Gerhard Beier, 1930 in Hohndorf geboren, war einer der - nach eigener Schätzung rund 40, nach Schätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz gegen 600 - Spione der DDR in der BRD. 1983 wurde Beier - Codename «Sachse» - nach zwanzigjähriger Agententätigkeit enttarnt und verurteilt. Als Sohn eines Kommunisten in Nazideutschland aufgewachsen, war Gerhard Beier nach dem Krieg politisch in die Fussstapfen seines Vaters getreten, vom Ministerium für Staatssicherheit als Agent angeworben und in den Westen geschickt worden, wo er es zum Direktor einer Versicherung brachte. Heute arbeitet der studierte Ingenieur als Unternehmensberater mit Stützpunkten in Trier, Luxemburg, Berlin, Moskau, Warschau und Prag.
Herr Beier, warum wurden Sie Spion?
Im Unterschied zu den westlichen Diensten war das im Ostblock keine Frage des Geldes oder des Abenteurertums, sondern der politischen Überzeugung. Danach wurden die Leute ausgewählt. Man hat sehr langfristig geplant ? wenn etwa Studenten an den Fachhochschulen durch Flexibilität, Intelligenz, Organisationstalent auffielen, wurde das registriert. Ebenso an den Diplomatenschulen oder den Kadettenanstalten der Nationalen Volksarmee. Und man achtete auch auf den sozialen Background; idealerweise stammte ein Kandidat aus Arbeiter- oder Bauernverhältnissen. Man fragte sich, wen man in zwei, drei Jahren ansprechen wollte, und legte Dossiers an, beobachtete jeden Schritt. Bei mir begann das schon während meiner Tätigkeit als Jugendfunktionär in der Gewerkschaftsbewegung.
Wann wurden Sie denn erstmals offiziell angesprochen?
1957. Ich hatte vorher schon Kontakt mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gehabt, aber das waren keine Anwerbungsversuche. Da wollte man einfach sondieren: Wie werden wir den später anwerben? Als ich dann offiziell angesprochen wurde, hat man mir praktisch meinen ganzen bisherigen Lebenslauf erzählt. Die wussten, was ich getan hatte, kannten meine Schwächen und Stärken, wussten, mit wem ich Kontakt gehabt hatte ? das Netz war sehr eng geknüpft.
Und Sie liessen sich sogleich anwerben?
Ja, das war eine Frage der Parteidisziplin. Ich bin heute überzeugt, dass meine Anwerbung ab 1949 vorbereitet wurde. In jenen Jahren wurden bewusst Situationen herbeigeführt, die hohe Anforderungen an meine Ideologiefestigkeit stellten, mich in moralische Bedrängnis brachten. Ich wurde beispielsweise als Gewerkschaftsfunktionär von Leuten der sowjetischen Militäradministration besucht, von KGB-Leuten. Es gab Gespräche über heikle Themen, über Trotzki, die Moskauer Schauprozesse; man wollte sehen: wie steht der Mann dazu, ist er innerlich überzeugt, kann er in der Konfrontation mit Oppositionellen bestehen?
In welcher Funktion wurden Sie dann für das MfS tätig?
Als informeller Mitarbeiter (IM) mit einer lockeren Verbindung zum MfS. Ich habe meine ersten Meriten damit verdient, dass ich als Mitarbeiter der Nationalen Front ? dieser sogenannt überparteilichen, SED-gesteuerten Organisation der Blockparteien ? Leute aufsuchte, die regelmässig Westbesuche empfingen. Ich fragte, was die Westleute interessierte ? angeblich, um Anhaltspunkte dafür zu gewinnen, wie man das richtige Bild vom sozialistischen Staat vermitteln kann.
Was war denn das eigentliche Ziel dieser Gespräche?
Primär dienten diese Aufträge dem Erlernen von Befragungstechniken. Das war praktisch eine Vorbereitung auf meine späteren Arbeit als Agent im Westen.
Sie sind in diesen Techniken gezielt geschult worden?
