mit 18 zog ich weg, mit 42 bin ich zurückgekehrt, nach 15 Jahren Paris. Dort habe ich zuerst in einer Modellagentur gearbeitet und dann mit einer Freundin eine Agentur für Modefotografie gegründet. Zurückgekehrt bin ich, weil ich ein Buch über meine Kindheit schreiben und die Geschichte dort ansiedeln wollte, wo alle Fäden zusammenlaufen: in diesem Haus, das ein Gefängnis war für alle, die darin lebten, vor allem für die Frauen. Das Haus, das ich im Roman Winterhaus nenne, ist eine Metapher für ungelebtes, für frustriertes Leben, aber auch für die Träume des Kindes, das ich war.
Als Kinder empfanden meine zwei Schwestern und ich das Haus als unheimlich. Wir waren in ständiger Angst vor einer «schwarzen Frau», von der irgendwer meiner ältesten Schwester erzählt hatte. Manchmal glaubten wir sie zu sehen, als Schatten im Treppenhaus oder in einem der langen dunklen Gänge des Hauses. Am Ende eines dieser Korridore wohnten meine Grosstante Lydia und ihr Mann, von dem sie in der Hochzeitsnacht erfahren hatte, dass er homosexuell war. In dem Zimmer sahen wir den Onkel aufgebahrt, als er gestorben war. Noch nach Jahren machten wir, wenn wir an Weihnachten nach Hause kamen, einander angst, sagten: wer getraut sich in das Zimmer, und es hat sich nie eine getraut.
Jetzt ist das alles weg, ich habe mich schreibenderweise mit dem Haus angefreundet. Plötzlich begann mich jeder Winkel brennend zu interessieren. Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Grosstante diese Räume erlebt hatte, zählte die Stufen, die sie jeden Sonntag, oft weinend, auf den Knien fegte, habe alle Ecken erforscht. Das Haus hat alles Unheimliche verloren.
Hier oben im vierten Stock wohnten früher die Dienstmädchen oder die Lehrbuben meines Vaters, der im Erdgeschoss sein Uhrmachergeschäft hatte. Wo jetzt meine Küche ist, trocknete man früher die Bohnen und bewahrte die Konfitüren auf. Dieses Zimmer war der Holz-Estrich, da hat man mit einer Seilwinde das Holz für den ganzen Winter heraufgezogen. Das Haus wurde noch bis in die sechziger Jahre mit Kanonenöfen geheizt, dieser Vorrichtung verdanke ich den kleinen Balkon. Dieser Raum ist der hellste im ganzen Haus, weil er im vierten Stock ist und die Häuser innerhalb der Ringmauer eng zusammengebaut sind.
Meine Eltern wohnen immer noch da. Speziell mein Vater, der noch immer Uhren repariert, hängt sehr an dem Haus. Meiner Mutter geht es nicht mehr so gut, ich sehe etwas nach ihr, leiste ihr ein wenig Gesellschaft. Ich kann gratis wohnen, sonst könnte ich nicht existieren. Ich halte mich mit wahnsinnig wenig Geld über Wasser, mit dem Förderpreis, den ich vom Kanton Aargau bekommen habe, und dann und wann einer Lesung. Es ist ja nicht unproblematisch, wenn man als Erwachsene nach Hause zurückkehrt. Egal, wie alt ein Kind ist, es bleibt für die Eltern ein Kind. Aber wir haben uns gut arrangiert.
Dieser Raum ist erst seit anderthalb Jahren bewohnbar, vorher hatte ich nur das hintere Zimmer und die Küche. Beim Umbau wollte ich möglichst vieles beim alten belassen. Wir isolierten die Wände mit Packpapier und Schilfmatten. Dann kam eine dicke Lehmschicht darüber, von Hand verstrichen. Der Verputz ist auch aus Lehm, der mit Jurakalk versetzt worden ist. Das Material ist nicht wasserfest, es lebt. Im Sommer ist es hier oben nun wunderbar kühl, und im Winter hält der Lehm die Kälte draussen. An der Wand links vom Büchergestell, über dem kleinen Bild von Müller-Brittnau, habe ich ganz klein mein Zeichen eingeritzt, eine Mondsichel mit Venus, wie ich sie in einer Nacht vor Jahren am Himmel sah.
Den Boden habe ich auf allen vieren geschrubbt, bis er so schön geworden ist. Unter mir ist das Schlafzimmer meiner Eltern, ich höre sie nicht, aber sie hören wohl meine Schritte, die Balken ächzen manchmal. Von oben höre ich ab und zu eine Maus, bei Westwind die Züge und bei offenem Fenster von unten die Autos, aber nicht sehr laut. Und manchmal pfeift der Wind um das Vordach. Von der Wohnung sehe ich auf die Ziegeldächer der Häuser der Ringmauer und darüber hinweg zum Jura, auf dem jetzt Schnee liegt. Die Häuser der Altstadt wurden alle nach dem Brand Zofingens im 17. Jahrhundert neu aufgebaut.
Dieser Raum ist mein Feierraum, gearbeitet wird im vorderen Zimmer, das auch das Schlafzimmer ist. Hier esse ich. Wenn ich Gäste habe, stelle ich noch ein Tischchen dazu. Hier lese ich, schreibe meine Briefe, lege mich manchmal ein wenig hin. Ich bin ja den ganzen Tag zu Hause und gehe oft einfach zwischen den Zimmern hin und her. Mein Wohngenosse ist mein Kater Bonifaz, der jemand sehr wichtiger ist für mich. Wir haben es gut miteinander.
Ich hatte noch fast nie eine Wohnung, in der es beides, Küche und Bad, gab. Auch bei dieser ist die Dusche wieder in der Küche. Einmal, in Zürich, wohnte ich im Lager eines Warenhauses, inmitten von Schaufensterpuppen. Eine so schöne Wohnung wie jetzt hatte ich noch nie.
Mein Traumraum? Dieser mit einem Gärtchen dazu. Das wäre schön: wenn es von dem kleinen Balkon zwei Tritte hinab in einen Garten ginge. Schreiben und dazwischen schnell in den Garten gehen, ein bisschen den Blumen zuschauen und jäten und wieder hineingehen und schreiben.»