NZZ Folio 02/93 - Thema: Techno-Food   Inhaltsverzeichnis

Postkarte -- Eine real existierende Strasse

Von Péter Esterházy
MEINEN AUSLÄNDISCHEN Briefwechsel schreibe ich am liebsten auf Ansichtskarten, weil das, um es fein zu formulieren, meiner Faulheit entspricht und meinem eigentümlichen Sprachvermögen, bei dem Endungen zufällig bleiben, ich bis zur Satzaussage gar nicht erst vorstosse, und ohnehin ist das Der-die-das, wie wir alle wissen, eine Frage der höheren Gnade. Die «Postkarte» ist eine schwierige Literaturform, jedermann kann sie lesen, trotzdem ist Persönliches unvermeidbar, kaum dass die Karte beginnt, ist sie schon zu Ende, für einen Brief ist sie zu kurz, für eine Ansichtskarte zu lang, und als einen Ausgleich gibt es auf der Rückseite kein betörendes Bild.

Hier liegt ein Foto vom Anfang des Jahrhunderts. Die Strasse, diese ganz bestimmte Budapester Strasse, ist nicht so fesselnd, wie man das von der Fotografie her schliessen könnte, aber hässlich ist sie auch nicht, ein Alibi ist sie nicht. Die Königstrasse – zu meiner Zeit (die mit der des János Kádár identisch ist) hiess sie noch Majakowskistrasse – ist ein mittelmässiges Beispiel, zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zählt es nicht, doch unerhört originell ist das Beispiel auch nicht.

Es stimmt zwar, dass ich die vielbesuchten Orte der Stadt, die gut zu fotografierenden Stellen, die Touristenwallfahrtsorte nicht liebe. Einerseits ist diese Vorsicht berechtigt, an diesen Orten gibt es immer etwas Billiges, etwas «nicht Feines», andererseits ist es aber niemals ein Zufall, wo sich eine Stadt verdichtet, wo sie so bebt, so dass die Menschen dort erstaunt stehenbleiben. (Zumindest Autoren von Reiseführern sollten erstaunt stehenbleiben . . .) Es hätte etwas von überflüssigem Hochmut, wollte ich behaupten, dass mein Paris, mein Wien, mein Berlin nicht das gewöhnliche, nicht das allgemeine seien, dass ich meinerseits versteckte Pfade kenne, an denen die Stadt, wenn ich dort entlanglaufe, geheimnisvoller, tiefer, persönlicher sei. Obwohl eine Stadt wahrscheinlich doch durch ihre Klischees am genauesten bestimmt wird.

Diese Strasse ist ein Beispiel dafür, wie eine Stadt oder ein Stadtteil mit und innerhalb der Zeit pulsiert. Sie schläft, dann erwacht sie. Sie stirbt, und wunderbarerweise lebt sie wieder auf (wie zum Beispiel Schneewittchen). Sie bewegt sich wie ein Lebewesen. Das geschieht nicht durch vorangehende Planungen, durch unnachvollziehbare Erlaubnisse und insbesondere nicht durch Anweisungen oder durch eine gestrenge Stadtplanerei, sondern einfach, wie es die Natur will. Es geht nicht um auffallende Angelegenheiten, die Strasse wird nicht bemalt, es werden keine Umbauten, Renovierungen vorgenommen, dennoch ist zu spüren . . . was denn?, im Wesentlichen, dass die dort Wohnenden das Dort, ihr Eigentum in Besitz nehmen.

Die Königstrasse trennt die Theresienstadt von der Elisabethstadt. Das ist eine alte Strasse, es gibt sie schon lange. Ursprünglich begann sie in der Innenstadt und führte vom Donauufer, als eine Fortsetzung der Franz-Deak-Strasse, über zweieinhalb Kilometer hinweg zum Stadtpark hinaus. Keine Strasse zum Vorzeigen, sie ist die kleine graue Schwester der Andrássy-Allee, eine innere Strasse, eine hintere Strasse, so spricht von ihr die undankbare Gegenwart, obwohl sie eine ganze Zeit lang die Radialstrasse war, die zum Stadtgarten hinausführte, hier gab es viele Geschäfte, Vergnügungslokale und Kneipen, spürbar ist die Nähe der Grosswiesenstrasse (Nagymezö utca, der Broadway von Budapest), sogar ein Omnibus fuhr hier entlang. Doch als die grosszügige und ganz und gar unerträglich eingebildete Stadtplanung der Jahrhundertwende die grandiose Andrássy-Allee gebaut hatte, sank die Bedeutung der Königstrasse beträchtlich.

