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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself Inhaltsverzeichnis
Was die Welt zusammenhält
© Marcus Gaab, Berlin
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| Artur Fischer, 89, erfand den Dübel unter der Dusche, wie so vieles andere auch. |
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Drei Zentimeter haben Artur Fischer gefehlt, um Flieger zu werden. Zum Glück! So wurde er Erfinder. Ihm verdankt die Welt den Kunststoffdübel.
Von Peter Ackermann
Er fehlt in keinem Werkzeugkasten, steckt in Millionen von Decken und Wänden, so auch im Gotthardtunnel, im Wembley-Stadion, in der Metro von Singapur und im Taipei 101, dem höchsten Wolkenkratzer der Welt: der S-Dübel der Firma Fischer. Erfunden hat ihn vor einem halben Jahrhundert der gelernte Bauschlosser Artur Fischer aus Tumlingen im Schwarzwald, wo das hellgraue Kunststoffteil bis heute hergestellt wird. 37 Milliarden Stück wurden bisher rund um den Globus von Gips bis Granit in alle möglichen Baumaterialien eingesetzt. «Der Dübel», sagt der heute 89-Jährige, «hält sozusagen die Welt zusammen.»
Artur Fischer führt durch das betriebseigene Museum im Tumlinger Forschungszentrum, wo er auch 29 Jahre nach der Übergabe der Geschäftsleitung an seinen Sohn über ein eigenes Büro und einen eigenen Mitarbeiterstab verfügt. Er ist 1 Meter 67 gross, sein Gang ist altershalber etwas schleppend, aber er antwortet schnell und präzis. Artur Fischer wirkt bescheiden und nahbar, und abgesehen von seiner blauen Krawatte, auf der hundert Fische auf seinen Namen hinweisen, haftet ihm nichts Auffälliges, nichts Aussergewöhnliches an. Dabei hat er mehr Patente angemeldet als Thomas Edison – der Vater der Glühlampe, der 1093 Einfälle patentieren liess –, weshalb der ideenreiche Schwabe zu den erfolgreichsten Erfindern zählt.
Die Objekte und Faksimiles von Patenten in den Schaukästen zeugen von seiner Schöpferkraft. Neben den von ihm erfundenen Synchronblitzen für Fotoapparate stehen seine Blitzwürfel, das Baukastensystem «fischertechnik» und «fischer-tip», ein konsumierbares und kompostierbares Kinderspielzeug aus Kartoffelgriess. Und Dübel sind ausgestellt: Messingdübel. Metallspreizdübel. Dämmstoffdübel. Gasbetondübel. Universaldübel. Fischer ist weltweit Marktführer für Dübel.
Die Erfolgsgeschichte der Dübelerfindung beginnt mit einem Misserfolg, genauer gesagt mit einem Montagebolzen, der nicht hielt, was man sich von ihm versprach. Doch der Reihe nach: Artur Fischer wuchs als erstgeborener Sohn eines gestrengen Schneiders und einer frommen Hausfrau auf. Er war ein schlechter Schüler. Statt für Multiplikation und Division interessierte er sich für Dampfdrescher und den Märklin-Baukasten, mit dem er Maschinen baute, die er aus Büchern des Ingenieurs Max Eyth kannte. Die Realschule brach er mit dem Argument ab, er wolle seine Mutter entlasten, die fortan nicht mehr nächtelang Hemden würde bügeln müssen, um das Schulgeld für ihn aufzubringen. «Wenn ich im Leben etwas taugen soll», sagte er seinen Eltern, «dann auch ohne höheren Schulabschluss.»
Den Beweis für sein praktisches Talent und seine Tüchtigkeit trat er als Schlosserlehrling und in alljährlichen Berufswettkämpfen an, die er zweimal gewann. Auch bei der Wehrmacht wollte Artur Fischer hoch hinaus. Flieger wollte er werden. Sein Traum zerschlug sich aber an der Mindestgrösse von 1 Meter 70. Während des Zweiten Weltkriegs erlangte er als Reparateur angeschossener Flugzeuge des Typs Ju-52 so viel Erfahrung, dass er zum technischen Ausbilder aufstieg. Nach dem Krieg arbeitete er für eine kleine Elektrofirma, machte sich aber bald schon selbständig.
