NZZ Folio 12/98 - Thema: Nachts   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Ein Monument wie Ayers Rock - Penfolds «Grange» 1982

Von Philipp Schwander

MEINEN ERSTEN Grange trank ich vor über fünfzehn Jahren. Damals hiess er noch «Grange Hermitage», und der Preis pro Flasche belief sich auf knapp vierzig Franken. Das Design des Etiketts hätte jeder Tomaten-Ketchup-Flasche zur Zierde gereicht, und doch war dieser Wein für jeden, der ihn das erste Mal verkostete, so etwas wie eine Offenbarung, was im australischen Weinbau möglich ist.

Ein paar Jahre später bereiste ich das erste Mal die Weingebiete Australiens. Unter anderem besuchte ich Greg Trott, Besitzer des Weingutes Wirra Wirra, der mich zu den wichtigsten neuen Produzenten führte. Zum Dank lud ich ihn, seine damalige Frau Ang Tolley sowie deren Mutter ins beste Restaurant von Adelaide ein. Ich orderte Penfolds «Grange» 1982, weil ich vermutete, dass die ältere Dame bisher kaum Gelegenheit hatte, Australiens berühmtesten Wein zu trinken. Zu meiner Überraschung fragte sie mich nach der dritten Flasche, ob ich daran interessiert sei, die Geschichte des Grange zu erfahren. Es stellte sich heraus, dass die Dame eine geborene Penfold Hyland und einst Mitbesitzerin von Penfolds war!

«Erfunden» hat diesen grandiosen Wein Max Schubert, der Sohn eines einfachen Hufschmieds aus dem Barossa Valley, den 1949 eine Auslandreise nach Bordeaux führte, wo er die Weine der grossen Châteaux kennenlernte. Schubert war überwältigt vom Finessenreichtum und der Langlebigkeit dieser Weine und beschloss, in Australien einen ähnlichen Wein zu produzieren. Da dort Anfang der 50er Jahre praktisch kein Cabernet-Sauvignon gepflanzt war, verwendete er 1951 für seinen ersten Versuch ausschliesslich Syrah. Auch französische Eiche war damals nicht erhältlich, und so lagerte Schubert den Wein in neuen Hogsheads (300-Liter-Fässer) aus amerikanischer Eiche. Das Bemerkenswerte war, dass Schubert die Bordelaiser Vinifikationstechniken nicht einfach übernahm, sondern an die australischen Verhältnisse anpasste. Im Jahre 1956 wurden die Jahrgänge 1951, 1952 und 1953 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Händler aus Sydney und Adelaide, gewöhnt an alkoholverstärkte Port- und Sherry-Imitationen, reagierten mit Spott, und Schubert wurde es untersagt, sein Projekt weiterzuverfolgen. Trotzdem kelterte er heimlich - in kleinen Mengen - weitere Jahrgänge des Grange, bis dann im Jahre 1960, nach einer Degustation der mittlerweile gereiften Weine, der Durchbruch geschafft war.

Der 82er Grange, bestehend aus 94 Prozent Syrah und 6 Prozent Cabernet-Sauvignon, ist immer noch ein sehr beeindruckender Wein, für den auf Auktionen um die 350 Franken bezahlt werden. Seit je besitzt er eine volle, fleischige Frucht mit weichen Gerbstoffen. Zuerst war seine Konzentration beinahe überwältigend und die amerikanische Eiche etwas dominierend; über die Jahre verfeinerte sich der Wein und besitzt jetzt eine bemerkenswerte Komplexität und Eleganz. Der einzige Makel: sein Korken, der sich bei unserer Verkostung nur mit grösster Mühe aus dem Flaschenhals befördern liess.


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