Willy Guhl vermittelt das Gefühl, unendlich viel Zeit zu haben. Selbst wenn er nur noch zehn Minuten hätte, um ein Flugzeug zu erreichen, würde er das Gespräch, in das er gerade verwickelt ist, in aller Ruhe zu Ende führen. Er würde das Flugzeug aber trotzdem erreichen, seine Frau, die seinen Terminkalender führt und allgemein schaut, dass alles richtig kommt, wäre dafür besorgt.
Willy Guhl, 1915 geboren, ein wirklich liebenswürdiger Mensch mit einem erstaunlich exakt geschnittenen, frei zwischen Mund und Nase schwebenden Schnäuzchen, hat sowohl als Gestalter als auch als Lehrer dem Schweizer Möbelschaffen wichtigste Impulse gegeben. Wenn man mit ihm über eine Ikone desselben reden will, nämlich über seinen Eternitstuhl aus dem Jahre 1954, verbringt man einen ganzen Nachmittag im schönen, wilden Garten in Hemishofen, aber über den Eternitstuhl weiss man immer noch nicht so viel. Dafür hat man eine Menge anderes erfahren. Der Willy zieht halt immer grosse Kreise, sagt seine Frau.
Guhl, der die Aufgabe des Gestalters darin sieht, an der guten, der perfekten Form eines Gegenstandes zu arbeiten, erzählt vom unerfreulichen Heimatstil der vierziger und fünfziger Jahre: Es war die Zeit der Garnitur. Man konnte im Katalog zwischen verschiedenen Tischbeinen auslesen, die dann bei allem, was sonst noch Beine hatte, dieselben zu sein hatten. Guhl erzählt, wie die zwei ungleichen Überwürfe für das Elternbett, das er in der Werkbundausstellung von 1950 zeigte, einen kleinen Skandal auslösten.
Guhl erzählt von den Vorurteilen, die viele gegenüber dem seriell Gefertigten hatten, weil sie befürchteten, das Handwerk müsse dann zusammenpacken. Guhl selbst hatte keine Berührungsängste. Er setzte auf die Zusammenarbeit zwischen Handwerk und Industrie. Er wollte, dass sich auch einfache Leute etwas Gutes leisten können. Er wollte den Leuten die Augen für das Gute öffnen. Deshalb, erzählt Guhl, habe er seine Möbel auch in den Schaufenstern von Möbel Pfister in Suhr gezeigt. Das passte nicht allen: Wer am Ort der Verkörperung des schlechten Geschmacks seine Sachen zeigt, der kann kein guter Lehrer sein, sagten sie und forderten seinen Rücktritt. Zum Glück vergeblich.
Und jetzt erzählt Willy Guhl, wie er zum Samen Mauser ging und Radieschensamen kaufte und diesen dann in die Geranienkistchen pflanzte, die ihm auf dem Weg von seiner damaligen Wohnung in der Zürcher Altstadt zur Kunstgewerbeschule begegneten. Er erzählt, wie er mit heimlicher Freude beobachten konnte, wie die Hausfrauen unwissentlich seine Radieschen begossen und das Unkraut zwischen ihnen beseitigten. Wie der Sommer da war, konnte er ernten.
Guhl erzählt, wie die Blumenkistchen der Eternit AG einen neuen Handgriff bekamen: Bis dahin waren zum Greifen kleine Vertiefungen in der Mitte angebracht, das war in der Herstellung nicht ganz einfach, denn man benötigte dafür eine zweiteilige Negativform. Guhl sollte den Produktionsablauf vereinfachen. Für Formstudien goss er aus Gips einen quaderförmigen Block. Guhl machte immer Modelle in Originalgrösse, nur so könne man wirklich feststellen, ob eine Idee funktioniere oder nicht, sagt er. Der Gipsblock sollte vom Boden auf den Tisch. Mit beiden Händen griff Guhl links und rechts unter das lange, schwere Ding und hob es ohne grössere Anstrengung vom Boden auf. Seine Hände hinterliessen im noch weichen Material eine Art Griffmulden. Das war's! Durch Zufall gefunden. Die Griffe am Boden erleichterten die Handhabung, und ausserdem ging das Einformen der Kistchen mit der neuen, einteiligen Negativform viel schneller, was die Eternit AG und die Akkordarbeiterinnen freute.
