IN HALABJA, einer kleinen irakischen Stadt nahe der iranischen Grenze, wurde ich 1956 geboren. Halabja, die Stadt der Dichter, im Grünen gelegen und von hohen Bergen umrahmt. Hier lebten viele Jahrzehnte lang die Privilegierten unter den Kurden, Grossgrundbesitzer und Adlige. Wer kannte nicht den Garten des Fürsten oder gar das alte und verlassene Haus des Paschas? Wer hatte nicht vom Granatapfelhain der Dichter in Halabja gehört, dem Paradies oft nationalistisch denkender Schöngeister, die ihre Werke nach dem Genuss scharfer Getränke verfassten? Heute gibt es sie nicht mehr - es gibt weder den Garten noch das Haus des Paschas, und der Granatapfelhain der Dichter wurde schon nach der Machtübernahme der Baath-Partei in den sechziger Jahren zerstört.
Mein Vater stammte aus Iranisch-Kurdistan. Mitte der vierziger Jahre verliess er seine Heimat und kam nach Halabja. Trotz grossem Bemühen gelang es ihm nie vollständig, seinen kurdisch-iranischen Dialekt zu verbergen. Vor seiner Emigration genoss mein Vater eine glanzreiche Zeit voller Macht und Ehre. Khan war er gewesen, eine Art Stammesführer und Besitzer von grossen Ländereien. Fehden und Kämpfe mit einem anderen Khan hatten ihn gezwungen, seine Ländereien zu verlassen. Am Abend, wenn wir Kinder mit Verwandten und Gästen beisammen sassen, war es für mich und meine Geschwister immer ein Triumph, wenn einer von uns seinen Kopf auf Vaters Schoss legen konnte, während er eine seiner Geschichten erzählte: keine Märchen, sondern Geschichten aus seinem Leben, Geschichten von Krieg, Flucht und Vertreibung, Geschichten über Kämpfe mit Türken, Persern, Arabern und mit anderen kurdischen Khans. Von jedem Kampf hatte mein Vater ein Andenken zurückbehalten. Er erzählte uns von Hungersnöten. Bei einer half er sich und den ihm unterstehenden Bauern dadurch, dass er eine bis zum Rand angefüllte Kornkammer aufbrechen liess. Dank dem erbeuteten Getreide überlebten sie alle.
Vor der Ehe mit meiner Mutter war mein Vater viermal verheiratet. Als er nach Halabja kam, war er schon über 50 Jahre alt. Sein immer noch beträchtliches Hab und Gut sowie sein Ansehen erlaubten es ihm, trotz seinem Alter ein sechzehnjähriges Mädchen zu heiraten. Damit gewann er nicht nur eine junge Frau, sondern gleichzeitig den Schutz des mutigen und kriegerischen Stammes der Kokoi, dem meine Mutter entstammte.
Bis heute spielt die Familie der Ehepartner unter Kurden die entscheidende Rolle. Bags, Angehörige der Oberschicht, heiraten wie früher zumeist untereinander. Einfache Leute suchen durch den Anschluss an einen mächtigen Stamm zu Schutz, Ansehen und Besitz zu kommen. Junge Mädchen werden wie früher vorwiegend von ihrer Familie verheiratet, wobei es meistens noch üblich ist, dass der Vater der Braut für seine Tochter eine ansehnliche Mitgift erhält. Die junge Frau gibt in der Regel mit dem Tag der Hochzeit ihre früheren Tätigkeiten auf, um sich nun ganz ihrer Aufgabe als Hausfrau und Mutter zu widmen. Es kommt sogar vor, dass ein alter, verwitweter Vater seine junge Tochter gegen eine andere Frau gewissermassen tauscht. Allerdings werden diese traditionellen Formen der Verheiratung immer seltener. Junge Männer und Frauen wählen zunehmend selber ihre Partner oder widersetzen sich den Entscheidungen der Eltern.
Wie meine Eltern und Grosseltern wurden meine Geschwister und ich im Krieg geboren. Eine Unzahl von Kriegen zog über Halabja hinweg und machte die primitiven Lehmhütten dem Erdboden gleich. Doch die einfachen, höchstens zwei Meter hohen Wände der Häuser waren schnell wieder hochgezogen. Die flachen Lehmdächer klebten wie aus einem Guss aneinander, und wir Kinder spielten wie auf einer langen Plattform auf ihnen. Ein kleiner Sprung genügte meist, um von einem Dach auf das nächste zu gelangen. Neben diesen an die Bergabhänge gebauten Lehmhütten ragten die hohen Minarette und mehrstöckigen Wohnhäuser der wohlhabenderen Stadtbewohner majestätisch hervor.