Die Not im Krieg hatte ihn improvisieren gelehrt. Seine erste Werkbank zimmerte er aus Brettern, die er sich bei Waldarbeitern zusammengebettelt hatte. Mit Reparaturarbeiten hielt er sich über Wasser, mit ersten Erfindungen befreite er sich aus der Armut. So entwickelte er 1948, als ein Mangel an Streichhölzern herrschte, einen einfachen elektrischen Feueranzünder, mit dessen Glühdraht sich Papier in Brand setzen liess. «Mein Leben war damals bestimmt durch Aufgaben, die niemand definiert hatte, die ich aber zu lösen hatte», sagt er in seinem Büro über dem Museum.
An der holzverschalten Wand hinter ihm hängt ein Gemälde, das er nach der Abgabe der Geschäftsleitung gemalt hat und das alle Ziffern von null bis neun in Schlingen zeigt. Er nennt es «Die Gefangenschaft der Zahlen». «Mein wichtigstes Kapital waren Einfälle, die anderen Menschen dienen konnten.» Geld war allerorts knapp, aber auch da hatte er einen Sinn fürs Praktische. Er tauschte sein selbsterfundenes Feuerzeug oft gegen Brot, Butter und Speck.
Der Durchbruch vom Handwerksbetrieb zum industriellen Unternehmen gelang Artur Fischer als 29-Jähriger im Jahr 1949 mit der Erfindung eines Blitzgerätes, das mit der Öffnung des Objektivverschlusses der Kamera gekoppelt war. Es machte den kleinen Artur Fischer zum Zulieferer der grossen Agfa. Innerhalb weniger Wochen stellte er mehrere Dutzend Arbeiter an und mietete sich in einer leeren Gemeindehalle ein, um dort Tausende von Blitzgeräten zu produzieren. In zehn Jahren stieg die Zahl der von ihm Beschäftigten von zehn auf zweihundert.
1956 wurde Artur Fischer von seinem ehemaligen Schlosserlehrmeister um die Herstellung eines Bolzens nach englischem Vorbild gebeten, der auf dem Markt nicht mehr erhältlich war und mit dem geschmiedete Treppengeländer montiert werden konnten. Der Bolzen «Seetru» bestand aus einer ummantelten Schraube, einer Mutter und einem Zwischenstück aus Gummi, das einen elastischen Sitz im Bohrloch garantieren sollte. «Ich entsprach dem Wunsch meines Ausbilders», sagt Fischer. Den sortimentsfremden Artikel nahm er in seine Produktpalette mit feinmechanischem Fotozubehör auf. Für die Vermarktung von «Seetru» stellte er eigens einen Aussendienstmitarbeiter an.
«Seetru» kam 1957 auch bei Artur Fischers Eigenheim zum Einsatz. Doch die Kreation erwies sich als Schreckschraube. «Schon im ersten Frühling neigten sich die Fensterläden bedenklich», sagt er. Im Frühsommer dann fiel ein Laden nach dem anderen von der Hauswand. «Die Gummiringe an den Schrauben waren spröde geworden.» Händler und Handwerker liessen das Produkt fallen, die Nachfrage sank gegen null. Artur Fischer sah sich genötigt, den Aussendienstler mangels Beschäftigung zu entlassen. Doch der Patron wollte den tüchtigen Mitarbeiter unbedingt an die Firma binden: «Ein neues Produkt musste für ihn her.»
Wer in den 1950er Jahren etwas zu befestigen hatte, drückte einen Holzdübel in ein Loch und füllte es mit Gips. Oder er drehte eine Schraube in einen Zapfen, der aus in Schweineblut getunkten Hanfschnüren bestand und im Loch aufbrach. Oder er benutzte einen Docht mit Blechmantel, mit dem Schönheitsfehler, dass der Einschlagkragen sichtbar an der Wand auflag. Artur Fischer suchte nach einer anderen Lösung. Selten sitze er dazu einfach da, sagt Artur Fischer. Viel eher dusche er morgens ausgiebig, eine Stunde lang und länger, Bleistift und Block in der Nähe der Badewanne. So gelinge es ihm am leichtesten, ungestört und frei vor sich hinzudenken. «Ohne Dusche gäbe es so manche meiner Erfindungen nicht», sagt er.
Die Idee für ein neues Befestigungssystem kommt ihm an einem Samstag im Jahr 1958 während seiner «Morgensammlung unter der Dusche». Was Widerstand bieten soll, so seine Überlegung unter dem fliessenden Wasser, muss Zähne zeigen. Und: Damit sich die Zähne im Gips, Mörtel oder Beton festbeissen, müssen sie gespreizt werden. Am gleichen Samstag greift er nachmittags in der Werkstatt nach einem Kunststoffanguss aus der Produktion seiner Blitzgeräte.