Ja. Die Schulungskurse fanden immer individuell statt, in konspirativen Wohnungen, die ausserhalb Berlins lagen. Es waren stets nur der jeweilige Instrukteur und noch ein zweiter Mann dabei. Es haben sich nie Gruppen kennengelernt. Das ist das alte Prinzip der Tschekisten: die Dreiergruppe. Sie besteht aus dem Agenten, dem Instrukteur und dem Führungsoffizier. Gelegentlich kamen auch Techniker dazu, fachlich versierte Spezialisten, vom Passfälscher bis zum Funkelektroniker. Aber die lernte man nie unter ihren wirklichen Namen kennen. Die langfristigen Residenten im Auslandeinsatz wurden immer allein ausgebildet, schon aus Sicherheitsgründen. Zwei Mann sind einer zuviel. Denn der andere kann einen ja verraten.
Ihre Ausbildung war von Anfang an auf Ihren Einsatz im Westen ausgerichtet?
Zunächst einmal ging es um Abwehr. Es war die Zeit des kalten Kriegs, man hatte fürchterliche Angst vor Propaganda, vor Saboteuren, vor der Unzuverlässigkeit der eigenen Leute. Die meisten wurden mit solchen Abwehraufgaben betraut, auch deshalb, weil man dann Rückschlüsse ziehen konnte, inwieweit sich einer überhaupt für den Auslandeinsatz eignete.
Können Sie uns Beispiele solcher Abwehraufgaben geben?
Ich musste einmal einen Mann in einem Kaliwerk abservieren, der Verwandte im Westen hatte, die er gelegentlich besuchte. Ich wurde als Techniker mit einem Spezialauftrag vorgestellt und baute eine Art freundschaftliches Verhältnis zu diesem Mann auf; schliesslich quartierte ich mich bei ihm ein. Ich habe ein Vierteljahr bei ihm gewohnt und ihn unentwegt beobachtet.
Und darüber haben Sie tägliche Berichte geschrieben?
Nein, Wochenberichte, die zu einem Monatsbericht zusammengefasst wurden. Mit Fakten und meiner Einschätzung des Observierten: Ist er ein Feind der Republik? Ein Mitläufer? Wurde er von einem fremden Dienst angeworben? Wäre er für eine Anwerbung durch uns empfänglich? Einmal habe ich auch eine Zeitlang, vielleicht vier Wochen, im Stasi-Gefängnis mit einem Mann in der Zelle gesessen, der verdächtigt wurde, auf einen Grenzpolizisten geschossen zu haben. Ich sollte herausfinden, ob der Mann schuldig war, ob er politische oder andere Motive gehabt hatte. Man testete damit meine Befragungstechnik, und zugleich prüfte man, wie ich die Belastungsprobe der Haft überstehen würde.
Wie beobachtet man jemanden unbemerkt?
Im Grunde genommen ist es sehr einfach. Das Beste ist, man schliesst mit dem Menschen, den man beobachtet, Freundschaft oder Bekanntschaft - wenn auch nur vorübergehend - und hält sich dann ganz natürlich in seiner Nähe auf. Wie entstehen Bekanntschaften? Man trifft sich an der Theke, trinkt ein Bier zusammen, spricht über Frauen, Hobbies, trifft sich wieder, duzt sich. Die Beobachtung vollzieht sich vollkommen unerkennbar für den Beobachteten. Er vertraut einem. Das bedingt natürlich einen Vertrauensbruch.
Den man ohne moralische Skrupel begeht?
Den muss jeder Agent begehen, das ist Bestandteil seiner Tätigkeit. Der Vertrauensbruch wird moralisch gerechtfertigt durch den Auftrag. Ich begehe ihn für mein Land, ich stehe im Dienst meines Volkes.
Observation war der wichtigste Teil Ihrer Tätigkeit?
Es gab im Hinblick auf meinen späteren Westauftrag auch andere Aufgaben. Zum Beispiel sogenannte Milieustudien. Ich bekam etwa den Auftrag, eine Werft zu besuchen und zu sondieren: Wie arbeitet die Parteileitung, die Werftleitung, die Gewerkschaft? Gibt es persönliche Schwachstellen ? die ja immer auch die Struktur schwächen? Ähnliches habe ich dann später auch im Westen gemacht, wenn es darum ging, Personen zu tippen. Tippen heisst nichts anderes, als die Lebensumstände eines Menschen zu erkennen, eine Schwachstellenanalyse vorzunehmen, um dann sagen zu können: Hier setzen wir an. Wenn ein Mann eben sehr dem weiblichen Geschlecht zugeneigt war, dann wussten wir: Hier schicken wir eine Frau ran.