Unser eigenes Haus war massiver als die meisten anderen. Dicke Teppiche und Schmuckstücke zierten es im Innern. Da gab es eine englische Uhr, die noch aus den dreissiger Jahren, der Zeit des Krieges mit den Briten, stammte. Sie funktionierte nicht mehr und zeigte immer halb vier. Das war unsere einzige Uhr. Alte Waffen unterschiedlichster Herkunft, auch russische und deutsche, hingen an den Wänden. Meine Mutter nannte diesen Raum mit den Waffen und der Uhr das «Zimmer der Heimat». Als Kind verstand ich dies nicht. Ich nahm es einfach hin als eine Bezeichnung ohne Sinn. Erst als junger Erwachsener ahnte ich, dass unsere Heimat Kurdistan vielleicht nichts anderes bedeutete als Kampf, Kampf mit den Waffen der anderen und auch Kampf gegen die alten Kolonialmächte. Vielleicht sollte auch Kurdistan genauso künstlich wie dieses Zimmer sein, ein Schaustück, etwas, das es vielleicht in Wirklichkeit gar nicht gab. Und ich rätselte, wie meine Mutter, die mir immer so naiv erschienen war, diesen Begriff überhaupt prägen konnte.
So wuchs ich in dem Bewusstsein auf, einer besonderen Familie zu entstammen. Wie einen Heiligen verehrte man in der Stadt meinen weissbärtigen Vater. Man schrieb ihm und den Dingen, die er gebrauchte, heilende Fähigkeiten zu. Wenn die Geburt eines Kindes bevorstand oder jemand schwer krank war, verlangten die Leute nach seinem Gürtel. Auch meine Mutter wurde verehrt. Des Morgens, noch im Dämmerlicht, standen Mütter mit ihren verletzten Kindern vor unserem Haustor Schlange und warteten, dass meine Mutter die Wunden der Kinder mit ihrem Speichel benetzte. Ehrfurchtsvoll nahmen sie die Gabe meiner Mutter entgegen; die Wunden heilten, und ich betrachtete das als Selbstverständlichkeit. Meine Mutter fiel ausserdem die Rolle der Schiedsrichterin zu. Gab es Streit zwischen verfeindeten Familien, wurde sie gerufen, damit sie schlichtete.
Wenn unsere Mutter in der Nacht zu uns kam und uns weckte, wussten wir, dass wir fliehen mussten. Zwischen den Lasten hatte man uns einen kleinen Platz auf den Maultieren gelassen. Säuglinge wurden mitsamt der Wiege auf den Maultieren festgebunden. Der Weg führte auf einfachen Pfaden durch die Berge. Wenn dann die Morgensonne aufging und wir uns schon nahe am Gipfel des Berges von Halabja befanden, wurde mein Vater auf seinem Pferd immer unruhiger. Verzweifelt rief er: «Ihr mächtigen Berge! Wir sind Kurden. Ausser euch haben wir keine Freunde. Nur ihr allein könnt uns schützen.» Ich verstand nichts von alldem. Ich wusste nicht, warum wir überhaupt flohen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Eltern irgend etwas Falsches getan hatten. Es hiess einfach nur, wir müssen fliehen, sonst tötet uns die irakische Regierung. Ich nahm wahr, dass Flugzeuge Bomben abwarfen - ich verstand aber nicht. Warum schlugen die Soldaten meine Mutter, während sie ihnen doch nur Wasser gab?
Mit jedem Jahr, das wir Kinder älter wurden, machten wir uns mehr Gedanken über unser Leben. Genauso wuchs die Sorge meiner Eltern um uns. Ohne ein Buch darüber gelesen zu haben, wurde Kurdistan für mich zu einem Zauberwort, dem ich meine kindliche Liebe widmete. Die fortwährende Beteuerung unserer Lehrer, Kurden und Araber seien ein und dasselbe und zudem beide Muslime, machten mich und meine Mitschüler immer stutziger, weil wir doch genau wussten, dass wir eine andere Sprache und Lebensweise hatten und aus unerklärlichen Gründen immer wieder fliehen mussten. Füchse nannten wir die Lehrer. Sie wollten uns zu etwas erziehen, das wir nicht waren und auch nie sein wollten.
