SOLANGE ÄSTHETIK in der Gesellschaft geringgeschätzt werde, könne keine gute Architektur entstehen, sagte der dänische Architekt und Designer Arne Jacobsen 1969. Sein SAS Royal Hotel in Kopenhagen, ein Jahrzehnt zuvor entstanden, ist Dokument für die harmonische Verbindung von gestalterischem Anspruch und industrieller Fertigungsweise.
Als 27jähriger Architekt, ein Jahr bevor Gunnar Asplund 1930 mit seinen Bauten für die Stockholmer Ausstellung dem Internationalen Stil in Skandinavien den Weg bahnte, erregte Jacobsen auf der Ausstellung des dänischen Architektenverbandes Aufsehen mit einem dem Neuen Bauen verpflichteten Gebäude, das er programmatisch «Haus der Zukunft» nannte. Die Faszination der Dynamik des modernen Lebens zeigte sich an den Garagenbauten für Auto und Motorboot und dem als Hubschrauberlandeplatz dienenden Flachdach, aber auch an der latenten Spiralform des Baukörpers.
Arne Jacobsen kommt das Verdienst zu, dem Funktionalismus in Dänemark zum Durchbruch verholfen zu haben. Auf das Fanal des Rundhauses von 1929 folgte in den dreissiger Jahren ein Bauensemble am mondänen Strand von Klampenborg an der nördlichen Peripherie Kopenhagens. Strandbad, Theater, Restaurantgebäude und die U-förmige Wohnbebauung «Bellavista» besitzen einen nahezu mediterranen Charme und zählen zweifellos zu den besten Beispielen des weissen Internationalen Stils.
Nach einer Phase, in der sich Jacobsen mit skulptural geformten Bauten, die durch gelbe Ziegel und herabgezogene Dächer bestimmt sind, der lokalen Bautradition besann, schwenkte er in den sechziger Jahren auf den internationalen Funktionalismus der «Zweiten Moderne» ein, dessen Formenrepertoire er mit unvergleichlicher Präzision handhabte.
Auch wenn Jacobsen vielfach im Ausland - in Grossbritannien und Deutschland - baute, ist er eher als Designer denn als Architekt bekannt. Seine stapelbaren Schichtholzstühle, bei denen Sitz und Rückenlehne aus einem Stück bestehen («Die Ameise», 1952), zählen ebenso zu den Klassikern der modernen Formgebung wie die «Cylinda Line» (1967) für die Firma Stelton. Es gibt kaum ein Designergeschäft, in dem Jacobsens Produkte, die oft im Zusammenhang mit einem Bauprojekt entstanden, nicht erhältlich wären.
Am konsequentesten betrieb Jacobsen die Verbindung von Architektur und Design bei seinem Hotel der Fluggesellschaft SAS (Skandinavian Airline System), das zwischen 1956 und 1961 am Westrand der Altstadt von Kopenhagen entstand, in unmittelbarer Nachbarschaft von Hauptbahnhof und Tivoli. Ein zwanzigstökkiges, west-östlich ausgerichtetes Bettenhaus erhebt sich über einem quergelagerten zweigeschossigen Podiumbau, dessen Nord-Süd-Erstreckung durch den Strassenverlauf bestimmt ist. Mit dem rückwärtigen Teil des Baukomplexes wurde das vertieft geführte Bahntrassee überbaut.
Seinerzeit das höchste Gebäude der Stadt, setzt das Hotel einen prägnanten, nicht unumstrittenen Akzent im Weichbild der Stadt. Proportion und Konfiguration der Volumina erinnern deutlich an das Verwaltungsgebäude für den Lever-Konzern, das Gordon Bunshaft vom Büro SOM 1952 in New York errichtete.
