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NZZ Folio 04/97 - Thema: Kost und Körper   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Wer versteckt sich hinter Anti-PC?

Von Ursula von Arx

Diedrich Diederichsen, 1957 geboren, lebt in Köln. Seit rund 15 Jahren ist er in Sachen Gegenkulturen unterwegs: Er ist Mitherausgeber der Popkulturzeitschrift «Spex» und hat Bücher geschrieben: «Sexbeat» erzählt die Geschichte der ersten Gegenkultur, die ohne Fortschritt auskommen musste, «Freiheit macht arm» fragt nach dem Leben, das auf Rock'n'Roll folgte. In seinem neusten Buch, «Politische Korrekturen», analysiert er einen Begriff, mit dem viele, vor allem rechte Politiker, Karriere gemacht haben: Political Correctness. In den USA wurde PC im Kampf gegen Avantgarde-Kunst, gegen Quoten für Minderheiten («Affirmative Action») und gegen Geisteswissenschaften mobilisiert. In Europa wurde die Karikatur, die die amerikanische Rechte von der amerikanischen Linken zeichnete, als amerikanisches Kuriosum empfunden und deshalb geglaubt. Laut Diederichsen existiert PC hier wie dort fast nur als Anti-PC. Diese interpretiert er als eine Strategie der Rechten, gegen eine Zensur zu protestieren, die so nie existiert hat, und in der Folge durch kalkulierte Tabubrüche Politik zu machen, etwa mit der Frage, ob Schwarze nicht doch einen niedrigeren IQ hätten; oder in Deutschland mit der Relativierung der Naziverbrechen.

Das Gespräch mit Diedrich Diederichsen führte Ursula von Arx.

Herr Diederichsen, der Begriff  Political Correctness, kurz PC, hat eine steile Karriere hinter sich. Allerdings eine negative. PC steht heute für Tugendterror, Denkverbot und Humorlosigkeit. Alle hassen PC.

Und alle fühlen sich dabei ausserordentlich heroisch und tabubrecherisch. Wie etwa der Kulturkritiker, der mir erzählt, er schätze an der Harald-Schmidt-Show besonders, dass sie sich so mutig gegen jede Political Correctness stelle.

Harald Schmidt kennt keine Tabus. Alles ist gut, solange es eine Pointe hervorbringt.

Nicht alles. Das Interessante an der Harald-Schmidt-Show ist immerhin, dass sie schwankt. Einerseits bestätigt sie den Sexismus und Rassismus des Publikums, andererseits schafft sie es manchmal, diesem den Boden zu entziehen und die Lachenden so zu verunsichern. Ähnlich wie bei PC geht es darum, Unausgesprochenes in Konventionen offenzulegen; entweder indem man sich derselben Konventionen bedient, wie etwa die Schwulen, die das Schimpfwort  schwul  selbst auf sich nehmen und es dadurch neutralisieren; oder indem andere Konventionen geschaffen werden: vom anthropologisierenden «Neger» hin zum genealogisch historisierenden «Afroamerikaner».

Viele finden die PC-Sprachregelungen lächerlich.

Und um die Lächerlichkeit zu beweisen, zitieren sie dann immer die angeblich politisch korrekte Bezeichnung für Dicke: horizontal herausgefordert. Haben Sie schon mal jemanden gehört, der im Alltag von horizontal Herausgeforderten spricht?

Wie steht es mit dem PC-Glauben, dass eine andere Sprache auch automatisch andere Verhältnisse schafft?

Niemand ist so blöd, das wirklich zu glauben. Das ist häufig das Problem einer selektiven Berichterstattung: Nehmen wir einmal an, das Bundesland Bremen habe eine neue Frauensenatorin, die dafür sorgt, dass sich an der Uni die Frauenquote durchsetzt. Und ausserdem führt sie in den entsprechenden Hochschulgesetzen das Binnen-I ein, sagt also StudentInnen, wenn beide Geschlechter gemeint sind. In der «FAZ» gibt es dann bestimmt eine grossangelegte Satire über letzteres, während ersteres nur so nebenbei erwähnt wird. Weil man die Reform nicht zu geisseln wagt, geisselt man die Form: So funktioniert das.

Ist die Form notwendig? Man muss primär die realen Verhältnisse ändern.