Bei Einbruch der Nacht, wenn die Peschmerga kamen, standen wir Kinder erwartungsvoll auf den Strassen, in den Händen Tüten, gefüllt mit Geschenken und Lebensmitteln. Oft gingen wir den Peschmerga voraus und führten sie zu dem Ort, wo sie ihren Angriff beabsichtigten, um sie vor den irakischen Soldaten und kurdischen Söldnern zu schützen. Sobald wir ihre Schüsse hörten, jauchzten wir vor Glück, während wir in unsere Häuser zurückrannten. Kurze Zeit später hörten wir dann ihre schnellen Schritte, die in Richtung der Berge verhallten. Bei Sonnenaufgang gingen die Stadtbewohner dann auf die Strassen und suchten nach den gefallenen Peschmerga. Wenn es einen gab, wurde er meist von einem laut dröhnenden Panzer durch die staubigen Strassen geschleift; gab es keinen, so gingen die Menschen glücklich in ihre Häuser zurück, und meine Mutter pflegte dann die alte Platte des kurdischen Sängers Said Ali Asgar zu spielen. Seinen Liedern lauschten wir wie einem Triumphgesang.
In unserem Viertel waren wir nur wenige Kinder, die die Schule besuchten. Von Jahr zu Jahr verkleinerte sich die Zahl meiner Mitschüler. Den einen traf eine verirrte Kugel, ein anderer wurde mit seiner Familie in den Südirak evakuiert, ein Dritter wurde zusammen mit seinem Vater erschossen. Als ich mein Abitur ablegte, waren mir nur noch zwei enge Freunde geblieben. Abdullah brach die Schule notgedrungen ab, da nach dem Tod des Vaters die Familie verarmte und er mit für den Lebensunterhalt sorgen musste. Mohammad starb nach Beendigung der Schule an Malaria.
In jener Zeit, Mitte der siebziger Jahre, war der kurdische Nationalismus wie ein Fieber, welches das ganze Volk und besonders die jungen Menschen erfasste. Eines Morgens beim Aufstehen bemerkten wir, dass mein jüngerer Bruder in der Nacht verschwunden war. Drei Monate später kamen in der Nacht vier Peschmerga in unser Haus. Der vorderste von ihnen war mein Bruder. Nun veränderte sich der Gesichtsausdruck meiner Mutter: die bis dahin nicht zu beirrende Zuversicht wich einer unbekannten Angst.
Für mich war die Verwandlung meines Bruders nicht mehr als ein Abenteuer. Dass sie für uns alle Lebensgefahr bedeutete, wusste damals vielleicht nur meine Mutter. Einige Wochen später drangen beim Mittagessen irakische Geheimdienstler in unser Haus. Ein kurdischer Söldner, der sie dahin geführt hatte, erklärte uns, wir müssten ins Gefängnis von Slemani, weil mein Bruder Peschmerga sei. Sie führten uns drei - mehr waren nicht im Hause - ab. Mein Vater starb an den Folgen des Gefängnisaufenthaltes, meine Mutter wurde auf Grund einer Amnestie freigelassen, und ich selbst nutzte die erste Gelegenheit, um in Richtung Iran zu fliehen.
An der Grenze bat ich die iranischen Grenzsoldaten um Asylgewährung. Nachdem ich ihnen gesagt hatte, ich sei Kurde, wurde ich ohne weitere Befragung in das Gefängnis von Kermanshah gesteckt. Nach einer Woche wurde ich entlassen und kam zum erstenmal mit iranischen Kurden in Kontakt. Auf den ersten Blick sah ich kaum Unterschiede zwischen ihrer Lebensweise und der unsrigen. Doch dann bemerkte ich schnell, dass die Menschen auf den Strassen hier mit wesentlich grösseren Hemmungen Kurdisch sprachen. Nur zu Hause konnte man sich frei auf kurdisch unterhalten. Das gesamte Beamtenwesen war dominiert von Persern, die Persisch als offizielle Amtssprache benutzten. Ich vermisste kurdische Zeitschriften und Zeitungen, kurdische Schulen. Auch für die kurdischen Kinder, die zu Hause nichts anderes als Kurdisch hörten, war die persische Schulsprache Pflicht. Auf den belebten Strassen des Bazars hörte ich nicht wie in Halabja die lauten Töne der kurdischen Musik. Nur islamische Gesänge und der fünfmalige Gebetsaufruf täglich dröhnten aus den überall aufgestellten Lautsprechern. Es war etwa 1980, also kurze Zeit nach der islamischen Revolution in Iran. Die Menschen schienen bedrückter als im irakischen Kurdistan. Frauen, die sich bei uns so gern in ihren bunten Kleidern auf den Strassen zeigten und ab und zu sogar enge Hosen zu tragen wagten, gingen hier wie schwarze Gespenster herum, von oben bis unten vom Tschador verhüllt. Selbst dreijährige Mädchen mussten ihn tragen. Wo war das lebenslustige Wesen der Kurden geblieben? Das Wort Kurde hörte ich dort kaum. In Iran war ein Kurde ein muslimischer Bruder oder eine Schwester aus Westiran.