Welche Aufgaben hatten Sie sonst noch?
Ich musste zum Beispiel in Düsseldorf einen Koffer voll Geld abholen. Damit wollte man mich auf die Probe stellen. Wäre ich nicht zurückgekommen, na gut. Dass ich zurückkam, hiess: der Mann ist integer.
Waren Sie zu jener Zeit hauptberuflich Agent?
Nein, ich führte eine «bürgerliche» Existenz als Ingenieur beim Institut für Fertigungskunde in Karl-Marx-Stadt. Der Leiter des Instituts war ein strammer Parteigenosse, der eingeweiht war.
Wie wurde Ihre Arbeit eigentlich bewertet? Hat man Sie korrigiert, beurteilt?
Für besondere Erfolge bekam man Belobigungen, Medaillen, Orden. Lob ist ein taktisch geschicktes Mittel: Es gibt keine Abwehrreaktion darauf. Gelegentlich hat man Gelage veranstaltet, um zu testen, wie die Leute sich verhalten, wenn sie betrunken sind. Reden sie? Versuchen sie, ihr Prestige auszuspielen? Das Problem der Agenten ist ja, dass sie einer elitären Gruppe angehören, dies aber nie jemanden erkennen lassen dürfen.
Als Sie definitiv in den Westen gingen, erhielten Sie eine «Legende», ein falsche Identität. Nach welchen Kriterien wurde diese ausgewählt?
Das System glich jenem, nach dem auch potentielle Agenten ausgesucht wurden. Man sucht eine Anzahl von Personen aus, von denen man annimmt, sie könnten als zukünftige Legendenspender dienen. Bei Grenzübertritten wurden immer die Pässe fotografiert. Und diese Fotografien wurden ausgewertet. Mein Legendenspender war Fernfahrer, der geriet automatisch in den Kreis jener, die in Frage kamen. Man suchte also jemanden, der mir entsprach, nach Habitus, Alter, Aussehen, Grösse. Die persönlichen Verhältnisse stimmten nicht ganz, also hat man aus diesem Mann ein Waisenkind gemacht, um die Spur zu den Verwandten wegzuräumen. So wurde aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und Erfindungen eine Legende gestrickt.
Daran haben Sie mitgearbeitet?
Ja. Ich habe den Mann etwa vier Wochen lang observiert, seine Lebensgewohnheiten studiert, wie er sich verhielt. Ich war auch in seiner Wohnung, habe mich als Versicherungsvertreter ausgegeben und mit ihm gesprochen. Ich war an all den Orten, wo er gelebt hat, habe seine Wege nachvollzogen. So wurde das Ganze wasserdicht gemacht.
Wie lange hatten Sie Zeit, sich Ihre Legende anzueignen?
Etwa einen Monat. Die Übersiedlungsorder habe ich von einem Tag auf den andern bekommen. Die Spanne wäre sonst zu gross geworden. Man hätte möglicherweise nachvollziehen können: Was war in diesen vier Wochen? In Berlin hat man mir dann gesagt: Morgen früh fährst du. Ich bin losgeschickt worden mit einem Koffer und 1000 Mark, das war's. Und von diesem Moment an war ich auf mich selbst gestellt. Die vier, fünf Jahre Training kamen mir dann zupass. Aber der Übertritt war für mich natürlich eine absolute Zäsur. Ich habe praktisch alle Brücken hinter mir abgebrochen, als ich nach Frankreich ging.
Wann war das?
1964. Ich nahm in Strassburg einen Job in einer Garage an. Ich gab an, wegen Magengeschichten nicht mehr Fernfahrer sein zu wollen. Als Ingenieur hatte ich natürlich mit der Arbeit keine Probleme. Später lernte ich zufällig einen Versicherungsvertreter kennen, durch den ich auch in diese Branche und schliesslich in die Bundesrepublik kam.
Was hat man Ihren Verwandten und Bekannten erzählt?
