NZZ Folio 02/05 - Thema: Normen   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Kinderüberraschung

Vor 80 Jahren versuchte die amerikanische Ärztin Clara Davis herauszufinden, was Kinder wirklich essen wollen – die Sauerei war gross.

Von Reto U. Schneider

Von allen wissenschaftlichen Experimenten mit Säuglingen gehören jene der Kinderärztin Clara Davis zu der erfreulicheren Sorte. Der acht Monate alte Abraham G., wie er in der Studie genannt wurde, konnte sich jedenfalls nicht beklagen. Vom 23. Oktober 1926 an, dem ersten Tag des Experiments, bekam er zu jeder Mahlzeit ein Tablett mit zehn Speisen und zwei Getränken aus einem Sortiment von über dreissig verschiedenen Nahrungsmitteln vorgesetzt. Zur Auswahl standen unter anderem Äpfel, pürierte Ananas, Tomaten, gebackene Kartoffeln, gekochter Weizen, Mais, Hafer, Roggen, gehacktes gekochtes Rindfleisch, Knochenmark, Hirn, Leber, Nierchen, gehackter Fisch, Eier, Salz, Wasser, verschiedene Sorten Milch und Orangensaft.

Der kleine Abraham konnte frei unter ihnen auswählen. Er musste bloss nach einer der Schalen greifen oder auf sie zeigen, und eine Kinderkrankenschwester führte einen Löffel damit zu seinem Mund. Er konnte auch «mit seinen Fingern oder sonstwie essen, ohne dass seine Manieren kommentiert oder korrigiert werden dürfen», wie es in der Studie hiess. Am Anfang tauchte er das ganze Gesicht in die Schalen.

Davis wog nach jeder Mahlzeit aufs Gramm genau ab, wie viel Abraham von welchen Speisen gegessen hatte. Etwa sechzig Gramm fand sie jeweils auf dem Lätzchen und unter dem Stuhl. Sie wurden abgezogen.

Mit der eigenartigen Fütterungsmethode wollte Davis die alte Ansicht widerlegen, wonach sich der Übergang von der Muttermilch zur Erwachsenennahrung kontinuierlich über eine Zeit von drei bis vier Jahren hinziehen sollte. Da die Säuglinge ihre Speisen selber wählten, wurde das Experiment auch oft in Zusammenhang mit einer anderen Auseinandersetzung in den Ernährungswissenschaften herangezogen: Sind Tiere – darunter auch die Menschen – in der Lage, aus einer breiten Auswahl von Nahrungsmitteln instinktiv die am besten für ihre Entwicklung geeigneten auszuwählen, oder sollten sie den Ernährungsplänen von Biochemikern folgen, die alle Speisen nach Nährstoffgehalt analysiert hatten?

Neben Abraham brauchte Davis für ihre Experimente in den 1920er und 1930er Jahren in Chicago noch 14 Waisen im Alter zwischen sechs Monaten und viereinhalb Jahren. Die Resultate waren so spektakulär, dass sich ein Journalist fragte: «Hat sich während all der Jahre jemand einen kolossalen Witz mit uns erlaubt?» Obwohl sich Davis’ Kinder nicht nach den Geboten von Eltern und Kinderärzten verhielten, entwickelten sie sich völlig normal. Sie zeigten keine Man gelerscheinungen, litten weder an Bauch schmerzen noch an Verstopfung.

Nach mehreren Jahren und 37 500 servierten Mahlzeiten zeigte sich: Die «Menus» der einzelnen Kinder unterschieden sich nicht nur sehr stark, sie waren auch geprägt von Wellen der Vorliebe für ein bestimmtes Produkt. Es gab Kinder, die vier Bananen nacheinander assen oder sieben Eier. Einen Dreijährigen filmte Davis, wie er als Nachtessen ein Pfund Lammfleisch verschlang. Generell nahmen die Kinder viel mehr Früchte, Fleisch, Eier und Fett zu sich, als Kinderärzte damals empfahlen, und weniger Getreide und Gemüse. Ein Mädchen ass während des Experiments drei Jahre lang nur gerade etwas mehr als ein Kilogramm Gemüse. Spinat wurde von fast allen Kindern verschmäht. Ähnlich unpopulär waren Kohl und Kopfsalat.

Die Kombinationen von Speisen, die die Kinder zu sich nahmen, waren «der Albtraum jedes Ernährungswissenschafters», wie Davis sich ausdrückte: Ein Frühstück konnte aus einem halben Liter Orangensaft und etwas Leber bestehen. Was aussah wie ein ernährungswissenschaftliches Chaos, stellte sich jedoch bei genauerer Betrachtung als sinnvolle Ernährung heraus: Die Mengen an Protein, Fett und Kohlenhydraten lagen nämlich im Rahmen der üblichen Werte.

Davis’ Experiment änderte die Praxis der Ernährung von Kleinkindern. Es zeigte, dass Kinder das Essen Erwachsener problemlos verdauen können und dabei normal heranwachsen und dass «normierte Diäten kaum eine optimale Ernährung sind». Aus den Versuchen wurde aber auch der Mythos geboren, Kinder verfügten über die angeborene Fähigkeit, sich aus einem beliebigen Sortiment von Speisen eine ausgeglichene Diät zusammenzustellen.

Dass das nicht stimmt, wusste schon Clara Davis. Ihre Auswahl bestand ja ausschliesslich aus unverarbeiteten, ungewürzten und ungezuckerten Nahrungsmitteln: kein Brot, keine Suppen, keine Süssigkeiten. Davis hatte beabsichtigt, einen Versuch mit verarbeiteten Speisen zu machen, doch sie erhielt keine Mittel dafür. Wie er herausgekommen wäre, kann man heute an jedem Fastfood-Stand beobachten.




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