Am Abend, wenn wir in den Häusern beisammen sassen, raunten mir meine Gastgeber zu, dass das Blut der Kurden in Mahabad, Sanandaj und anderswo in Strömen fliesse. Man bestrafe diese Ungläubigen nicht nur wegen ihrer Lebensfreude - so hiess es von iranischer Seite. Jetzt, in der neu ausgerufenen islamischen Republik, durften kurdische Frauen nicht mehr, wie seit Jahrhunderten, ohne Kopfbedeckung, in bunten Kleidern, Hand in Hand mit Männern öffentlich tanzen und lachen. Die Frauen waren vom islamischen Alltagsrecht am stärksten betroffen, sie, die es gewohnt waren, in der islamischen Welt eine Sonderrolle einzunehmen: Selbständig hatten sie im Haus entscheiden, Gäste empfangen und bei allen Zusammenkünften dabeisein können, selbst politische Funktionen hatten sie ausgeübt. Nun sollten sie das Haus hüten, auf die gesellschaftliche Anerkennung verzichten und sich vollständig dem Willen eines patriarchalischen Systems fügen.
Meine Verwandten in Iranisch-Kurdistan rieten mir ab, nach meinem dreimonatigen Aufenthalt nochmals nach Halabja zurückzukehren. Doch in Iran zu bleiben schien mir ebenfalls unmöglich. Niemals zuvor hatte ich ein solches Ausmass an alltäglichen Grausamkeiten mit ansehen müssen. Hier als Kurde zu leben, erschien mir als vollkommene Verleugnung meiner selbst, und so beschloss ich, mich auf den Weg nach Syrien zu machen.
Auch in Damaskus lernte ich Kurden kennen. Anfangs fiel es mir schwer, sie überhaupt zu verstehen, weil hier im Unterschied zu Irakisch- und Iranisch-Kurdistan nicht mehr der Dialekt Sorani, sondern Kirmandschi gesprochen wurde. Aber auch ohne grosse Worte verstand ich, dass die Kurden hier zu den Ärmsten der Armen gehörten. Rechtlos und heimatlos, ohne Ausweispapiere und ohne Wahlrecht, bildeten sie die unterste soziale Schicht. Arbeitserlaubnis bekamen sie keine und waren so zu Schwarzarbeit verdammt. Hingegen mussten sie Militärdienst leisten. Und wenn dann bei Gefechten, beispielsweise mit den Israeli, einige Kurden umkamen, so war dies für die syrische Regierung fast schon ein Glück - weil sich so die Zahl der potentiell aufständischen Kurden noch weiter reduzierte. Obwohl ich Arabisch sprach und auch einen Studienplatz in Jura angeboten bekam, zog ich weiter.
So kam ich schliesslich nach Berlin. Ein winziges Zimmer, ganz nahe an der Mauer. Erneut befand ich mich in einem geteilten Land, und wieder hinter Mauern. Ich dachte an mein geteiltes Land, an mein zerrissenes Volk. Zwölf Jahre lang hoffte ich auf ein Wiedersehen mit meiner Mutter, meinen Geschwistern, meinen Freunden. Fast täglich setzte ich mich in meinem Exil mit den Begriffen Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Freiheit auseinander, fragte ich mich, warum hier ein freies Leben möglich ist, während in meiner Heimat die Kurden sterben müssen. Anstelle der erhofften Nachricht von der Befreiung meines Landes erreichte mich im März 1988 die Meldung vom irakischen Giftgasangriff auf Halabja. 5000 Tote in nur wenigen Minuten. Auf das junggebliebene Gesicht meiner Mutter legte sich in meinen Gedanken ein schwarzer Schleier. Und ich zwang mich dazu, alle Menschen, die in meiner Erinnerung so geblieben waren, wie ich sie verlassen hatte, zu vergessen.