Vor meiner Übersiedlung war ich offiziell als Instrukteur des Zentralinstituts für Fertigungstechnik tätig gewesen; als solcher bekam ich den Auftrag, in den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe nach Moskau zu gehen. Das ist meiner Mutter so erklärt worden, meinem Vater, meiner Schwester, meinen Freunden und Bekannten, die ich kaum mehr hatte; ich lebte in Berlin völlig anonym in einer konspirativen Wohnung. Meine ganze Post lief dann über Moskau. Meine Briefe gingen nach Moskau und via KGB in die DDR. Und mein Instrukteur brachte hin und wieder die Briefe meiner Mutter mit. So schrieb ich eben im Sommer Weihnachtskarten, die dann zu Weihnachten abgeschickt wurden. Nach drüben hin war die Absicherung also relativ wasserdicht. Und hier hatte ich meine Legende, die ich so häufig erzählte, bis ich sie selbst glaubte. Ich verdrängte vollständig, jemals ein anderer gewesen zu sein. Ich habe meinen eigenen Geburtstag vergessen.
Wie erhielten Sie Ihre Aufträge? Wie blieben Sie in Kontakt mit der Zentrale?
Ich bekam Mitteilungen über Kurzwelle, über A3-Funk, den einseitigen Funk. Sie erinnern sich vielleicht an jene endlosen Zahlenkolonnen, die im Radio verlesen wurden. Jeder Agent hatte seine Nummer und seine Sendezeit, ich hatte meine abends um zehn. Wenn meine Nummer kam, konnte ich die Mitteilung dechiffrieren. Zum Beispiel: 30. 9. 13 Uhr, LH. Das bedeutete, ich sollte meinen Instrukteur am Luxemburger Hauptbahnhof treffen. Da bin ich dann auch am verabredeten Tag gegen 12 Uhr hingefahren und habe mich in der Nähe des Hauptbahnhofs als Spaziergänger betätigt und mich umgeschaut: gab es auffällige Autos oder Leute? Um 13 Uhr bin ich in die Nähe des Treffpunkts gegangen. Hatte ich meine Zeitung unter dem linken Arm, bedeutete das: Ich fühle mich nicht beobachtet. Wäre ich verfolgt worden, hätte ich sie unter dem rechten Arm getragen, und der Instrukteur hätte keinen Kontakt aufgenommen. Nach dieser ersten Begegnung ging man wieder auseinander ? ohne sich zu grüssen, ohne sich zu «sehen» ?, und eine Stunde später traf man sich erneut am vereinbarten Ort. Dann folgte der Instrukteur dem Agenten, meist in ein Lokal, wo man zufällig Bekanntschaft machte. Falls nach einer Stunde der andere nicht mehr am Treffpunkt erschien, versuchte man es eine Stunde später erneut. Wir haben es oft so gemacht, dass wir einen ersten, zweiten und dritten Treffpunkt vereinbarten und uns erst am dritten näher beschnüffelten.
Wie hätten Sie gemerkt, dass man Sie beobachtet?
Aus der Ausbildung wissen Sie, wie ein Observator sich verhält. Als bei mir die Überwachung einsetzte, am 14. Juni 1983, ein halbes Jahr bevor ich enttarnt wurde, habe ich das beim erstenmal gemerkt. Es hätte natürlich Zufall sein können, dass sich im Berliner Flughafen zwei Leute mehr oder weniger auffällig für mich interessierten, aber das liess sich leicht testen. Als ich in Frankfurt ausstieg, bin ich statt nach Hause in den Spessart gefahren. Und da merkte ich, dass ab und zu jemand hinter mir her fuhr. Da war es klar.
Haben Sie Ihr Material immer direkt Ihrem Instrukteur übergeben?
Nein. Zunächst fotografierte ich meine Berichte - Mikrofotografie gehörte zur Ausbildung.
Mit der berühmten Minox?
