NZZ Folio 01/93 - Thema: Verschwunden   Inhaltsverzeichnis

Die Verschwinder

Menschen, die nicht mehr heimkamen.

Von Daniel Weber

«Ich gehe schnell Zigaretten holen», sagte man früher; und verschwand. Jedenfalls kehrten so viele nicht zurück, dass der Satz zum geflügelten Wort wurde. Heute, im Zeitalter der Nichtraucher, mögen andere Vorwände nötig werden, aber verschwinden werden die Verschwinder weder aus unserer Wirklichkeit noch aus unserer Phantasie. Wer aus seinem Leben aufbricht, verwirklicht vielleicht einen Traum: er schlägt der Vorhersehbarkeit ein Schnippchen. Er will seine Geschichte loswerden, er will ein anderer werden oder an einem anderen Ort zu sich kommen. Und manche wollen ganz einfach weg. Die Zurückgebliebenen sind es, die den Verschwundenen ihre Aura verleihen. Dabei sind ihre Mutmassungen über Motive und mögliche Aufenthaltsorte oft nichts anderes als ein Ausdruck der Weigerung, das Unverständliche zu akzeptieren. Etwa im Fall von Dorothy Harriet Camille Arnold, der Tochter einer bekannten Familie aus Manhattan.

*

Dorothy Arnold führte das typische Leben einer jungen Frau aus einer wohlhabenden New Yorker Familie Anfang dieses Jahrhunderts. Shopping in den teuren Geschäften der Fifth Avenue, Verabredungen zum Tee mit Freundinnen, Debütantinnenbälle und Einladungen: So verbrachte sie ihre Zeit, und wahrscheinlich war auch ihre Affäre mit dem zwanzig Jahre älteren Playboy George Griscom Jr., die sie ihrer Familie und ihren Bekannten verheimlichte, nichts Aussergewöhnliches. Gelegentlich trafen sich die beiden in luxuriösen Hotels in Boston; die Rechnung bezahlte immer Dorothy. Wenn sie allein war, schrieb sie Kurzgeschichten, die Titel trugen wie «Lotus Leaves» oder «Poinsettia Flames», aber ihre Familie hatte für ihre literarischen Ambitionen nur Spott übrig. Und die Zeitschrift, der sie ihre Texte schickte, lehnte eine Veröffentlichung ab. «Das Versagen starrt mir ins Gesicht», notierte Dorothy danach auf einen Zettel, «alles, was ich vor mir sehen kann, ist eine lange, gerade Strasse.» Am 12. Dezember 1910, Dorothy Arnold war 25 Jahre alt, verliess sie gegen Mittag ihr Elternhaus in der 108 East 79th Street, um ein Kleid zu kaufen, das sie am Abend bei einem Fest zu Ehren ihrer Schwester tragen wollte. Sie hatte 36 Dollar bei sich und trug einen jener riesigen Baker-Hüte, wie sie damals Mode waren. Dorothy traf an diesem Tag Freundinnen, besuchte ein paar Geschäfte, und als sie am Nachmittag aus einer Buchhandlung auf die Strasse trat, begegnete sie zufällig einer Bekannten, mit der sie einige unverbindliche Worte über das bevorstehende Fest wechselte. Dann überquerte Dorothy Harriet Camille Arnold die Fifth Avenue, verschwand in der Menge und wurde nie wieder gesehen.

Als Dorothy auch nach einigen Tagen nicht auftauchte, liessen ihre Eltern sie durch Privatdetektive suchen; ohne Erfolg. Nach sechs Wochen schalteten sie auch die Polizei ein, der Fall wurde öffentlich. Klatschreporter stiessen auf Dorothys Verbindung zu Griscom, die gute New Yorker Gesellschaft kam in die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Dorothys Mutter reiste nach Italien ? wo auch Griscom sich zu jener Zeit aufhielt ?, um dort nach Dorothy zu suchen. Sie brachte nur ein Bündel Liebesbriefe nach Hause, die Griscom in den vorhergehenden Jahren von Dorothy bekommen hatte; ihnen war kein Hinweis auf ihren Verbleib zu entnehmen. Dorothy hatte keine Spuren hinterlassen. In über hundert Städten wollten Zeitungsleser sie erkannt haben; von Briefschreibern erfuhr die Familie, dass ihre Tochter in einem Bordell in Mexiko festgehalten werde oder sich in Honolulu mit einem hübschen Jüngling am Strand vergnüge. Einer war sogar bereit zu beschwören, dass am Tag, an dem Dorothy verschwand, auf dem Teich im Central Park ein wunderschöner Schwan aus dem Nichts erschienen sei.

Über 100 000 Dollar gab die Familie für die Suche nach ihrer Tochter aus, Dutzende von Detektiven waren unterwegs, überprüften erfolglos Spitäler, Gefängnisse und Leichenhallen. Sechs Jahre nach Dorothys Verschwinden gestand ein Sträfling, er habe damals im Auftrag von Griscom im Keller eines Hauses bei West Point ein Grab ausgehoben; die Polizei grub darauf Keller um Keller in West Point um und fand nichts. Dorothys Vater starb 1922, ihre Mutter 1928, ohne je wieder etwas von ihrer Tochter gehört zu haben. Die Gerüchte um Dorothys Verschwinden hielten sich noch lange. Sie sei ins Wasser gegangen, weil Griscom sie nicht heiraten wollte, sagten die einen. Andere behaupteten, sie sei schwanger gewesen und von ihren Eltern in einem Bergdorf in der Schweiz untergebracht worden, wo sie für ihre Sünde büssen sollte. Und einige wollten gehört haben, dass sie bei einer Abtreibung gestorben und heimlich verscharrt worden sei. Geklärt wurde Dorothy Harriet Camille Arnolds Verschwinden nie.