Guhl erzählt, wie er einmal mit Hilfe von Feile, Raspel und Glaspapier eine Stuhllehne mit verbundenen Augen geformt habe, und zwar um zu beweisen, dass man nicht nur mit den Augen sehen und Schönheit beurteilen kann, sondern auch mit dem Tastsinn. Es gebe Gegenstände, sagt er, die würden zum Berühren geradezu auffordern.
Guhl erzählt auch noch von seinem Scobalit-Schalenstuhl und von seiner Grundlagenforschung zum Thema Sitzen, für die er Badende bat, sich in Tonerde zu setzen, um Aufschluss darüber zu bekommen, wie die Sitzfläche eines Stuhles ausgebildet sein muss, wenn sie dem menschlichen Körper entsprechen soll. Guhl erzählt vom Guhl-Hocker und von der Wiesseer Kreislaufwanne und von einer Konferenz in Barcelona, wo er sich einen orangen, blauen, gelben, grünen, roten, weissen sowie einen violetten Punkt aufs Namensschild klebte, einfach, weil das so schön bunt aussah. In der Pause sprach man ihn dann freundlich auf Japanisch, Spanisch, Griechisch, Deutsch, Italienisch, Englisch sowie auf Französisch an.
Inzwischen ist seine Frau fünfmal hin- und hergelaufen, um Bücher zu holen, die Willy Guhl zur Illustration des Gesagten von ihr erbeten hat. Die Bücher bilden schon Riesentürme auf dem Tisch, so vieles ist zu zeigen. Die Vögel pfeifen, die Grillen zirpen, die Sonne ist langsam am Untergehen.
Bitte, Herr Guhl, wie war das mit dem Eternitstuhl? Ja also, es wundere ihn immer wieder, sagt Guhl, was dieser Stuhl für eine Publizität habe. Man sage, der Stuhl sei fotogen. Ihm selber sei er gar nicht so speziell wichtig. Aber gut, die Geschichte sei schnell erzählt: Er sei in Niederurnen bei der Eternit AG gewesen und habe gesehen, wie da die Eternitplatten aus der Maschine kamen, und da habe er gedacht, daraus könnte man doch einen Stuhl formen. Und dabei sei eben diese Eternitschlinge herausgekommen. Die Abwicklung des Stuhls entspreche also genau den Massen der maschinell hergestellten Eternitplatte. Und das sei natürlich schon praktisch, der Produktionsaufwand sei wirklich gering. Dann habe das Museum of Modern Art in New York den Stuhl gewollt. Aber nach zwei Wochen hätten sie ihn wieder zurückgeschickt, der Stuhl enthalte Asbestfasern. Und Asbest war politisch nicht mehr korrekt. Heute werde der Stuhl asbestfrei hergestellt. Weil das neue Material aber etwas weicher sei, habe der Stuhl jetzt Vertiefungen im Rücken bekommen, die eine statische Verstärkung bewirkten, so wie ein Falz ein Papierblatt verstärkt.
1956 hat der Originalstuhl 50 Franken gekostet. Der neue, asbestfreie Stuhl kostet 490 Franken, für das Original werden heute Tausende bezahlt.
Der Blick zurück könnte eng sein oder verklärend oder im Zorn. Nichts von alledem bei Willy Guhl. Hört man ihm zu, kann es nichts Anstrengendes sein, so viel Leben hinter sich zu haben. Wird Willy Guhl nie müde? Das kommt dann morgen, sagt seine Frau.