Man darf die symbolische Ebene nicht unterschätzen. Sexistische und rassistische Benachteiligungen sind nicht selten eben gerade sprachlicher Art. Natürlich setzt die Bezeichnung Afroamerikaner nicht durch, dass die gemeinte Gruppe besser bezahlt oder häufiger eingestellt wird, aber sie bremst die Gewalt jenes alltäglichen Rassismus, der eine Person über die einer  Rasse  zugeschriebenen Eigenschaften definiert. Und damit haben sich die Verhältnisse geändert.

Sprachregelungen sind unnatürlich, und Sprachzwang schafft Aggressionen.

Das Verhältnis zwischen sprachlichem Zeichen und Bezeichnetem ist willkürlich. Es gibt keine «richtige» Bezeichnung in dem Sinne, dass «Neger» das wahre Wesen des Bezeichneten eher treffen würde als «Afroamerikaner». Also gibt es keine natürliche Sprache; und also kann es auch keine unnatürlichen Sprachregelungen geben. Was den Zwang betrifft: Er ist zumutbar. Den Opfern von Rassismus und Sexismus ist es wahrscheinlich egal, ob sie aus äusserem Zwang oder aus innerer Läuterung von ihren Peinigern in Ruhe gelassen werden.

Andererseits: Mit einer politisch korrekten Sprache können sich Reaktionäre sehr leicht ein Mäntelchen von Aufgeschlossenheit und Fortschrittlichkeit anlegen. Lippenbekenntnisse kosten nicht viel.

Nicht auf institutioneller Ebene. Da sind Lippenbekenntnisse sehr wichtig. Die Art, wie Institutionen etwas bezeichnen, ist für diese verpflichtend und zeigt, was als gleichwertig anerkannt wird und was nicht.

Auch Diktaturen kennen Sprachverordnungen.

In Diktaturen kommen die Sprachverordnungen von oben, sie sind Ausdruck und Instrument der Machthaber. Mit PC hingegen verbinden sich Forderungen von unten, von linken Kreisen und politischen Minderheiten. Zugegeben: Es hat ja auch seine komischen Seiten, wenn die Gegen- beziehungsweise Ohnmacht sich der Techniken der Macht bedient und Vorschriften erlässt. Mit weit geringeren Erfolgsaussichten natürlich. Nur wird das Als-ob der Selbstermächtigung von der Kritik nicht gesehen. Oft hatten PC-Initiativen selber gerade den ironischen Humor, den die zu haben glauben, die platt unironisch darüber lachen.

Nach Ihrer Theorie ist PC ein Kampfbegriff nicht der Linken, sondern der Rechten.

Er kommt aus dem Versuch konservativer Kreise der USA, die Erfolge des Patchworks der feministischen, schwulen, antirassistischen Bewegungen, die lokal und oft mit völlig verschiedenen Methoden operierten, zu attackieren. Der Trick war, ihre unterschiedlichen Absichten auf einen negativen Nenner zu bringen: als PC, als humorloses und tugendterroristisches Denkverbot. Ursprünglich war PC nur in den dreissiger Jahren ein positiv besetzter Begriff der US-Linken gewesen, in den Sechzigern verwendete diese ihn selbstironisch, zum Kampfbegriff der Rechten wurde er in den Neunzigern. Die freiheitsbedrohende Stärke von PC behaupteten ihre Gegner nur, um den aufgeblasenen Papiertiger auf reale Bürgerrechte loszulassen.

Andererseits: haben die politisierten Minderheiten nicht öfter mit abstrakten Vorschriften ihren Gegnern Munition geliefert?

Am Art Center in Pasadena, wo ich manchmal unterrichte, ist «verbal abuse disguised as humour» verboten. Darüber kann man natürlich jede Menge Spässchen wie «intellectual abuse disguised as theory» oder «aesthetic abuse disguised as art» machen. Ist ja ok. Formulierungen wie «Erregung öffentlichen Ärgernisses» oder «Landfriedensbruch» oder «Widerstand gegen die Staatsgewalt» sind auch ein Versuch, konkrete Verhaltensweisen vergleichbar und damit gerichtlich beurteilbar zu machen. Manche machen sich darüber lustig, aber die Gerichtsbarkeit an sich wird nicht in Frage gestellt. Aber wenn die Vorschriften von links, unten oder von Minderheiten kommen, ist das natürlich etwas ganz anderes.

