Wenn in einer Sternwarte die grenzenlosen Tiefen des Weltalls erläutert werden, dann taucht immer wieder eine populäre Frage auf: «Schön, es ist unendlich. Aber was ist eigentlich um das Ganze aussen herum?»
Es will den Leuten einfach nicht in den Kopf, dass die Welt sozusagen nichts anhat.
Gäbe es für das Hirn das gleiche wie für den Himmel, also eine Hirnwarte, so liesse sich die Frage nach der Umhüllung leicht beantworten: durch den Hinweis auf den Schädel, vor allem aber das Gesicht.
Bei der Sternwarte war die Frage nach dem Mantel keineswegs blöder gestellt als beim Hirn, eher noch klüger, denn sie richtete sich dort auf nichts Unwichtigeres als auf das Gesicht der Welt.
Das Hirn alleine hat nun kein Gesicht, aber der soviel umfassendere und interessantere Kopf hat eines.
Ein Hirn, das sich selber erforschte, und darum handelt es sich bei der Hirnforschung, wäre bestrebt, sich am Gesicht vorbeizumogeln.
Das Gesicht stört, weil es nicht bei allen gleich ist. Das überall Gleiche ist aber wiederum genau das Erforschbare am Hirn, und dieses ist naturgemäss der Gegenstand der Forschung. Da trifft es sich gut, dass die menschliche Gleichheit wiederum im Gehirn ihre Heimat hat und, bei aller Befürwortung, ausserhalb desselben hinsichtlich ihrer Nachweisbarkeit auf erhebliche Widerstände stösst. Es sei denn, eine vollends hirnverwaltete Welt hätte an jeder ihrer Stellen schon das gleiche Gesicht aufgedrückt bekommen.
Es wäre nicht das ihre, und ihr wahres schon gar nicht. Das Gesicht der Welt besteht aus allem, was um sie herum ist, eben aus der Umwelt, das heisst genau aus dem, was man täglich vor Augen hat. Was ist aber das Hirn hinter diesem Gesicht, wem gehört der Kopf?
Um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, müsste man eine Gesichtswarte befragen. Die aber gibt es nicht eigens, weil sie durch das Leben auf der Strasse ohnedies jederzeit gegeben ist. Hier ist schon das Enthüllte, da werden auch keine Fragen gestellt, da werden Gesichter gemacht.
Würde man ein Hirn auffordern, sein wahres Gesicht zu zeigen, so hätte es auch nichts Besseres aufzuweisen. Es würde sich zart an die Stirn tippen. Es habe Wichtigeres im Kopf.
Christof Stählin ist Sänger und Schriftsteller; er lebt in Hechingen (BRD).