NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Molekülzauber

Von Reto U. Schneider
Wer im Internet nach dem Stichwort «Pillen» sucht, stösst nicht zuerst auf Mittel gegen Aids oder Typhus. Die Liste der Fundstellen beginnt mit Diätpillen, Pillen gegen das Altern und für eine standhafte Männlichkeit. Über solche Prioritäten mag sich wundern, wer glaubt, der Mensch sei aus Vernunft gebaut. Offensichtlich ist er es nicht. Die Pille hat grosses Potential als kleinste Projektionsfläche für menschliche Sehnsüchte.

Doch eigentlich ist alles pure Mechanik. Die Pille ist der Triumph des mechanistischen Weltbildes. Wer eine schluckt, in dessen Blutbahnen treibt eine halbe Stunde später der Wirkstoff. Billionen von Molekülen in jedem Tropfen. Sie halten andere Moleküle fest, rasten an der Zelloberfläche ein, versperren oder öffnen den Zugang für weitere Stoffe. Sie setzen eine Kettenreaktion in Gang und unterbrechen eine andere.

Und all das geschieht in einem Massstab, den unsere Augen nicht beherrschen und unser Geist kaum erfasst, und so ist es nichts weniger als ein Wunder, wenn nach dem Schlucken einer Prise gepressten Pulvers der Schmerz nachlässt, der Schlaf kommt oder die Kinder ausbleiben: So wenig bewirkt so schnell so viel.

Dass der Mensch von dieser Zauberei nicht nur die Erlösung von seinen Leiden erwartet, sondern auch die Erfüllung seiner geheimsten Wünsche, ist nicht erstaunlich, zumal er die Zukunft in Buch und Film längst gesehen hat: Da machen Pillen unsichtbar, geben Bärenkräfte und ermöglichen Zeitreisen.

Die Pharmaindustrie versucht, die Erwartungen nach Kräften zu erfüllen. Chemiefabriken in aller Welt stellen im Dreischichtbetrieb die Waffen gegen Herzinsuffizienz, Angstzustände und Haarausfall her. Die Wissenschafter und Manager erfinden dabei nicht nur Medikamente gegen Krankheiten, sondern auch Krankheiten zu ihren Medikamenten - Krankenkassen bezahlen nur für Krankheiten.

Doch trotz dem grossen Angebot an Pillen für und gegen alles will sich das Gefühl des wunschlosen Glücks nicht so richtig einstellen. Die einzige wirksame Pille dafür hat den Sprung aus der Literatur in unseren Magen noch nicht geschafft. Pippi Langstrumpf schluckte regelmässig Krummelus-Pillen - gegen das Erwachsenwerden.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.