Wer Ihr Buch «Politische Korrekturen» liest, der kann auch nach 1989 lechts und rinks nicht velwechsern.

Jede Äusserung geht von bestimmten Voraussetzungen aus. Ich mache aus meiner Parteilichkeit kein Hehl, das ist das erste. Zweitens: Es gibt immer noch die, welche Macht haben, und es gibt die anderen. Daraus resultieren unterschiedliche Interessen. Die Begriffe links und rechts sind also immer noch tauglich, man muss nur differenziert mit ihnen umgehen. Drittens ist es eben gerade ein zentrales Charakteristikum der Anti-PC-Taktik, links und rechts zu verwechseln, also so zu tun, als gäbe es da einen Konflikt, der sich jenseits von politischen Konflikten bewegt. Und en passant konnte man dabei linke Forderungen erledigen. Zugleich, und das ist kein Widerspruch, konnte sich die Rechte über die Schaffung des Feindes PC prima wiederherstellen. Die PC-Debatte fiel genau in dieses Vakuum, das auf die Auflösung des Ost-West-Gegensatzes folgte. Es war mir also wichtig, genau zu sehen, was von wo kommt.

Was also kommt von wo? Wo zum Beispiel wurde was verwechselt?

Die ganze PC-Debatte bei uns ist, wie gesagt, ein Import aus den USA. In den achtziger Jahren gelang es verschiedenen amerikanischen Avantgarde-Künstlern, auf die Schwulenfeindlichkeit der Aids-Politik der Regierung aufmerksam zu machen. Die Rechte reagierte darauf mit einem Krieg gegen die NEA, die National Endowment of the Arts, eine winzige Behörde, die mit geringen staatlichen Geldern Künstler wie Andres Serrano oder auch die Ausstellung «Robert Mapplethorpe: The Perfect Moment» in Philadelphia unterstützte.

Dazu muss man sagen, dass Mapplethorpe homosexuell war, auch in seiner Kunst Homosexualität zum Thema machte und allgemein für einen sehr freien, exzessiven Lebensstil stand. Er starb an Aids.

Ja. Der NEA-Etat betrug etwas mehr als 158 Millionen Dollar - die Stadt Frankfurt allein gibt jährlich mehr für Kultur aus. Aber wegen Mapplethorpe war die Behörde natürlich ein geeigneter Kandidat für Politiker der christlich-fundamentalistischen Rechten wie Jesse Helms oder Pat Buchanan, die gegen Pornographie, Aids als Geissel Gottes und Gelder für unverständliche Kunst ins Feld zogen. Sie definierten sich und ihre Klientel wirkungsvoll als «die Amerikaner», indem sie sich unverständliche, schwule, infizierte Künstler als Gegenbild gegenüberstellten.

Und wer sich für die Künstler und ihre Anliegen wehrte, bekam das Etikett «politically correct» angehängt?

Ja. Aber was ich sagen wollte: Diese Debatte, die als Kampf gegen Künstler und Homosexuelle ziemlich konkret und mit Killerinstinkt von der Rechten ausging, wurde schon sehr bald mit einer Debatte über Zensur im allgemeinen beantwortet und damit in gewisser Weise entpolitisiert: Wer wen aus welchen Gründen zensieren wollte, wurde in der MainstreamVersion dieses Kulturkrieges ausgelassen. Wir kennen dieses Argumentationsmuster gut von Ausländer-raus-aus-Deutschland-Parolen, wo vor den gelöschten Flammen der Asylbewerberheime ein Politiker nach dem anderen «Gewalt von links und rechts» abzulehnen sich genötigt sah.

Der Erfolg von Anti-PC ist ein Symptom wofür?

Für das Zurückdrängen von Öffentlichkeit. Stand früher mal die Forderung im Raum, das Private sei politisch, so kann jetzt, im Umkehrschluss, das, was mal politisch genannt wurde, nur privat sein: Politische Forderungen können nur noch an Individuen, nicht mehr an die Gesamtgesellschaft gestellt werden. Die Folge? Interesse wie Verantwortung der Öffentlichkeit für Nicht-Mainstream-Politik wird bestritten, und Moral wird aus der Politik gänzlich verbannt.

Herr Diederichsen, wie sieht die Welt aus, in der Sie leben möchten?

Mit der Frage nach moraltheologischen Grundsätzen können Sie zum Priester gehen.


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