NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Schriftliche Geselligkeit im Zeichen des @

Von Franz Zauner

DAS ERSTE MAL geschah es im Jahr 1971. Der amerikanische Ingenieur Ray Tomlinson setzte sich hin und tippte eine Botschaft in seine Konsole. Dann sprang er aus dem Sessel, ging zu einer anderen Maschine, und was er auf deren Datensichtgerät sah, entpuppte sich als gute Nachricht für die Menschheit: Da stand «quertyuiop». Vielleicht hiess es auch «testing: one two three». Tomlinson kann sich nicht mehr so genau erinnern, und es ist auch egal. Das Medium war die Message: Ein Mensch hatte von einem Menschen E-Mail bekommen.

Dass es ein historischer Moment war, würdig eines exakten Protokolls, zeigte sich erst in den neunziger Jahren. Nichts von Menschenhand pflanzt sich rasanter fort als elektronische Mitteilungen. Hochrechnungen zufolge wird bald ein Service-Provider den 100 000 000 000sten E-Mail-Benutzer begrüssen. 16 Nachrichten setzt der digitale Normalverbraucher bereits jetzt täglich in die Welt, bis zur Jahrtausendwende sollen sie sich zu einer Lawine aus 7 Trillionen E-Mails jährlich aufaddieren. Ein Grossteil davon wird Junkmail sein, Post von Marktschreiern und Leuten mit Schreibdurchfall.

Es gibt im Zusammenhang mit E-Mail keine Statistik, die nicht die Gestalt einer Fieberkurve hätte. Um zu begreifen, was da vor sich geht, muss man weit zurückblicken, am besten ins 18. Jahrhundert. Damals war es auch Mode, unentwegt auf Post zu lauern und bei jeder Gelegenheit selbst welche aufzugeben. Der private Mensch betrat die historische Bühne und rief: Es gibt mich, und wie! Jeder, der sich berittene Datenträger leisten konnte, erteilte regelmässig Auskunft über seine Geistesblitze und Seelenzustände - Heinrich Heine diagnostizierte «Herzblut im Briefcouvert».

Ob es uns gefällt oder nicht, wir folgen diesen Spuren. Gefragt, ob E-Mail ihre privaten Kontakte verbessert habe, antworten 84 Prozent der Onliner mit Ja. Gut die Hälfte von ihnen findet, dass sich ihre Erscheinung schriftlich vorteilhafter gestalten lässt als im persönlichen Gespräch oder am Telefon.

Tomlinsons zweite grosse Entdeckung, das @, wird nicht von ungefähr wie ein Maskottchen angesprochen: «Klammeraffe» sagen wir, «Miau» die Finnen, «Shtrudel» die Israeli, «Snabel» die Dänen. Das Zeichen ist weit mehr als ein unerlässlicher Bestandteil jeder Internet-Mail-Adresse. Man sieht es so gerne, weil es für die wiederentdeckten Freuden schriftlicher Geselligkeit steht.


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