«Ich schnallte in Grimma meinen Tornister, und wir gingen.» Lakonisch beginnt Johann Gottfried Seume seinen «Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802», den Bericht über seine Fussreise von Leipzig nach Syrakus und zurück. Es ist ein Standardwerk der Gattung Reiseliteratur, für die es im deutschen Sprachraum, im Unterschied zum angelsächsischen, nicht eben viele Beispiele gibt. In der Leichtigkeit dieses einen, ersten Satzes liegt das Glück des Aufbruchs.
«Ich stopfte mir ein Hemd oder zwei in meine altväterische Reisetasche, klemmte sie unter den Arm und machte mich auf den Weg nach Kap Horn und dem Stillen Ozean.» Ebenso frohen Mutes tritt der Erzähler Ismael in Melvilles «Moby Dick» seine Seereise an. Er wird sie als einziger überleben.
Was einer hinter sich lässt, scheint wichtiger als was ihm bevorsteht. Reisen heisst zunächst einmal abreisen. Zurück bleibt die Last, die einem das Leben aufgebürdet hat. Man packt nicht mehr als seine Siebensachen. (Unvorstellbar zu sagen: «Ich packte meine eintausendneunhundertdreiundfünfzig Sachen . . .») Die Illusion des Neubeginns, des Von-vorne-anfangen-Könnens, die einem jede Reise verschafft, nährt sich vom Verzicht. Wenn das Leben selbst denn eine Reise und der Weg das Ziel ist, dann ist der Aufbruch so etwas wie eine Neugeburt.
Davon handelt auch der Anfang eines der hinreissendsten Reisebücher der letzten Jahre, Jonathan Rabans «Hunting Mister Heartbreak»: «Es gibt einen Satz, der die Phantasie Europas beflügelt hat wie sonst nur der Ruf zu den Waffen. Ich habe ihn hundertmal geschrieben gesehen und habe jedesmal den glücklichen Autor darum beneidet. Er ist so unbeschwert, auf so unvernünftige Weise heroisch. Er verspricht das Unerwartete - eine phantastische Wende des Schicksals, eine wunderbare Verwandlung in der Persönlichkeit des Schreibers. Er verdient einen Absatz für sich und sollte feierlich in Kursivlettern gedruckt werden.
Nachdem ich in Liverpool angekommen war, nahm ich das Schiff zur Neuen Welt.»
Wie Raban haben die, die ihn einst schrieben, nichts weniger angefangen als ein neues Leben.