NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Das Moshimoshi-Problem

Von Wolf Schneider

WÄRE DAS ÜBERSETZEN eine logische Prozedur, so müsste bei der Rückübersetzung aus einer Fremdsprache der Ursprungstext wieder dastehen; aber was geschah, als ein chinesischer Germanist den Spruch «Aus den Augen, aus dem Sinn» ins Chinesische übersetzt und ein deutscher Sinologe das chinesische Äquivalent ins Deutsche zurückgeführt hatte? Der Spruch hiess nun: «Blind und auch noch schwachsinnig.» Daraus folgt der Rat an Zeitungsleser: Wenn wir auf deutsch serviert bekommen, was eine amerikanische Nachrichtenagentur als Rede eines japanischen Politikers bezeichnet, so haben wir leider nicht annähernd erfahren, was der japanische Politiker gesagt hat.

Und nun sollen also die Computer helfen - Logik in die Sprache bringen und Verlässlichkeit in übersetzte Texte? Computer sollen schaffen, was den Menschen kaum gelingt?

Der Bedarf ist enorm: Milliarden werden ausgegeben bei den Vereinten Nationen in New York, bei der Europäischen Union in Brüssel, bei den internationalen Konzernen, die ihre technischen Handbücher, Kataloge und Gebrauchsanweisungen tonnenweise in Dutzende von Ländern transportieren. Da kann der Computer durchaus helfen: vor allem, indem er das perfekte technische Wörterbuch herstellt. Es schlägt nicht nur für jeden Begriff ein oder zwei Entsprechungen vor wie das gedruckte, sondern es speichert alle Übersetzungen, die in New York und Brüssel je verwendet worden sind, und ermöglicht es den Übersetzern über Tausende von Kilometern hinweg, sich auf das Optimum zu einigen. Auch kann der Computer alle je eingegebenen Sätze festhalten, jeden von ihnen wiedererkennen und so dem Menschen am Bildschirm die neuerliche Arbeit ersparen. Tausende von Übersetzern werden da entlastet und Millionen Übersetzungen schneller und besser erledigt.

Doch die Wünsche ihrer Auftraggeber gehen viel weiter und ebenso der Ehrgeiz einer neuen Zunft, der Computer-Linguisten: Den Mittler aus Fleisch und Blut wollen sie entbehrlich machen. Wird der Rahmen eng genug gesteckt, so kann das sogar gelingen: bei Katalogen beispielsweise, dort also, wo ein begrenzter Wortschatz mit dem Verzicht auf komplette Sätze einhergeht. Auch Sätze meistern die aufwendigsten der heute vorrätigen Übersetzungsmaschinen, jedoch nur dann, wenn die Sätze einfach strukturiert sind. Und schliesslich gibt es Programme mit Tausenden von geläufigen Redewendungen (also mit der Chance, dass der Sinn nicht als Schwachsinn zurückkommt).

Das ist eine Menge. Das meiste indes - alles, was nicht wiederkehrende Floskel, nicht simpler Wortschatz in gestanzten Sätzen ist - entzieht sich bis heute den Möglichkeiten des Computers; die Experten streiten sich nur, ob das noch einige Jahrzehnte so bleiben wird oder für immer. Wird der Computer je die drei Bedeutungen des Wortes lauter unterscheiden können in lauter sprechen, lauter sein und lauter Lügen? Wird er je begreifen, dass man nicht nur einen Rat ausschlagen kann, sondern auch einen Zahn und einen Karton mit Papier, während Zeiger und Bäume das Ausschlagen ohne uns besorgen? Plagen sich die Übersetzer nicht seit Generationen mit Problemen, die auch für sie unlösbar sind: Liebe umfasst amour, affection und charité - was schreibt der Franzose hin? Das amerikanische Modewort sophisticated kann auf deutsch geistreich, gewitzt, kultiviert und weltläufig bedeuten, aber auch raffiniert, ausgefuchst, spitzfindig und neunmalklug. Der Mensch kommt da ins Grübeln; ein geistreicher Computer von einigem Anstand müsste schweigen.

Dies alles bei geschriebenen Texten. Doch die Linguisten unter den Computer-Freaks geben sich damit nicht zufrieden. Sie arbeiten daran, dass Geschäftsfreunde in verschiedenen Sprachen miteinander telefonieren können: Was bei uns deutsch in die Sprechmuschel geht, soll in Tokio japanisch aus dem Hörer kommen. Technisch möglich ist das schon heute, doch müssen die Partner ein paar Nachteile in Kauf nehmen - vor allem diese:   

1. Der Übersetzungsarbeit muss der Computer eine andere Leistung vorschalten: die Identifizierung der Wörter. Die Teilnehmer geben dem Rechner also nur dann eine Chance, wenn sie scharf artikulieren und sich dabei der Hochsprache bedienen. Ein guter Sachse unterscheidet Brötchen mündlich nicht von predigen («Preetchen», sagt er ungefähr) und sollte folglich die Dienste der elektronischen Spracherkennung besser nicht in Anspruch nehmen. Dies bleibt unabhängig vom technischen Fortschritt ein Problem.   

2. Gespeichert haben die heute verfügbaren Spracherkennungssysteme maximal 2000 Wörter. Der Benutzer muss sich also der Hochsprache bedienen und sich dabei jedes Ausflugs in die Bildungssprache enthalten - ein Hochseilakt. Konrad Adenauer kam zwar mit weniger als tausend Wörtern aus, hätte jedoch mit seinem berühmten Satz «Je einfacher reden ist oft eine wertvolle Gabe Gottes» das Grammatikprogramm des Sprachcomputers überfordert.   

3. Sehr schnell sind die heutigen Computer nicht. Das erste Telefongespräch mit automatischer Übersetzung, 1993 zwischen Pittsburgh und Kioto geführt, begann in Japan mit den Worten: «Moshimoshi.» Der Computer stürzte sich in seine Milliarden Rechenoperationen, und nach zwölf Sekunden ertönte in Pittsburgh die synthetische Stimme: «Hello.»




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