|
|
NZZ Folio 03/08 - Thema: Volksvertreter Inhaltsverzeichnis
Schlagschatten -- Maria Stuart, Satansweib auf zwei Thronen
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Als Maria Stuart sechs Tage auf der Welt war, fiel ihr Schottlands Königskrone in die Wiege (ihr Vater starb mit 30 Jahren). Sechs Monate alt, wurde sie dem englischen Thronfolger versprochen. Mit 15 Jahren war sie Königin von Frankreich, mit 17 Witwe, mit 25 zum dritten Mal verheiratet, diesmal mit dem Mörder ihres zweiten Mannes – ein Satansweib auf zwei Königsthronen, das tragisch und nicht ohne Grösse endete. In mehr Dramen, Biographien, Romanen, Balladen ist Maria Stuart verflucht, gewürdigt und besungen worden als jede andere Frau der Weltgeschichte.
1542 geboren, das hiess: in einer Zeit, in der die Könige mit ihren Völkern spielten, als wären sie Immobilien im Privatbesitz Ihrer Majestät; in einem kargen Land, das zwischen Katholiken und Calvinisten zerrissen war; zudem bedrängt von England, dem viel reicheren südlichen Nachbarn. Marias französische Mutter kündigte den Ehevertrag mit dem englischen Königshaus und konnte sie, als sie 15 war, mit dem 14-jährigen französischen Thronfolger vermählen. Der war kränklich, geistig beschränkt und zwei Jahre später tot.
Als die Witwe 1560 nach Schottland zurückkehrte (mit französischen Hofdamen und einem Dichter im Gefolge), hatte das Parlament den Calvinismus zur Staatskirche erhoben. Maria und alle Katholiken empörten sich, es gab Aufruhr, und Elisabeth I., englische Königin seit 1558, schickte Soldaten, um die Calvinisten zu unterstützen.
Dabei war diese Elisabeth nach Marias Überzeugung ein Bastard: nämlich eine Tochter der Anna Boleyn, der zweiten der sechs Ehefrauen Heinrichs VIII. – illegitim aus katholischer Sicht, denn der Papst hatte sich geweigert, Heinrichs erste Ehe zu annullieren. Anspruch auf den englischen Thron konnte folglich nur Maria haben, weil sie die Grossnichte Heinrichs VIII. und die Urenkelin von dessen Vater Heinrich VII. war (so dachte man in solchen Dynastien).
1565, mit 22 Jahren, heiratete Maria ihren Vetter Lord Darnley, obwohl er «ein schwächlicher, eitler Jüngling» war (so beschreibt ihn Churchill in seiner Geschichte der englischsprachigen Völker). Darnleys Einfluss war indessen gross genug, dass er von ihr verlangen konnte, den Dichter umbringen zu lassen, den sie aus Frankreich mitgebracht hatte; er hielt ihn, vielleicht zu Recht, für einen Nebenbuhler. Also geschah es. Dass die Ehe mit Darnley katholisch geschlossen worden war, versetzte wiederum die calvinistische Mehrheit der Schotten in Aufruhr, eine Bürgerkriegsarmee marschierte nach Edinburg, Maria stellte eine Gegenarmee auf und siegte. Dabei tat sich ein Earl of Bothwell hervor, der so zu Marias nächstem Günstling aufstieg: ein Haudegen, der ihr imponierte, ganz anders als ihr Ehemann. Doch war Darnley vermutlich der Vater des Sohnes, den Maria im Juni 1566 zur Welt brachte und der später König von Schottland, ja von England wurde.
Am 10. Februar 1567 lag Darnley erwürgt im Garten seines Schlosses. Unter Historikern ist nicht strittig, dass Bothwell der Mörder war; dass er im Einvernehmen mit Maria handelte, gilt als wahrscheinlich. Drei Monate nach dem Mord heiratete Maria den Mörder – ein Akt unvorstellbarer Gleichgültigkeit gegen die Meinung ihrer Untertanen und des gesamten Abendlands. Aus der Empörung zumal des schottischen Adels gegen die Hochzeit der mutmasslichen Mordkomplizen folgte der nächste Bürgerkrieg. Einen Monat nach der Eheschliessung kam es zur Schlacht. Die Königstreuen verloren, Bothwell floh nach Dänemark, Maria wurde gefangen gesetzt und musste ihre Abdankung zugunsten ihres einjährigen Sohnes unterschreiben.
Nach elfmonatiger Festungshaft gelang es ihr zu fliehen. Hungernd, frierend, abgerissen erreichte sie die englische Grenze und begab sich in den Gewahrsam ihrer Rivalin, der Königin Elisabeth – im Vertrauen darauf, dass Monarchen ihresgleichen ehrenvoll behandeln würden. Ja, ihr wurde ein Schloss angewiesen, doch es blieb unklar, ob sie dort Gast oder Gefangene war. Dass die beiden Frauen einander rhetorisch gezüchtigt hätten, war ein hübscher Einfall Schillers; begegnet sind sie sich nie.
Die Freiheit sah Maria nicht wieder bis zu ihrer Hinrichtung quälende 19 Jahre später. Sie hörte nicht auf, Fluchtpläne auszuhecken und Intrigen gegen Elisabeth zu schmieden. Der Kronrat verurteilte sie 1586 zum Tode. Am 7. Februar 1587 wurde sie zum Schafott geführt, in einem Gewand aus schwarzem Atlas über einem Unterkleid aus scharlachrotem Samt. Als ein Priester in letzter Minute versuchte, sie zur anglikanischen Kirche zu bekehren, herrschte sie ihn an: Sie sei Katholikin, und als Märtyrerin der wahren Kirche wünsche sie zu sterben. Als der Geistliche trotzdem für sie zu beten begann, rezitierte sie mit erhobener Stimme die lateinische Liturgie.
In London flammten Freudenfeuer auf. «Elisabeth sass allein in ihrem Gemach und weinte», schreibt Churchill. «Sie beklagte das Schicksal einer Königin. Die Verantwortung wälzte sie mit einiger Mühe auf ihre Ratgeber ab.»
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|