NZZ Folio 11/07 - Thema: Schuhe   Inhaltsverzeichnis

Der Vorher-Nachher-Effekt

© Jost Wildbolz, Zürich
«Ich mag keine Halbschuhe»: Stephan W. Feierabend, 45, Rechtsanwalt. Linktext
Mit der Zahnbürste vor dem Regierungsgebäude von Mendoza, mit dem Nagel vor dem Prado in Madrid: Wie es ist, sich in der Fremde die Schuhe putzen zu lassen.

Von Dieter Meier

Seit kürzesten Kindsbeinen bin ich eitel und gefallsüchtig. Mit Bauklötzchen, Murmeln und Holzautos zu spielen, hat mich schon als Dreijährigen wenig interessiert, dafür war ich umso versessener nach Verrichtungen, die in der Welt der Erwachsenen zum grössten Ansehen führen, das sich ein Knirps erwerben kann.

So wurde ich einer der jüngsten Grossmeister des Abwaschens und bin im Umgang mit schmutzigem Geschirr ein Virtuose und jeweils mit dem gesamten Abwasch fertig, während der Durchschnittsathlet noch mit dem Füllen der Maschine beschäftigt ist. Die Methode werde ich an dieser Stelle nicht preisgeben, sondern bis zu dem glücklichen Tag aufsparen, an dem ich zu diesem Thema nach meiner ernst zu nehmenden Meinung gefragt werde.

Nach den Ausführungen über das Abwaschen, mit dem ich mich jahrelang schamlos anbiederte und beliebt machte, bin ich nun endlich beim eigentlichen Thema und teile mit, dass ich mich auch ums Schuheputzen, meine andere grosse Passion, riss und mich kindisch freute, wenn der Grossvater nach einem schweren Gewitter mit besonders schmutzigen Schuhen nach Hause kam, weil die Strasse von der Station Wiesendangen bis hinauf in die Steinegg 1949 noch nicht asphaltiert war.

Das Putzen der perfekt verdreckten Schuhe war ein Hochgenuss, weil das Resultat so wunderbar augenfällig war, dass der kleine Adept sich am Vorher-Nachher-Effekt noch mehr freuen durfte. So ist denn das Schuheputzen für mich bis zum heutigen Tag eine äusserst befriedigende und deshalb beruhigende Tätigkeit geblieben, weil mit vergleichsweise kleinem und überschaubarem Einsatz ein so wunderbar glänzendes Ergebnis zu erzielen ist, das andererseits auch die Anlage hat, den Weg zur Weisheit zu korrumpieren wie jedes unzweifelhaft strahlende Gelingen.

Auch der grosse indische Sufi Meher Baba hat sich auf dem Weg zur letzten Lockerung als Schuhputzer an die Via Veneto zurückgezogen, nachdem er einen erlauchten Kreis um den russischen Fürsten Jussupow auf jahrelangen Weltreisen zum Kern des Seins geführt hatte.

Da ich das Zen in der Kunst des Schuheputzens seit nunmehr 58 Jahren praktiziere und hiermit dem verehrten ­Lesepublikum dringend anempfehle, werde ich an dieser Stelle auf die zwölf Basismethoden eingehen, ohne mich in den Wirrungen der Untergruppen zu verheddern.

Es gibt tatsächlich viele Finessen, von der Zahnbürste, die der Zahnlose vor dem Regierungsgebäude in Mendoza kundig über den handgenähten Rahmen der Parlamentarierschuhe führt, wobei er stolz erzählt, wie er es mit fünf Bürsten und ein paar Dosen Wichse schaffte, alle seine drei Kinder in Buenos Aires studieren zu lassen, bis zum alten Diener der steiermärkischen Grafen Goess-Saurau, der für den perfekten Glanz auf seine Spucke vertraut, aber erst am späten Morgen, wenn ihr die ersten drei Krügerl Bier die gewünschte Konsistenz verliehen haben.

Die Illusion der dreidimensionalen Oberfläche, an der jeder ehrliche Experte zwischen Kalkutta und Chicago arbeitet, kommt nach Ausführungen des Vor-Proustianers Joris-Karl Huysmans in seinem Roman, der lustigerweise den Titel «Gegen den Strich» trägt, nur zustande, wenn Schuhe ungetragen über Jahre wöchentlich einmal geputzt werden. Eine Methode, die nur noch selten praktiziert wird.