Ich habe nie eine Minox benützt. Da kann man sich ja gleich auf die Stirn schreiben: Ich bin ein Agent. Nein, wenn Sie in der Öffentlichkeit fotografieren, tun Sie das mit einer ganz normalen Kamera, wie ein Tourist. Die Mikrofotografie dagegen ist eine spezielle Technik. Mit einer Miniaturkamera stellen Sie Mikropunkte her - die messen etwa 1×1 Millimeter -, auf denen Ihre Berichte abgelichtet sind. Dann nehmen Sie eine Ansichtskarte - ich habe meist das Rathaus einer Stadt gewählt -, lösen die obere Schicht ab, placieren die Mikropunkte und schliessen die Schicht wieder. Dann schreiben Sie auf die Karte: Heute war ich im zweiten Stock im Rathaus Hamburg. Viele Grüsse. Dann wissen die Empfänger, dass ich meine Punkte in der Fensterreihe des zweiten Stocks versteckt habe. Die Karte ging an eine Deckadresse, meist pensionierte MfS-Leute, die sie weiterleiteten. Die Deutsche Bundespost hat die Beförderung der Agentenberichte übernommen, für sechzig Pfennig. Das ist die Methode, die heute noch angewandt wird. Die Mikrokamera war übrigens das einzige Beweisstück, nachdem man mich enttarnt hatte. Die Leute vom Bundeskriminalamt haben fast das ganze Haus auseinandergenommen, aber nichts gefunden. Ich hatte sie in der Spielzeugkiste meines Sohnes versteckt; und der hat sie darauf gebracht. Er hat gesagt: Schau mal, was ich hier gefunden habe.
Und die Informationen, die Sie Ihrem Instrukteur weitergegeben haben, wie haben Sie die überreicht?
Ich habe meine Berichte auf Minifilm fotografiert; der hat einen Durchmesser von nur einem Zentimeter. Den habe ich beispielsweise in einem Rasierpinsel versteckt. Dann sind wir auf die Toilette gegangen, er hat meinen Rasierpinsel in sein Reisegepäck gesteckt, und die Sache war erledigt. Oder wir haben Zigarettenschachteln ausgetauscht.
Und worüber haben Sie gesprochen?
Der Instrukteur hatte immer auch die Aufgabe, über die politische Weltlage zu diskutieren. Bei einem Agenten im Ausland treten zwangsläufig Aufweichungserscheinungen auf, durch die Anpassung an die dortige Lebensweise. Je besser Sie sich adaptieren, desto unerkannter bleiben Sie ja. Aber das hat natürlich Folgen für die Psyche. Sie sind ja total isoliert. Ich habe hier eine völlig normale, bürgerliche Existenz geführt, war Direktor einer Versicherungsgesellschaft, verdiente gut, hatte einen grossen Freundes- und Bekanntenkreis.
Waren Aufträge denn auch diskutierbar?
Überhaupt nicht. Der Auftrag wurde erteilt - Parteiauftrag, Staatsauftrag, militärischer Auftrag, wir waren ja Offiziere - und ausgeführt. Den diskutiert man nicht, man erledigt ihn mit bestmöglichem Einsatz. Der Agent des östlichen Lagers steht im Dienst seines Landes, als vorgeschobener Beobachter. In der DDR hiess er: Kundschafter des Friedens.
Worum bestanden in der ersten Zeit Ihre Aufträge?
Die vorhandenen Informanten - ich bearbeitete Frankreich und Benelux - zu führen. Die Quellen hatte ich mir zuvor selber geschaffen. Ab 1961 machte ich grössere Reisen. Dazu musste ich immer heimlich aus Berlin raus, entweder über die grüne Grenze, oder ich bin an stillgelegten S-Bahnhöfen in die S-Bahn nach Westberlin gestiegen, die jemand mit der Notbremse angehalten hatte. Dann wurden die Verbindungen zu den Quellen immer enger, die Pendelreisen, die ich bis 1964 unternahm, wurden zu umständlich und zu aufreibend. Das ging an die Psyche und an die physische Konstitution, ich begann unter schweren Magenstörungen zu leiden. Die Übersiedlung wurde unumgänglich.
Was waren das für Quellen?
Ich hatte beispielsweise eine Quelle in Brüssel, bei der EG, im Bereich der Schwerindustrie. Und dann hatte ich einen Belgier, der sass bei der Nato.
Und denen haben Sie sich als MfS-Agent genährt?
Nein, ich habe nie im Namen des MfS gearbeitet. Der Mann, unter dessen Namen ich meinen Quellen gegenüber auftrat, war beim Bundesnachrichtendienst, sass in Bonn. Irgendwann hatten wir einmal seine Papiere in die Hände bekommen - vielleicht durch seine Sekretärin -, und so hatten wir seine Personaldaten.
War das nicht riskant, als Vertreter des gegnerischen Geheimdienstes aufzutreten?
