NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Das Januarloch-Hemd

© Patrick Rohner
Langarm-Businesshemd, 60 Prozent Baumwolle, 40 Prozent Polyester, Coop, Fr. 9.90. Linktext
Von Jeroen van Rooijen
Nicht einmal zehn Franken für ein Herrenhemd – das ist kaum zu schlagen und darum ideal für das Januarloch. Angeboten wird das weisse Hemd aus einer Grossserienfertigung in Bangladesh von Coop. Trash ist es nicht, auch wenn es zehnmal weniger kostet als ein konventionelles Kaufhaushemd und zwanzigmal weniger als ein Markenhemd. Es ist einfach nur die Basis dessen, was man sich unter einem Businesshemd vorstellt. Es hat einen ordentlich gestärkten Kragen, zwei saubere Manschetten, ein doppeltes Göllerteil auf der Schulter und eine Brusttasche. Weniger darf nicht sein, aber mehr ist auch nicht unbedingt nötig.

Das Material, eine pflegeleichte, durch die Appretur etwas brettige Baumwolle-Polyester-Mischung, wird vermutlich in Stapellagen mit Grossgerät zugeschnitten – anders lassen sich die Abweichungen in den Nahtzugaben nicht erklären. Doch Kragen, Kragensteg, Manschetten und Brusttasche, bei denen diese Schludrigkeiten erkennbar waren, werden auf Schablonen in Form gebügelt, also spielt es am Ende keine grosse Rolle, wenn der Einschlag um ein paar Millimeter variiert. Übrigens verrät die Nahtzugabe der Manschette, dass nicht nur Maschinen an diesem Produkt gearbeitet haben: Mit Bleistift notierte Codes zeigen der Näherin an, welche Teile zusammengehören.

Kragen, Manschetten und Knopfleiste sind mit einer geklebten Webeinlage verstärkt. Etwas brutal werden die Kragenstäbchen aus Plastic beim Absteppen der äusseren Kragenkante einfach mitvernäht und sind danach nicht mehr herausnehmbar. Die Knöpfe sind ohne «Hals» auf dem Oberstoff festgenäht; das führt dazu, dass die schmächtigen Knopflöcher arg strapaziert werden. Dafür glänzt die Manschette mit einem doppelten Knopf, dank dem die Weite regulierbar ist. Absolut sauber verarbeitet ist auch der Ärmelschlitz: Die innere Besatzleiste ist gar angestürzt, was nun wirklich rationeller möglich wäre. Vorbildlich auch die sauber geschlossenen, mit einer Einfaden-Kettelnaht gearbeiteten Kappnähte an der Seite sowie im Armloch – eine Overlocknaht wäre sicher schneller und billiger gewesen. Aber bestimmt nicht schöner. Und sogar ein Ersatzknopf ist auf der Innenseite der Knopfleiste befestigt.

Der Schnitt des Hemdes ist konservativ: Die Seitennähte sind nur leicht tailliert, der Rücken hat zwei Fältchen für etwas Bewegungsfreiheit. Der Saum ist sanft gerundet, damit er leichter zu verarbeiten ist. Der Ärmel, der mit zwei Fältchen in der Manschette endet, hat für die derzeitige Mode eine etwas weite Form. Dafür ist das Hemd lang genug, damit es nicht aus der Hose rutscht – Muji oder Gap machen das schlechter, obwohl ihre Budget-Hemden dreimal so viel kosten.

Am Ende der Produktionsstrasse wird das Hemd geschlossen, mit neun Nadeln und etwas Seidenpapier auf einen Karton gesteckt und der Kragen – comme il faut – mit Kartonstreifen und einer kleinen, transparenten Plasticbrücke am Schliessknopf dreidimensional ausgeformt. Verpackt wird es nur mit einer papierenen Banderole. An einem solchen Produkt verdient wahrscheinlich kaum jemand etwas – ausser dem Grossverteiler, der die extrem schmale Marge über hohe Stückzahlen kompensiert.

Von Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.



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