WO DIAMANTEN geschürft werden, werden sie auch gestohlen. Die Sicherheitsvorkehrungen in den grossen Diamantenminen sind ausgeklügelt bis ins letzte Detail; trotzdem finden Diamanten auf immer verschlungeneren Wegen aus den Minen auf den - zumindest anfangs - schwarzen Markt. Und daneben existiert natürlich ein weites Feld des illegalen oder unkontrollierten Diamantabbaus. Die Central Selling Organisation (CSO) des De-Beers-Imperiums, in ihrem Bemühen, den Diamantenmarkt mit strikter Kontrolle stabil zu halten, kauft deshalb gezwungenermassen immer wieder grössere Mengen an Diamanten auf nicht offiziellen Märkten. 1992 beispielsweise wurde in Antwerpen laut der Zeitung «De Financieel Ekonomische Tijd» Schmuggelware im Wert von gut 100 Millionen Dollar in den offiziellen Handel gebracht, wo die Steine dann von der CSO erworben wurden.
Mit dem Geld aus solchen Transaktionen werden unter anderem auch schmutzige Kriege (Beispiel Angola) oder blutige Despotenregimes (Beispiel Zaire) finanziert. De Beers sieht sich deshalb seit dem erneuten Ausbruch des Konflikts in Angola im Herbst 1992 wieder dem Vorwurf ausgesetzt, mit solchen Käufen den Bürgerkrieg direkt zu finanzieren (was von De Beers vehement in Abrede gestellt wird) oder aber autokratischen Herrschern wie Mobutu in Zaire das Überleben zu sichern.
In der bis 1974 portugiesischen Kolonie Angola im Südwesten Afrikas hatte sich die Menge an schwarz gewonnenen und über dunkle Kanäle aus dem Land gebrachten Diamanten mit Beginn des bewaffneten Unabhängigkeitskampfs in den siebziger Jahren vervielfacht. Zum einen legten die Portugiesen, so sie genügend Weitsicht besassen, leicht transportierbare Reserven an, um sich im Fall einer Flucht aus der untergehenden Kolonie das nötige Startkapital für einen Neuanfang zu sichern. Zum andern entdeckten auch die bewaffneten Unabhängigkeitsbewegungen, dass Diamanten für ihre Waffenkäufe eine ideale Währung waren. Die Verluste durch illegalen Abbau und Schmuggel zur Zeit der portugiesischen Kolonialherrschaft waren jedoch bescheiden im Vergleich zur Phase des totalen Chaos, die nach 1974 anbrach, als sich nach dem überstürzten Abzug der Portugiesen die verschiedenen angolanischen Unabhängigkeitsbewegungen zu bekämpfen begannen.
Im angolanischen Bürgerkrieg setzten sich zwei Unabhängigkeitsbewegungen durch: auf der einen Seite die marxistische Volksbewegung MPLA, welche die Macht in der Hauptstadt Luanda und in den grösseren Bevölkerungszentren ergriff und behauptete, auf der anderen Seite die anfänglich maoistisch inspirierte und von China unterstützte Unita (Nationalunion für die totale Unabhängigkeit Angolas) von Jonas Savimbi, die später von den USA und Südafrika unter die Fittiche genommen wurde. Die offizielle angolanische Diamantenindustrie fiel in die Hände der MPLA; aber auch die Unita, die besonders stark in der Landbevölkerung verwurzelt war, beschaffte sich die nötigen Devisen durch «Abbau» und Schmuggel der natürlichen Ressourcen: Tropenholz, Elfenbein und Diamanten.
Mit dem bis 1990 unter südafrikanischer Verwaltung stehenden Namibia stand Savimbis Unita eine ideale Schmuggelroute Richtung Süden zur Verfügung. Eine zweite Route, die nach der Unabhängigkeit Namibias im Frühling 1990 um so wichtiger wurde, besteht heute noch gegen Osten, Richtung Mobutus Zaire. Besuchern von Savimbis Hauptquartier Jamba im Südosten Angolas diente die zairische Hauptstadt Kinshasa traditionell als Transit-Lounge, da eine Anreise über das offizielle Angola selbstverständlich nicht möglich war. Erst kürzlich berichteten mehrere britische Zeitungen aus dem Westen Zaires, dass der Handel mit angolanischen Schmuggeldiamanten sprunghaft zugenommen habe.
Auch in Zaire selber werden Diamanten abgebaut, wenn auch von bedeutend minderer Qualität als in Angola. Der Untergang der zairischen Wirtschaft, die Inbesitznahme der natürlichen Ressourcen des Landes durch Mobutu und die von seinen Gnaden eingesetzten Statthalter, hat auch in der ehemaligen belgischen Kolonie dazu geführt, dass die Menge der illegal abgebauten und gehandelten Diamanten jene der offiziell geschürften beziehungsweise verkauften um ein Vielfaches übertrifft. Wiederum spielt der Umstand eine wichtige Rolle, dass Diamanten verhältnismässig einfach geschmuggelt werden können: Ein paar Dutzend Steine in einem Beutel lassen sich besser verstecken als sperrige Notenbündel.