Ohne Risiko geht es in diesem Geschäft nicht. Aber notfalls hätte ich mich einfach zurückgezogen und eine andere Passidentität angenommen, das war nicht unüblich. Der Mann war praktisch eine Briefkastenadresse: Die Telefonnummer auf meiner Visitenkarte war natürlich falsch, und hätte jemand angerufen, hätte man den leicht abblocken können; ein Geheimdienstler hat immer Ausreden, warum er nicht erreichbar ist.
Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie Sie jemanden angeworben haben?
1962 gab ich ein Inserat in der «FAZ» und in der «Süddeutschen Zeitung» auf: Berliner Betrieb sucht eine Filialleiterin für eine geplante Zweigstelle in München. Darauf bekam ich etwa 100 Bewerbungen, unter anderem eine von der Tochter eines ehemaligen Generalobersten der Wehrmacht. Die habe ich ausgewählt, auf Grund einer Schwachstellenanalyse. Ihre Schwachstelle war: Sie wollte aus München weg, weil sie eine unglückliche Liebschaft hinter sich hatte, und sie liebte Luxus. Ich eröffnete ihr also, als wir uns nach einigen Wochen besser kannten: Mit München wird nichts, aber wären Sie auch bereit, ins Ausland zu gehen? Paris oder Brüssel? Sie war einverstanden. So bin ich nach Brüssel gefahren, habe mir den Anzeiger der EG geholt, die Stellenausschreibungen durchforstet und gesehen, dass eine Sekretärin im Pool gesucht wurde. Ich habe dann der Frau gesagt: Ich bin nicht Vertreter einer Firma, ich bin BND-Mitarbeiter. Und hier ist eine Erklärung, die Sie unterschreiben müssen, darüber, dass Sie über unsere weiteren Gespräche strikte Geheimhaltung üben. Das hat sie unterschrieben. Dann habe ich sie die Bewerbung schreiben lassen und sie wurde angenommen. Sie ging in den Pool und von dort aus dann in eine Spezialabteilung. Ich hatte meine Quelle placiert.
Wie lange dauerten Anwerbungen in der Regel?
Das war ganz unterschiedlich. Es hat solche gegeben, die haben sich über ein Jahr hingezogen. Und andere gingen in 14 Tagen über die Bühne. Jede Anwerbung hat ihre Dramaturgie, erfolgt in kleinen Schritten.
Welche Rolle spielt die Kompromittierung?
In der Regel keine. Auf Dauer ist die Überzeugung das Entscheidende. Nötigung, Erpressung sind auf lange Sicht wenig erfolgreich. Aber grundsätzlich heiligt in dieser Branche natürlich der Zweck jedes Mittel.
Wie bezahlten Sie Ihre Quellen?
Das Geld hoch ich von einem Konto ab, meist in Österreich, und händigte es bar gegen Quittung aus.
Was war Ihr grösster Erfolg?
Erkenntnisse über Militärtechnik. Ich war der, der die Pläne des neuen U-Boot-Getriebes von MAN für die deutsche U-Boot-Flotte weitergeben hat, mit dem dann die sowjetischen Unterseeboote ausgerüstet worden sind.
Welchen Anteil hatte die Spionagetätigkeit in Ihrem Leben? Sie hatten ja einen Beruf.
Das verteilte sich vielleicht etwa 50 zu 50. Ich konnte während meiner Arbeitszeit natürlich Analysen betreiben. Und in meiner Eigenschaft als Versicherungsdirektor hatte ich Zugang zu interessanten Informanten, etwa in der Polizei oder der Bundeswehr, die bei uns eine Kollektivversicherung hatten. Ich habe das ganz beiläufig gemacht. Ich habe eigentlich nie gefragt, ich habe nur in Zweifel gezogen - das ist die erfolgreichste Methode. Wenn zum Beispiel ein Techniker was erzählt hat, habe ich gesagt: Das gibt's doch nicht, das kann ja gar nicht funktionieren. Dann hat mir der lang und breit erklärt, warum es eben doch funktioniert - und ich hatte meine Information. Wenn ich gefragt hätte: wie funktioniert das- hätte er gesagt: das ist geheim. Aber sobald ich seine Fachkenntnisse in Zweifel ziehe, wehrt er sich. Ein anderes Mittel ist das Lob. Wenn man einen genug lobt, will er zeigen, dass er das Lob auch verdient, dass er Dinge weiss, die nicht allen bekannt sind - er zeigt seine Karten. Überhaupt ist in dieser Tätigkeit Suggestionskraft wichtig. Ich habe manchmal Trockenübungen gemacht. An einer Tagung mit meinen Direktorenkollegen habe ich das Gerücht verbreitet, am Abend komme noch ein Bus mit einem Team schwedischer Keglerinnen ins Hotel, ich hätte das vertraulich vom Empfangschef. Und die sind alle wach geblieben und haben auf diesen Bus gewartet. - Lob, Zweifel, Desinformation: das sind die wichtigen Mittel.