Doch nach dem Golfkrieg und der Niederlage Saddam Husseins wurde der Traum von der Heimkehr wahr. Ich nahm den Weg über die Türkei, direkt durch das dortige kurdische Gebiet, das ich noch nie gesehen hatte. Damit hatte ich auch den letzten Teil meiner zerstückelten Heimat kennengelernt. Am Flughafen von Ankara wurden die türkischen Zollbeamten misstrauisch, als sie in meinem deutschen Pass meinen Geburtsort Halabja lasen, und es begann eine peinlich genaue Durchsuchung meines Gepäcks. Die Beamten fanden mein Buch über Kurdistan. Ohne ein Wort der Erklärung wurde ich ruppig abgeführt und zu einem Ort gebracht, wo man mich für 17 Stunden ohne Wasser und Brot in ein dunkles Loch sperrte - eine Behandlung, die ich weder im Irak noch in Iran erfahren hatte. Schwankend zwischen Weinen und Wut fragte ich mich, warum wir nur wegen unseres Kurdeseins so behandelt werden. Irgendwann holte man mich und führte mich mit verbundenen Augen zum Verhör. Unter den Beamten schien es offenbar ausgemacht, dass ich ein Mitglied der PKK sei. In meinem Buch gab es eine Karte, in der das kurdische Gebiet in der Türkei gesondert eingezeichnet war. Doch am nächsten Morgen liess man mich gehen. Die Beamten erklärten, sie bedauerten den Vorfall, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Wieder wie im Traum schien ich frei zu sein. Mit einemmal war alles vergessen - ihr Geschrei, ihre Rempeleien und ihr Stossen. Die Hoffnung auf das Wiedersehen war wieder da, wie ein Geschenk des Himmels.
Eine Woche blieb ich in Diyarbakir. Kurde sein hiess hier wieder Armut, Verachtung, ein ungebildetes und rohes Dasein. Auf 10 000 Kurden kamen ein Arzt und 1000 Soldaten. Strassen voller Panzer und Militärpatrouillen, Gefängnisse voller Kurden hinter hohen Stacheldrähten. Die Zeit schien stillgestanden zu sein. Viele Kurden, denen ich begegnete, lebten wie im Mittelalter. Sie hatten in ihrem Leben noch nie eine Orange oder aus einem Hahn fliessendes Wasser gesehen. Beim Gespräch merkte ich, wie plump und schwerfällig ihnen ihre Sprache, deren Dialekt ich schwer verstand, von den Lippen ging. Stets blickten sie sich scheu um, wenn sie mit mir redeten. Die Angst, sie könnten Schwierigkeiten bekommen, bloss weil sie auf der Strasse Kurdisch sprachen, schien noch tief zu sitzen, auch wenn es ihnen schon seit zwei Jahren offiziell erlaubt war, öffentlich ihre Sprache zu sprechen.
Jenseits der Grenze wurde ich vom Schild «Welcome to Kurdistan» begrüsst. Im Auto bemerkte ich beim Vorbeifahren an jeder Ecke die zerstörerische Hand des brutalen Regimes. Menschen lebten unter Wellblechdächern, Kinder verkauften schmutziges Benzin in Plastic-Kanistern. Dennoch durchströmte mich eine heisse Freude, und ich ahnte, dass ich ohne diese Erde hier nicht leben kann. Überall nur Schutt statt Dörfer, überall Friedhöfe statt Felder. Wie vor 25 Jahren sah ich an jedem Ort und zu jeder Tageszeit kahlgeschorene Kinder in ihren bunten Kleidern. Wie wir seinerzeit formten sie Pferde und Waffen aus braunem Lehm. Ihre Gesichter passten nicht zu ihren kindlichen Körpern. Der Kummer hatte sie so alt wie die ihrer Eltern gemacht.
Ich umarmte meine Mutter. Sie war erst 54 Jahre alt, und dennoch war es mir, als hielte ich nur ein Häufchen Elend in meinen Armen. Später fragte ich sie, wo die Uhr geblieben sei, die immer halb vier anzeigte. Beschämt nahm sie ein Stück Holz in die Hand, stocherte damit in der Erde herum und sagte dann mit gesenktem Kopf: «Mein Sohn, nachdem wir nach dem Giftgasangriff wieder nach Halabja zurückgekehrt waren, war von unserem Haus nicht mehr viel übriggeblieben. Vielleicht ist die Uhr im Zimmer der Heimat mit all den anderen Sachen begraben worden.» Ihre von der Kälte aufgerauhten Hände drückte ich an meine Lippen, als ich mich an einen warmen Wintertag erinnerte, an dem mein Vater laut zu unseren Gästen sprach: «Leute, diese englische Pendeluhr ist das Symbol der stehenden Zeit für das ganze Kurdistan.»
Und bei mir hoffe ich, dass die stehende Zeit für Kurdistan vergangen ist und eine neue Zeit beginnt.
Namo Aziz ist Orientalist und Schriftsteller. Er lebt in Köln.