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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

«tscheggsch du physik?»

© Anna-Lina Balke, Zürich
Lehrer unerwünscht! Beim Chatten bleiben Kids unter sich. Linktext
Wenn die Gymnasiastin Dominique Fischer über ihren Hausaufgaben brütet, ist sie online ständig in Kontakt mit ihren Schulkolleginnen.

Von Matthias Daum

Im Aquarium schwadern die blau-rot gestreiften Guppys, den Computerbildschirm ziert ein düsteres Portrait einer Frau mit Silberträne. Die 18-jährige Dominique Fischer sitzt zu Hause an ihrem weissen Holzpult, vor sich die Physikhausaufgaben und ihren Laptop. «Wenn ich um halb sieben von der Schule nach Hause komme, schalte ich meinen Computer ein – und bin online, bis ich ins Bett gehe.»

Dank dem Microsoft Messenger stehen die Gymna­siastin und ihre Freundinnen auch nach Schulschluss in ­ständigem Kontakt miteinander. Der Messenger ist ein Chatprogramm (to chat: engl. für schwatzen), das den Benutzern erlaubt, sich in Gruppen schriftlich zu unterhalten. Hausaufgaben nicht notiert? Instant Message senden. Probleme mit der Physikaufgabe? Instant Message senden. Nicht zugehört, als die Lehrerin die Prüfungsthemen verkündete? Instant Message senden.

Martina:

«ich han e frag wege de italienisch prüefig»

«was chunnt alles?»

Dominique:

«ähm… passato prossimo, voci unità 10»

«und artikel glaubs au»

Seit sie die Kantonsschule besucht, braucht sie den Messenger auch beim Hausaufgabenlösen, privat chattet sie jedoch schon länger. In ihrer Kontaktliste, neudeutsch: Buddy List, hat sie rund dreissig Personen gespeichert. «Regelmässigen Kontakt habe ich aber nur mit einer Handvoll.» Die meisten Buddies gehen mit ihr in dieselbe Gymnasiumsklasse oder besuchten mit ihr die Sekundarschule. Auch einige Bekanntschaften aus den Sommer­ferien in ­Italien sind darunter: «Mit diesen chatte ich natürlich auf italienisch» – quasi ein angewandtes Vokabeltraining der global vernetzten Schülerschaft, die Messenger-Kontakte austauscht wie die ältere Generation ihre Adressen. In den Chats mit ihren hiesigen Kolleginnen wird dagegen ausschliesslich schweizerdeutsch geschrieben: «Das ist viel praktischer. Man kann gleich schreiben, was man denkt. Ich finde es mühsam, wenn ich im Chat hochdeutsch schreiben muss.»

Dominique:

«tscheggsch du physik?»

Martina:

«ähm ja»

«wenn du e aktion hesch»

«denn schlüsst sich drus gad e reaktion»

Einer aus Schülerwarte noch effizienteren Nutzung des Chats steht das nach wie vor den Schulalltag dominierende Papier im Weg. Zwar könnte man beispielsweise per Video­chat die ins Heft gezeichneten Geometriekonstruktionen der Kollegin zeigen, doch dazu sei die Datenübertragung zu langsam, sagt Dominique Fischer. So nutzt sie den Messenger in erster Linie, um Administratives zu klären: «Du machst diesen Teil, ich jenen.»

Einmal hat ein Musiklehrer um die Chat-Kontaktangaben gebeten, damit er die Hausaufgaben durchgeben kann. Das war ihr unangenehm. «Ich will keinen Lehrer in meiner Buddy List. Der Chat ist zu persönlich.» Auch die Vorstellung, dass ihre Eltern in ihrer Messenger-Kontakt­liste figurieren, findet sie «doof». Diese könnten so alles mögliche kontrollieren: wann die Tochter online ist, welchen iTunes-Song sie gerade hört und natürlich, worüber sie sich mit ihren Buddies unterhält. Wären die Eltern auf der Buddy List, wäre es wohl heikel, sie zu löschen.

Mit Lehrern wie mit allen anderen Erwachsenen kommuniziert man per E-Mail. In Schriftsprache verfasst und mit korrekter Anrede und Grussformel versehen, fungiert sie als Briefersatz für die Internetgeneration.

Obwohl der Laptop beim Büffeln der ständige Begleiter von Dominique Fischer ist, legt sie ihn bei schwierigen Aufgaben weg oder schaltet ihn manchmal sogar aus. «Auch ich will nicht immer für meine Kolleginnen verfügbar sein.» Allerdings dauert es dann meistens nicht lange, bis eine SMS eintrifft: «bisch nöd online?»

Matthias Daum ist Journalist; er lebt in Zürich.

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