Wie hat man Sie denn zuletzt enttarnt?
Man wusste durch Informationen von Werner Stiller, der 1979 übergelaufen war, dass Mitte der sechziger Jahre einige Übersiedlungen nach Kanada, Frankreich und den USA stattgefunden hatten und dass die Agenten aus diesen Drittländern dann in die BRD kamen. Daraufhin hat man eine Rasterfahndung in Gang gesetzt und jene unter die Lupe genommen, die damals eingeschleust worden waren. Und dann ist ihnen ein Zufall zu Hilfe gekommen: Mein Legendenspender, der Fernfahrer, war in Berlin tödlich verunfallt. Als seine Daten in den Computer eingegeben wurden, tauchte meine Adresse auf: Ein Mensch, der nicht mehr lebt, ist plötzlich da. Da hat man angefangen, in den Akten zu wühlen, Bundesgrenzschutz, Einwohnermeldeamt, Passwesen. Man brauchte nur noch zwei und zwei zusammenzuzählen. Sie haben mich observiert, erfolglos, und schliesslich mit dem Sachverhalt konfrontiert.
Wie geschah das?
Unter einem Vorwand haben sie mir Bilder meines Legendenspenders gezeigt. Ich sagte: Den kenne ich nicht. Sie sagten: Das ist Herr Wendt - aber wer sind Sie- Ich sagte: Ich bin Wendt. Wenn Sie mir nicht glauben, müssen Sie halt herausfinden, wer ich bin. Dann kam der Überwerbungsversuch: Wir wissen, Sie sind Agent. Wenn Sie kooperativ sind, gehen Sie hier als freier Mann heraus. Sie boten mir an, als Doppelagent zu arbeiten, aber ich sagte ihnen: Ich bin seit 20 Jahren im Geschäft, das kommt für mich nicht in Frage. Und so nahm das Procedere seinen Lauf: Name, Adresse, wer sind Sie, was haben Sie gemacht? Die harte Tour, die süsse Tour. Ich kam in Isolierhaft, meine Frau durfte mich nicht besuchen. Als sie dann einen Haftbefehl gegen meine Frau ausstellten, sagte ich: Also gut, machen wir einen Deal. Unter der Bedingung, dass meine Familie unbehelligt bleibt, bin ich bereit zu reden. Ich erhielt vier Jahre. Nach zweieinhalb Jahren kam die Begnadigung durch den Bundespräsidenten.
Welches Fazit zieht Sie aus Ihrer Geschichte?
Es gibt an meinem Faxgerät 16 Graustufen. In meinem Leben kann ich mindestens das Dreifache an Graustufen unterscheiden. Meine ganze Lebensgeschichte hat dazu beigetragen, dass ich heute sehr gelassen reagiere. Geschehe, was wolle: es wird mich nicht mehr erschüttern. Das hat meines Erachtens mehr Gewicht als die jahrelange Mimikry, die jahrelange Verstellung. Vertrauensmissbrauch ist eine sehr schlechte Sache, selbst wenn er im Namen der guten Sache begangen wird.
Am Ende einer Laufbahn wie meiner muss man sich ja die Frage stellen: Wozu war es gut? Wozu habe ich all diese Erkenntnis gesammelt? Wie sind sie genutzt worden? Was ist das Endergebnis? Das Endergebnis war ja der Zusammenbruch des Staates. Damit sind zwanzig Jahre meines Lebens in Frage gestellt. Und wenn ich mir die Frage stelle: Was hat es gebracht? Dann lautet die Antwort: Nichts, am Ende bleibt der Scherbenhaufen.
Das Gespräch mit Gerhard Beier führten Peter Haffner und Daniel Weber in Trier.