Als Majakowskistrasse war sie völlig uninteressant. Natürlich stand die Musikakademie auch zu jener Zeit hier, und auch die Tierhandlung am Isabelleneck, wo man selbst in den allerbittersten Jahren des Staatssozialismus Affen kaufen konnte. Ein echter grinsender Affe kann es beinahe schon mit dem Sozialismus aufnehmen. Beinahe.

Das gegenwärtige Aufleben ist auch nicht aufsehenerregend. Selbstverständlich gibt es gut sichtbare Veränderungen, Restaurants und Kaffeehäuser wachsen aus dem Boden (das Restaurant Istanbul, das Kaffeehaus König), Pizza- und Kebab-Buden, Nightclubs und chinesische Restaurants kommen hinzu. Und die Leute sitzen anders, sie sprechen anders. Vierzig Jahre lang war es mir nie eingefallen, in diese Richtung zu gehen, jetzt ja. Etwas Besonderes ist mir nicht passiert, doch schliesslich war das nicht von vornherein zu wissen.

Aus einem der Fenster des auf der Ansichtskarte ersichtlichen, in den Jahren 1847/48 von Ferenc Brein für den Vizepolizeipräsidenten der Stadt, Imre Pekáry, errichteten dreistöckigen Eckhauses rief jemand zur Strasse hinab. Ich drehte mich um. Neben mir grinste ein blonder Junge. Ich erinnere mich, dass einmal ein Mädchen in Venedig so zur Strasse hinabgeschrien hatte, eine Gymnasiastin, briganti!, und alle lachten. Es war damals, dass ich dachte, Venedig sei eine phantastische Stadt – wenn man dort so rufen kann.

Im Zusammenhang mit dieser Strasse muss ich noch von zwei Frauen reden, eine der beiden traf ich in einem (meinem) Buch an: Zu jener Zeit, als aus dem Leninring der Theresienring wurde und findige Studenten aus Konservenbüchsen mit der Aufschrift «Der letzte Atemzug des Sozialismus» Geld schlugen, lebte eine Frau in der Majakowskistrasse Nummer 13 (da bereits hiess sie wieder Königstrasse), im Gozsdu-Hof, der wohl das «grösste und geheimnisvollste Durchgangshaus» von Budapest ist, eine Frau, die dick und rosa war wie ein Ferkelchen, trotzdem hatten in der Gegend sie alle geliebt, und sogar in Ráckeve hatte sie Verehrer und auch in Ujpest, vielleicht wegen ihres Geruchs, denn sie roch sehr gut. Die Frau, die ansonsten allein lebte, sammelte die Donau in kleine Fläschchen. Sie besass abendliche Donau, morgendliche Donau, Frühlingsdonau, zürnende Donau, Treibeisdonau (diese bewahrte sie im Kühlschrank auf), sie hatte grüne Donau, blonde, graue und blaue Donau, und wer könnte alle Arten aufzählen; in Reihen standen sie auf einem handgeschnitzten Regal über ihrem Bett, und alle Verehrer, die dort vorbeikamen, mussten sich die ganze Sammlung anschauen.

Das ist die Donau, murrten die Männer.
Die andere Frau kommt in einem alten Schlager vor:
In der Königstrasse hundertsechs wohnt die kleine Zuckerhex’ –
So viel habe ich noch in den Ohren, und so viel haben in Budapest alle in den Ohren. Auf ungarisch reimt sich das sehr gut, und eine Frau, die sich reimt, lieber Leser, bleibt einem gut in Erinnerung, das solltest Du mir glauben.

Péter Esterházy lebt als Schriftsteller in Budapest. Zuletzt von ihm auf deutsch erschienen ist das Buch «Donau abwärts» (Residenz-Verlag 1992).

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