Mit dem leicht grünlichen Glas, das im Brüstungsbereich der von einer Curtain Wall umhüllten Stahlbeton-Skelettkonstruktion des Bettenhauses Verwendung gefunden hat, sowie den graugrün emaillierten Stahlplatten des Podiumgebäudes erzielte Jacobsen eine elegante optische Verfeinerung der Baumasse. Ein zurückgesetztes Zwischengeschoss lässt das Hochhaus scheinbar über dem dunkleren Unterbau schweben - ein Eindruck, der sich zusätzlich verstärkt, wenn sich auf der von filigranen grauen Aluminiumprofilen strukturierten Glasfassade ein graublauer, von Wolken durchzogener Himmel spiegelt.
Funktional gliedert sich der Flachbau in zwei annähernd gleich grosse Bereiche: das SAS-Terminal in Form eines zweigeschossigen, von Rundpfeilern gesäumten Lichthofs im Norden und das Hotelfoyer im Süden.
Zwischen zwei mächtigen Stahlbetonstützen, die das Bettenhaus tragen, betritt man von Osten her die Hotelhalle mit ihrem grauen Marmorboden; geradeaus befinden sich - zwischen Marmorwänden - die Liftschächte, links davon Lobby und Réception. Als eleganten Höhepunkt des Entréebereichs placierte Jacobsen rechts eine an Stahlkappen aufgehängte Wendeltreppe zur Restaurant- und Loungeebene. Dahinter lag ein zweigeschossiger Wintergarten, zwischen dessen doppelten Glaswänden sich Pflanzen befanden. Eine auch von aussen zugängliche Ladenzeile schloss sich an der Südseite der Lobby an.
Jacobsen entwarf alle Ausstattungsgegenstände des Hotels selbst: Teppiche und Vorhänge, Gläser, Geschirr und Besteck, Beleuchtungskörper und Türgriffe, Aschenbecher, Uhren und das gesamte Mobiliar. Prägen scharfgeschnittene Kuben das äussere Erscheinungsbild des Baus, so verwendete er bei der Möblierung des Innern vornehmlich rundliche, Behaglichkeit versprechende Formen und - für Schränke, Tische und Ablagen - den natürlichen Holzton.
Speziell für das Royal Hotel entstanden der den Sitzenden gleichsam umschliessende Ei-Sessel, bei dem Sitzfläche, Lehne und Armstützen aus einer einzigen, nur aus Kurven aufgebauten Styroporschale bestehen, sowie der etwas kleinere Schwan-Stuhl. Bläuliche Farbklänge bestimmten die bei aller Bequemlichkeit streng funktional ausgestatteten Zimmer. Gerade angesichts der geschmacklosen Ausstattung heutiger Hotels muss Jacobsens Konzept als vorbildlich eingestuft werden: es setzte Massstäbe.
Leider ist von all dem nicht mehr viel zu spüren. Mangelnde Sensibilität gegenüber dem Werk eines der bedeutendsten Architekten und Designer dieses Jahrhunderts paarte sich mit der Fixierung auf rein ökonomische Interessen seitens der Direktion. Schon in den sechziger Jahren wurde der Wintergarten durch Zwischendecken unterteilt und in Konferenzräume umgewandelt. Daher zeugen in der Lobby nur noch Decke, Fussboden, die Wendeltreppe und einige Gruppen von Ei-Stühlen von der ursprünglichen Einrichtung. Das Restaurant ist aus dem Podiumbereich verschwunden und neu im obersten Geschoss als Aussichtsrestaurant entstanden; und der Lichthof des Airterminals dient heute als Bürofläche einer Reiseagentur.
Nur noch rudimentär ist die ursprüngliche Ausstattung der Hotelzimmer erhalten. Immerhin dient noch ein Doppelzimmer als Anschauungsobjekt: mit einer Vitrine, in der Jacobsens Besteck und Geschirr zu sehen sind, und der originalen Farbgebung und Möblierung ist es nun gleichsam ein Miniaturmuseum.
Somit wirft der heutige Zustand des Ensembles ein Schlaglicht auf die Probleme, die sich beim Umgang mit derartig durchgestalteten Gesamtkunstwerken nahezu unweigerlich ergeben; die Ästhetik ist wieder einmal den rein funktionellen Anforderungen unterlegen.