Ein wahrer Meister seines Faches hatte seinen Arbeitsplatz in New Yorks Financial District, stilsicher und geschäftstüchtig vor dem kleinen Friedhof bei der Trinity Church. Wenn eisiger Wind durch die Schluchten Manhattans zog, überreichte der greise Afroamerikaner seinem Kunden, während er das Putzwerk vollbrachte, einen Zettel im Plasticumschlag, auf dem zu lesen war, dass es für einen Mann seines Jahrgangs eigentlich zu kalt und zu ungesund sei, im Freien zu arbeiten, und man ihm deshalb die Entlöhnung von vier Dollar verdoppeln möge und so sein Leben mit grosser Wahrscheinlichkeit verlängere, damit er ein weiteres ganzes Jahrzehnt während der wärmeren Monate seine weitherum gefragte Dienstleistung erbringen könne. Tatsächlich wurde seine überaus logische Bitte erhört, und der gute Mann konnte seine Firma im Winter täglich kurz vor zwölf Uhr schliessen.

Hier noch zwei weitere Schuhputzgeschichten, dann aber hurtig zu Empfehlungen betreffend Schuhwerk. Die erste Geschichte spielt in einem Park beim Prado in Madrid. Zwei junge Männer, deren Gesichter mit dem abgegriffenen Adjektiv «verwegen» ausreichend beschrieben sind, offerieren ihre Dienste äusserst aggressiv mit den Worten «Very special, Sir, very, very special». Meier-Ratlos lässt sich auf das Angebot ein. Die Burschen fordern ihn auf, die Schuhe auszuziehen, da ihre Spezialmethode nur auf dem kleinen Schuhamboss, den sie auf einer Holzkiste montiert mit sich tragen, perfekt appliziert werden könne.

Kaum hat der eine den Schuh in der Hand, stülpt er ihn mit den Worten «reparar, reparar» über sein Eisen, und eh ich michs versehe, schlägt er einen dicken Nagel durch die Sohle. «Que pasa?» so meine äusserst treffende Frage. Es sei nicht ihr Fehler, dass ich mit kaputten Schuhen unterwegs sei, aber sie könnten den Nagel für zehn Dollar herausziehen. Ich betrachte das Malheur, kann die aufkommende Wut gerade noch glätten, handle den Preis auf fünf Dollar hinunter und bekomme den Schuh mit einem kleinen Loch in der Sohle, sonst aber ganz paletti, zurück und freue mich, dass ich über die originelle Geschäftsmethode lachen kann und nicht in den Niederungen des Zorns den Tag vergeude, womit Geschichte eins, die mir am Schluss ein bisschen eitel scheint, abgeschlossen ist.

Nach einem harten Schnitt befinden wir uns vor dem Taj-Mahal-Hotel in Mumbai. Ein kleiner Junge fuchtelt mit seiner grossen und einzigen Bürste in der feuchten Luft der letzten Monsuntage. Ich setze mich auf die Hafenmauer und überlasse mich seinen Diensten. Mit der Triple-trocken-Methode wirbelt er über meine Schuhe, und als sein Werk vollendet ist, verlangt er mit grossen, traurig verschmitzen Augen, wohlwissend, dass die Putzerei nur Symbolcharakter hatte, nach seinem Lohn.

Während ich mit einer Armbewegung zur Gesässtasche nach Münzen suche, einer Bewegung, die in dieser Stadt aufreizenden Charakter hat, versammeln sich über zehn kleine Kollegen in einem Halbkreis um mich herum, zeigen alle ihre Bürsten und beginnen sofort, mein Schuhwerk zu bearbeiten, weil es ja nicht ums Putzen geht, wie Pantomimen, fast ohne es zu berühren.

Nach fünf Putzvorgängen dieser Art verabschiede ich mich von den protestierenden Jungs, die noch nicht an der Reihe waren, und erinnere mich an meinen ersten Vertrag mit Warner Bros., als Anwälte zu meinem Vorteil so lange verhandelten, bis ein guter Teil der Gage weggeputzt war und der Chef der Firma den tüchtigen Rechtsvertretern mitteilte, es sei jetzt genug, da der Tonträger schon seit zwei Wochen auf dem Markt sei.

