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Sportmärchen -- Ein Spieler zweier Herren
© Markus Roost
Von Richard Reich
Ein König sammelte als Hobby statt Briefmarken Fussballspieler. Er tat dies zum Zeitvertreib, aber systematisch; insgeheim wollte er eines Tages Weltmeister werden. Wann immer in seinem Reich ein Knäblein zur Welt kam, sandte der König darum Späher aus, um zu sehen, ob der Frischling zum Fussballer geboren sei. Die Säuglinge wurden ärztlich abgeklopft und amtlich ausgemessen, man prüfte Lunge, Körperbau, Reflexe, und fiel alles zufriedenstellend aus, wurden die Knaben in ein Heim gesteckt. Dort erzog man die Kleinen dreimal sieben Jahre lang zu grossen Fussballspielern.
Nun wollte des Königs Mannschaft trotz allen Anstrengungen einfach nicht Weltmeister werden. Ständig brachten fremde Fürsten, weiss der Teufel warum, noch bessere Fussballer hervor, was den König erzürnte. «Habt ihr Kerle Schienbeinschoner vor den Augen?» herrschte er seine Späher an. «Wenn ihr nicht auf der Stelle besser späht, lasse ich im Circus die Hooligans auf euch los!» Da erzitterten die Späher wie Espenmoos und schwärmten eilends aus bis an die Ränder des Reiches. Zur Sicherheit nahmen sie Spürhunde mit, und schon bald zerrte eines der Tiere unweit der Grenze ein Findelkind aus dem Gestrüpp.
«Holla!» rief einer der Späher und stupste das Bündel mit der Stiefelspitze an, «was ist denn das?» Das Findelkind sagte nichts, drückte bloss seine Wange an einen roten Ball, den es mit beiden Händchen hielt. «Hm, wohl Ausländer», brummte der Späher. «Die Waden wären gar nicht so schlecht! Wenn man ihn ordentlich füttert, liesse sich der Versuch wagen.» So wurde der fremde Knabe ins königliche Kinderkickerheim gebracht.
Dort wurde der Neue genau wie alle andern behandelt. Wie jedermann lernte er nicht nur auf zwei Beinen gehen, sondern auch beidfüssig gegen Bälle treten und hart mit dem Kopf zu stossen, wenn es drauf ankam. Der kleine Fremdling machte seine Sache so gut, dass die Einheimischen ihn mit wachsendem Wohlgefallen betrachteten. «Du bist einer von uns!» riefen sie und meinten es als besondere Auszeichnung. Der Junge nickte stumm, doch als er allein war, nahm er seinen alten roten Ball in die Hände und wisperte: «Nur du weisst, woher ich komme! Nur du weisst, wer ich bin!» Dann ging er wieder trainieren.
Je älter der fremde Junge wurde, desto öfter ging er seiner Wege, begleitet nur von seinem roten Ball. Stundenlang jonglierte er das alte Leder, ohne dass jenes je den Boden berührte. Dabei trat er das Spielgerät nicht, wie es sonst Sitte war, mit Spann oder Rist, sondern er pflegte, umhegte es wie einen kleinen Bruder. Er schaukelte es auf den Knien, liess es auf der Stirn hüpfen, über den Nacken rollen, brachte es zum Tanzen, bis ihm selber schwindlig wurde.
Dies sah eines Tages der alte König, der den Fremdling noch nie bemerkt hatte. «He, du da!» rief er, «komm und spiel für mich, auf dass ich endlich Weltmeister werde!» Obwohl der junge Fussballer kaum wusste, wie ihm geschah, sandte der König noch am selben Tag Herolde aus, um seinen bevorstehenden Sieg zu verkünden. Bald wimmelte es am Hof von fremden Monarchen, die den Wunderknaben bestaunen wollten und den König beglückwünschen. Einer aber stand auf und rief: «Damit es alle wissen: Dieses Kind ist auf meiner Erde geboren! Also gehört er mir!»
Da entstand ein furchtbarer Streit. Die zwei Könige beschimpften sich wüst und begannen, wild an dem armen Jungen zu zerren. Der eine rief: «Wer hat ihn dreimal sieben Jahre gefüttert, wenn nicht ich?!» Der andere brüllte: «Wessen Blut fliesst in seinen Beinen, wenn nicht meins?!» Der fremde Junge aber vergrub den Kopf zwischen den Armen, drückte die Wange an seinen alten roten Fussball und flüsterte: «Wer wäre meine Heimat, wenn nicht du?!»
Nach Mladen Petric (2002) hat heuer auch Ivan Rakitic gleichzeitig Aufgebote für die Nationalteams Kroatiens und der Schweiz erhalten. Wie Petric entschied sich Rakitic nach langem Hin und Her für die Heimat seiner Eltern, worauf man ihm hierzulande (wie zuvor Petric) mangelnde Dankbarkeit vorwarf. – Petric kam als Kleinkind in die Schweiz, Rakitic wurde hier geboren.
Richard Reich ist Autor; er lebt in Zürich.
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