Er spannt den Rundstab aus Polyamid in den Schraubstock, greift zur Feile und bringt beidseitig tiefe Kerben an. Sie erinnern Artur Fischer an Krokodilszähne. Mit einer einfachen Handsäge schneidet er den gezähnten Rundstab der Länge nach zu drei Vierteln ein und bohrt vom unversehrten Ende her ein Loch für ein Schraubengewinde aus. Artur Fischer ist zufrieden: Von der Idee bis zum ersten Prototyp ist kein Tag verstrichen.
Am folgenden Montagmorgen schart der Patron seine Mitarbeiter von der Werkstatt um sich. Er nimmt ein von ihm bearbeitetes Kunststoffteil in die Hand und dreht eine Schraube hinein. Und siehe da, aufgrund des Schraubendrucks spreizen sich die beiden Zahnreihen auseinander. Der 38-Jährige lächelt in die erstaunte Runde, bohrt ein Loch in einen Stein, schiebt einen gezähnten Stift in das Bohrloch und treibt eine Schraube in den Nylonstift. Der Spreizdübel sitzt wie einbetoniert.
Wenige Wochen später perfektionierte Artur Fischer den randlosen S-Dübel, indem er ihm seitlich zwei Sperrzungen ansetzte. Sie verhindern, dass sich der Dübel beim Anziehen der Schraube dreht, und ermöglichten die revolutionäre Durchsteckmontage. Beim Material entschied er sich für Polyamid, das sich bereits bei seinen Blitzgeräten bewährt hatte. 7 Mark 90 kostete 1958 ein Kilogramm des edlen Nylons. So viel, dass sogar der Vertreter des Kunststofflieferanten BASF dazu riet, auf günstigere Materialien auszuweichen: Das Ding, sagte der Kundenberater, verschwinde ja in der Wand.
Artur Fischer war anderer Ansicht: «Gerade weil der Dübel in der Wand verschwindet und man nicht sehen kann, was damit geschieht, muss es das beste Material sein.» Nylon ist witterungsbeständig, wärmeunempfindlich, dehnbar und langlebig. «Der S-Dübel war nicht teurer als Dübel aus billigeren Kunststoffen der Konkurrenz», sagt Fischer. «Wir verdienten weniger, hatten jedoch mehr Kunden.» Der Aussendienstler ging mit seinem neuen Produkt auf Reise. Nach wenigen Tagen telegrafierte er ins Mutterhaus: «Vom S-Dübel kann ich pro Woche 10 000 brauchen.»
Die ersten Spreizdübel aus dem Schwarzwald waren schwarz. Zu auffällig bei hellen Tapeten, wie die Kunden schon bald klagten. Artur Fischer dachte über eine Farbänderung nach und entschied sich für das Grau der Arbeitskittel in den 1950er Jahren: «Die Farbe handwerklicher Alltagstüchtigkeit.» Noch heute tragen die 3800 Mitarbeiter in den Fischer-Werken graue Überkleider. Mittlerweile produziert Fischer neben den herkömmlichen S-Dübeln weit über hundert Dübelarten aus Kunststoff und Metall. 10 000 Stück werden pro Minute hergestellt, 14,5 Millionen am Tag, was der Ladung von zwölf Lastwagen entspricht.
Seit Artur Fischer 1980 die Leitung der Firma an seinen Sohn Klaus übertragen hat, wird in den Fischer-Werken auch Autozubehör wie Aschenbecher, Getränkehalter oder Lüftungsdüsen hergestellt – teilweise in Lizenz. Nicht zur Freude des Firmengründers. «Wir sollten auf eigene Erfindungen setzen. Letztlich sind sie alles, was wir haben», sagt er. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Skript mit dem Titel: «Zukunft durch Bildung, Erfindung, Innovation.» «Erfinden verlangt Tugenden, die jedem Unternehmer, Hand- und Heimwerker gut anstehen», sagt er. «Man muss neugierig sein und den Mut haben, seine Neugierde durch Leistungen zu befriedigen.»
Kürzlich habe er seinen 34-jährigen Enkel, der voraussichtlich mal die Dübel-Dynastie in dritter Generation weiterführen wird, beiseite genommen. «Gib acht, Jörg», sagte der Dübelerfinder zum Wirtschaftswissenschafter, «gib nicht allein dem Geld den Raum, sondern schöpferischen Werten. Denn es ist weder das Geld, noch sind es unsere Dübel, die die Welt in Wirklichkeit zusammenhalten.»
Peter Ackermann ist Redaktor bei der «Annabelle».
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