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Schlagschatten -- Friedrich II., auch «der Grosse» genannt
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Was geht uns das Dorf Rossbach in Sachsen-Anhalt an? Nur so viel: Am 5. November ist es 250 Jahre her, dass dort ein schmächtiger König aus dem kleinen Preussen die Grossmacht Frankreich militärisch demütigte. Das verblüffte die Welt, begeisterte den achtjährigen Johann Wolfgang Goethe, veranlasste England, sich mit Preussen gegen Frankreich zu verbünden, und machte den Sieger zum meistbewunderten, meistgehassten Mann des Abendlands.
«Seit Rossbach glaubte man die Franzosen verachten zu dürfen», schrieb der alte Goethe über seine Empfindungen, als sich 1759 ein französischer Offizier bei den Goethes in Frankfurt einquartierte. Napoleon verkündete noch 1806, nach seinem Sieg bei Jena: «Die Schmach von Rossbach ist getilgt!» Und am Sarg Friedrichs des Grossen sprach der Kaiser zu seinen Generalen: «Entblössen Sie Ihr Haupt, meine Herren. Wenn der noch lebte, stünden wir nicht hier.»
Ehe dieser Friedrich II. von Preussen seine drei Kriege vom Zaun brach, hatte niemand ihm irgendeine militärische Absicht oder gar Höchstleistung zugetraut. Der Kronprinz war ein musisch begabter Intellektueller; er korrespondierte mit Voltaire, schrieb französische Gedichte, spielte Flöte, komponierte, verfasste historische Werke, Essays und sogar Opernlibretti. Sein vierschrötiger Vater, Friedrich Wilhelm I., hatte ihn dafür verachtet, gemassregelt, in Festungshaft geworfen, blutig geschlagen.
Als der Vater 1740 starb, war Friedrich 28, und noch im selben Jahr zeigte er der Welt sein Doppelgesicht: Er lud Voltaire an die Preussische Akademie der Wissenschaften ein – und er überfiel das reiche österreichische Erbland Schlesien, um es sich einzuverleiben. Seinen Offizieren hatte er den Landraub mit den Worten angekündigt: «Brechen Sie auf zum Rendez-vous des Ruhmes, wohin ich Ihnen unverzüglich folgen werde!»
In zwei weiteren Kriegen verteidigte Friedrich erfolgreich die Beute, im letzten, dem Siebenjährigen, gegen eine Koalition aus Österreich, Frankreich und Russland – jedes dem kleinen Preussen an Volkszahl um mehr als das Zehnfache überlegen. Europas bestgedrillte Armee hatte er von seinem Vater geerbt, zwischen den Kriegen steigerte er ihren Anteil an den Staatsausgaben auf 80 Prozent. Seine Vorliebe galt der Kavallerie, stets in vollem Galopp sollte sie attackieren, alles niederreiten, Gefangene werden nicht gemacht! Bei Rossbach donnerte die Reiterei von einem Hügel hinab auf das französische Heer «avec une incroyable vitesse». Das Geheimnis der Kriegskunst? Schneller, trickreicher, rücksichtsloser sein als der Gegner, erfüllt von rabiatem Siegeswillen, in jeder Minute geht es um alles oder nichts!
Am 15. Februar 1763, als der Siebenjährige Krieg zu Ende ging, waren 850 000 Soldaten gefallen, ganze Provinzen verwüstet, alle Parteien erschöpft. Goethe beging den Friedensschluss als «festlichen Tag» – da war er 13; aber mit 67 Jahren fügte er hinzu: «…unter dessen glücklichen Folgen der grösste Teil meines Lebens verfliessen sollte».
Friedrich blieben noch 23 Jahre. In ihnen wurde er der eifrigste, der tyrannischste Diener, den ein Staat je hatte. Er betrieb und überwachte den Wiederaufbau Preussens, die Auffüllung und Modernisierung der ausgebluteten Armee, den Bau von Kanälen und Manufakturen, die Konstruktion der ersten deutschen Dampfmaschine. Den Bauern nötigte er die Kartoffel, der Justiz ein Allgemeines Landrecht auf, das die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz zum Ziel hatte – kurz, er bot, nach Egon Friedell, das beängstigende Schauspiel, «das ganze Staatswesen von einem tausendäugigen Intendanten geleitet zu sehen».
Mehr und mehr wurde er dabei zu einem menschenverachtenden Sonderling. Er wusste alles besser, schurigelte seine Minister, beleidigte die Hofdamen und prügelte die Domestiken. Im Alter liess er sich verwahrlosen, wechselte kaum noch die Uniform, die gelbe Weste blieb von Schnupftabak besprenkelt. Seine letzten Freunde waren seine Windhunde: Sie schliefen in seinem Zimmer und manchmal in seinem Bett. Es war, als hätte ein Imageberater ihm empfohlen: «Den Feldherrn und das Universalgenie kennen die Leute zur Genüge – werde also ein Don Quijote, wenn du bleiben willst, was du bist: der meistberedete Mensch auf Erden.»
Bis 1945 blieb dieser Mensch, in unzähligen Kinder- und Erbauungsbüchern zum «Alten Fritz» stilisiert, in Deutschland die populärste Figur der Weltgeschichte. Dann kam die Frage auf, ob nicht ebendies ein Beitrag zur deutschen Katastrophe gewesen sein könnte, zusammen mit Preussens gewaltsamer Machtentfaltung. Klar ist aber: Friedrichs Staat war ärmer an Korruption und reicher an religiöser Toleranz als damals jeder andere (und viele andere heute noch). «Wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöplieren», schrieb er, «so wollen wir sie Mosqueen und Kirchen bauen.» Eine Facette mehr an einem der wundersamsten Exemplare der Gattung Mensch.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
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