NZZ Folio 12/96 - Thema: Wunder   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Kein Wunder

Von Daniel Weber

Edwin Robinson hatte bei einem Autounfall schwere Kopfverletzungen erlitten, und in der Folge wurde er nach und nach blind und taub. Als er zehn Jahre später an einem Junimorgen ein paar Schritte im Quartier tun wollte, wurde der 62jährige vor seinem Haus in einer Vorstadt von Portland, Maine, vom Blitz getroffen. Er lag zwanzig Minuten bewusstlos am Boden, wahrscheinlich überlebte er nur, weil er Schuhe mit dicken Gummisohlen trug. Am nächsten Morgen merkte Edwin Robinson, dass er wieder sehen konnte, und sein Hörgerät, von dem der Blitz nicht viel übriggelassen hatte, brauchte er nicht mehr: er hörte wieder völlig normal.

Diese Geschichte, die der «Sunday Telegraph» in einem Artikel über unerklärliche Vorkommnisse im Zusammenhang mit Blitzschlägen erzählte, ist ein Wunder, keine Frage. Keine Frage? Im Gegenteil. Jedes Wunder verlangt nach einer Erklärung, gerade weil es das menschliche Vermögen, zu verstehen, übersteigt.

Wie weit die Spanne der Erklärungen ist, die angesichts eines Wunders bemüht werden, zeigt die Vielfalt der Bedeutungen, die das Wort annehmen kann: Ein Wunder kann das Handeln Gottes sein, ein Beweis göttlicher Gnade - oder das Werk übermenschlicher böser Mächte. Es kann, jenseits der Religion, ein Geschehen meinen, das den Naturgesetzen anscheinend widerspricht. Es kann etwas höchst Erstaunliches bezeichnen, das sich durchaus noch innerhalb der Grenzen des Möglichen zuträgt. Oder es kann grundsätzlich die überwältigende Unbegreiflichkeit der Schöpfung, der Natur meinen.

Kein Wunder, sind in Grimms «Deutschem Wörterbuch» dem Wunder über vierzig Spalten gewidmet. So vielfältig seine Bedeutungen sind, so widerspenstig kommt es einem vor. «Die Herkunft des Wortes ist dunkel», sagt das Wörterbuch lakonisch. Und erst recht braucht es auf die Frage, ob es Wunder gibt, keine Antwort zu wissen.

Auf die Wunder, über die in unserem Heft berichtet wird, wird der eine mit Skepsis, die andere mit Ungläubigkeit reagieren. Aber vielleicht ist es gar nicht so wichtig, ob es diese Wunder gibt oder nicht. Ist nicht das Wunderbare am Wunder weniger dieses selbst, als dass man es sich denken kann?




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