Während Schuheputzen ein einigermassen überschaubarer und empirisch zu lernender Prozess ist, gehört das Kaufen von Schuhwerk zu den schwierigsten Tätigkeiten im Leben eines aufgeklärten Konsumenten. Sicher gibt es auf der Achse Budapest–Wien–München–Paris–London hervorragende Meister ihres Fachs, die ein der Befindlichkeit dieser Städte entsprechendes Produkt auf hohem Niveau herstellen.

Der Entscheidungsprozess um den Schuh, in dem der Mensch auf unserem Planeten umherschreitet und mit ihm in ständigem Kontakt ist, hat aber bedeutend weitreichendere Auswirkungen auf das Wohlbefinden als die Auswahl von Jacke und Hose. Je nach Schneider und seiner Laune bin ich mehr oder weniger elegant gekleidet, was mit Scheinen und Oberfläche zu tun hat.

Solange die Hülle nicht zu klein ist, kann ich in ihr leben, auch wenn sie schlecht sitzt oder mit falschem Tuch ein einziger Aufschrei gegen meinen Geschmack ist. Wehe mir aber, wenn ich in den falschen Schuhen stehe (über die Socken, die wichtigste Verbindung direkt zum Fuss, wird später noch zu reden sein). Eingeschnürt oder schlotternd und frierend, oder schwitzend mit brennenden Fusssohlen und feuchten Füssen, bin ich ein geschundener Knecht der Fortbewegung in der Innenstadt, dem das Flanieren zur Qual wird, das er mit einer Daumenschraube eher noch geniessen könnte als mit falschem Schuhwerk. Viel schlechte Laune gibt es auf der Welt, weil wir, zu falschen Schuhen erzogen, das Unglück nicht einmal erkennen, so dass es ins diffus Unbewusste sinkt, als unstrukturiertes Unwohlsein an die Oberfläche drängt, sein tägliches, millionenfaches Unwesen treibt, dem Menschen Füsse und Seele malträtiert.

Es gehört zu den hervorragendsten Perversionen unserer Zivilisation, dass wir für ein Auto, dessen Preis zu 90 Prozent durch seinen Fetischcharakter bestimmt ist, das Geld verschleudern, während gut gemachte Schuhe, von denen man im Leben vielleicht 15 Paar braucht, zu den Luxusgütern gehören, die sich nur Multimillionäre leisten. Und wenn ich mich in Zürich so umschaue, nicht einmal die – ganz zu schweigen vom blödsinnigen Modediktat der Schnabelgurken, in denen sich jeder zweite Investmentbanker der Ostschweiz der Lächerlichkeit preisgibt.

Richtig gute Schuhe umfassen den Fuss zart, bieten trotzdem Platz, stützen ihn würdig und haben je nach Lust, wie man die Bodenoberfläche erfahren will, eine dickere oder dünnere Sohle. Für nasse Jahreszeiten und schmierig feuchte Städte auch in Äquatornähe sind schwere Lederschuhe mit Gummisohlen zu empfehlen, wie sie der irische Landmann auf der Vogel- und Niederwildjagd trägt.

Wichtig für den Flaneur bleibt bis ans Ende der Zeit, dass er Schuhe und Socken täglich wechselt, weil sie Ruhe brauchen und Erholung. Ein gestresster Schuh, auch vom Wiener Grossmeister Materna oder dem manchmal zu eleganten Anglofranzosen John Lobb, kann seinen Dienst nicht mehr tun. Deshalb soll man auch auf Kurzreisen mindestens drei Paar gut eingetragene Schuhe mitnehmen, ins Gebirge die wunderbaren Stiefel von Kandahar. Alles andere lässt sich nachkaufen, auch in Boston, Nancy oder Dar es Salaam.

Über Socken kann sich Schuh-Mann-Meier nur noch ganz kurz fassen. Auch der beste Schuh kommt nur in Verbindung mit Socken aus der reinen Wolle der Merinoschafe zur vollendeten Wirkung, mit idealerweise um die 20 Micron Fadenstärke oder, in hochsommerlichen Ausnahmefällen, die nach leichten Mocassins schreien, in langstapliger ägyptischer Baumwolle.

Dieter Meier ist Sänger von «Yello» und Filmemacher; er lebt in Zürich und Argentinien.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.