NZZ Folio 06/10 - Thema: Die Ärzte   Inhaltsverzeichnis

Schlaglicht -- Korea – Trumans doppelter Sieg

© Angelo Boog
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Der Krieg zwischen Nord- und Südkorea war einer der letzten klassischen, «symmetrischen» Kriege. Dank dem amerikanischen Präsidenten wurde daraus nicht der dritte Weltkrieg.

Von Wolf Schneider

Am 25. Juni 1950, vor sechzig Jahren, fiel das kommunistische Nordkorea in Südkorea ein. Die Welt hielt den Atem an: Wollte Stalin den Eisernen Vorhang gewaltsam verschieben? Musste Westeuropa alle Hoffnungen auf einen längeren Frieden begraben? Da hat der amerikanische Präsident Harry S. Truman zweimal rasch, richtig und mutig gehandelt.

Was ist ein Krieg?

Er entschied sich für den Krieg – den letzten im klassischen Wortsinn, in den eine abendländische Macht verwickelt war. Ein Krieg ist eine gegenseitige Massen­tötung mit gutem Gewissen, sofern sie von zwei oder mehr Staaten über einen längeren Zeitraum betrieben wird – im Unterschied zum «asymmetrischen» Krieg, bei dem schwere Waffen einen kaum auffindbaren Feind bekämpfen wie in Afghanistan: Partisanenkrieg, Guerrilla (spanisch «der kleine Krieg»). Die Uno spricht lieber von bewaffneten Konflikten und am liebsten von «friedenserhaltenden Massnahmen».

Südkorea wird überrannt

Am 25. Juni 1950 also überschritt die nordkoreanische Armee mit hundert Sowjetpanzern den 38. Breitengrad, auf den sich die USA und die Sowjetunion nach dem Sieg über Japan als Demarkations­linie geeinigt hatten. Im Sturmlauf eroberten die Nordkoreaner fast ganz Südkorea, mit Ausnahme eines Zipfels im Südosten um die Hafenstadt Pusan.

Erst 1949 hatte Griechenland mit amerikanischer Hilfe die kommunistischen Partisanen vertrieben – nun schien Stalin gewillt, seinen Machtbereich mit nackter Gewalt zu erweitern. Blitzartig entschied Truman: Hier werden die Weichen für die Zukunft der freien Welt gestellt! Nationaler Notstand, Alarm für Bomber und Kriegsschiffe im Pazifik. Am 27. Juni forderte der Weltsicherheitsrat alle Uno-Mitglieder zur Verteidigung Südkoreas auf.

Amerikas Gegenschlag

Am 29. Juni ernannte Truman den General Douglas McArthur, Oberbefehlshaber im Pazifik und als Sieger über Japan populär, zum Chef der Interventionsarmee. Aus Japan, aus Okinawa, setzte McArthur Bomber, Flugzeugträger, Soldaten in Bewegung, und am 15. September landete er hoch im Norden Koreas, im Rücken des Feindes. Schon am 26. September war der nordkoreanische Widerstand gebrochen. Die entscheidende Rolle dabei hatte die ungeheure Luftüberlegenheit der Amerikaner gespielt. Tausende von nordkoreanischen Soldaten verbrannten durch die Napalm-Kanister, die später in Vietnam berüchtigt wurden.

Aber nun griffen die Chinesen mit mindestens elf Divisionen ein – von «Freiwilligen», wie Peking behauptete –, und am 4. Januar 1951 fiel Südkoreas Hauptstadt Seoul zum zweiten Mal in kommunistische Hand. Dem setzte McArthur am 25. Januar seine zweite Offensive entgegen. Am 3. April überschritten die Amerikaner wieder die Demarkationslinie nach Norden und stiessen in Richtung der chinesischen Grenze vor. Die amerikanische Presse jubelte.

Die kühne Entlassung

Am 11. April aber tat Präsident Truman den mutigen Schritt: Zur Verblüffung der Weltöffentlichkeit und unter dem Wutgeheul amerikanischer Patrioten schickte er McArthur, den Kriegshelden, den Siegreichen, in die Wüste. Dies, weil der General gefordert hatte: chinesische Stützpunkte bombardieren – über die chinesische Küste eine Seeblockade verhängen – und Truppen aus Taiwan anfordern, dem Rückzugsgebiet der von Mao verjagten sogenannten Nationalchinesen.

Die eherne Grenze

Da sah der Präsident den dritten Weltkrieg heraufziehen und stellte sich dem General und seinem Volk entgegen. 1952 segnete er dann den Waffenstillstand ab, der bis heute leidlich hält: Korea bleibt getrennt durch den 38. Breitengrad. Mit eiserner Faust hatte Truman der Sowjetunion die Lektion erteilt: Wagt es nie! Das gab Westeuropa das Gefühl: Auf die Amis kann man sich verlassen. Und vielleicht war es diese Tat, die verhinderte, dass aus dem Kalten Krieg der heisse wurde.

Fünfzehn Jahre später, in Vietnam, gab es keine Fronten mehr und folglich keine Chance, den ähnlich definierten 17. Breitengrad zu halten. Den letzten «symmetrischen» Krieg, einen ungewöhnlich grausamen, führten von 1980 bis 1988 Iran und der Irak.

Den Irakkrieg erklärte Präsident Bush 2003 nach sechs Wochen für beendet – aber die Guerrilla begann nun erst. Im Kongo, in Somalia, im Sudan vollzieht sich unterdessen ein Gemetzel, übler als jeder herkömmliche Krieg. Kriege, wie immer sie heissen mögen, werden uns offenbar begleiten bis ans Ende aller Tage.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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