*

Eine besonders verstörende Form des Verschwindens ist die Amnesie, der Verlust der Erinnerung. Den Opfern dieser neurologischen Tragödie kommt ein Stück ihres Lebens, ihrer Identität abhanden; manchmal sind es nur einzelne Ereignisse und wenige Tage, nicht selten aber Jahrzehnte, die das Gedächtnisloch verschlucken kann. Harry Miller aus Salt Lake City verlor auf einen Schlag zwanzig Jahre seines Lebens, als er sich 1917 zur Armee meldete und auf dem Weg zur Kaserne überfallen, bewusstlos geschlagen und beraubt wurde. Als er in einer Zelle zu sich kam, protestierte er beim Wärter: Warum zum Teufel hatte man ihn eingesperrt? Schliesslich war er ja das Opfer der Schlägerei! Und hatte man denn die Diebe nicht gefasst? Der Wärter erzählte ihm jedoch eine ganz andere Geschichte: Die Polizei habe ihn aus einem Güterwagen geholt, und als er sich wehrte, habe man ihm eins mit dem Gummiknüppel übergezogen.

Miller fluchte und brüllte etwas von Verwechslung, aber als er zufällig eine Zeitung in die Hand bekam, überfiel ihn das schiere Entsetzen: Sie trug nicht ein Datum von 1917, sondern von 1937. Und im Spiegel erblickte Harry Miller nicht das jugendliche Gesicht eines 26jährigen, sondern die Züge eines ihm völlig unbekannten alten Mannes mit wirrem weissem Haar, unrasiert und schmutzig. Er hatte keine Ahnung, wie er die vergangenen zwanzig Jahre verbracht hatte.

*

Agatha Clarissa Christie war keine Unbekannte, als sie mit 36 Jahren verschwand: Seit sechs Jahren hatte sie Detektivromane veröffentlicht, die ein immer grösser werdendes Publikum fanden. Am 3. Dezember 1926, in einer dunklen, stürmischen Nacht, packte Agatha Christie einen kleinen Koffer, verliess ihr Landhaus in Sunningdale, Berkshire, und fuhr in ihrem zweisitzigen Sportwagen davon. Am Tag darauf durchkämmte bereits eine Hundertschaft von Polizisten die Gegend; Oberst Archibald Christie hatte seine Frau unverzüglich als vermisst gemeldet. Ihr Wagen wurde schnell gefunden: In der Nähe von Guildford hing er über einem Kalksteinbruch, die vorderen Räder ragten über die Klippe hinaus. Nur weil er in einem Gebüsch hängengeblieben war, war der Wagen nicht im Steinbruch zerschellt. Auf dem Sitz lag der offene Koffer, die Kleider darin waren zerwühlt.

Die Polizei war ratlos, obwohl es Vermutungen und Theorien über Agatha Christies Verschwinden zuhauf gab. Ihr Mann sagte aus, sie sei mit ihren Buchprojekten überarbeitet gewesen bis an die Grenze der Erschöpfung oder eines Nervenzusammenbruchs. Freunde versicherten, Agatha habe es in ihrem einsam gelegenen Haus nicht mehr ausgehalten, in dessen Nähe kurz zuvor ein Mord und ein Selbstmord geschehen waren. Man wusste auch, dass Agatha Christie sich intensiv mit dem Verschwinden von Dorothy Arnold in New York auseinandergesetzt hatte. 1910, als Dorothy Arnolds Geschichte durch die Presse ging, war sie zwanzig Jahre alt gewesen; begierig hatte sie alle Zeitungsmeldungen und die Spekulationen über den Verbleib der Verschwundenen verfolgt. Ein Londoner Journalist wusste zu berichten, dass jener Fall es gewesen sei, der Agatha Christie dazu gebracht hatte, Detektivromane zu schreiben. Eine Weile hielt Scotland Yard Gerüchte für plausibel, die einen Selbstmord der Schriftstellerin annahmen, weil sie es nicht geschafft habe, ihr jüngstes Buch zu Ende zu bringen. Einige wenige behaupteten dagegen, ihr Verschwinden sei eine raffinierte PR-Massnahme zur Lancierung ihres neusten Romans.

Die Suche ging weiter. Scotland Yard, die Polizei und unzählige Private hielten nach Agatha Christie Ausschau, zu Fuss, auf Fahrrädern, in Autos. Insgesamt waren über 15 000 Leute unterwegs auf der «grössten Suche nach einer vermissten Person, die je in diesem Land veranstaltet wurde», wie der Londoner Korrespondent der «New York Times» schrieb. Auch Agatha Christies Terrier kam zum Einsatz; er schnüffelte drei Stunden lang herum, dann legte er sich nieder und schlief. Nun wollte jemand die Autorin vor einem Bungalow in den Sussex Downs gesehen haben. Im verlassenen Haus fand die Polizei ein Fläschchen mit Gift, eine zerrissene Postkarte, einen Damenmantel, eine Puderdose und einen halben Brotlaib; die Überwachung des Bungalows führte zu nichts. Aber der Sucheifer flammte wieder auf, genährt auch dadurch, dass eine Londoner Zeitung eine hohe Belohnung für sachdienliche Hinweise ausgesetzt hatte. Um ein Haar überfuhr darauf die Polizei zwei Männer, die in der Abenddämmerung auf einer Nebenstrasse in den Sussex Downs knieten; sie trugen Sherlock-Holmes-Mützen und suchten mit Vergrösserungsgläsern nach Spuren.

Die Entdeckung der Verschwundenen war weit weniger spektakulär als die Lösung der Fälle in ihren Büchern: Kein scharfsinnig kombinierender Hercule Poirot trat auf den Plan, sondern ein Gast des Seebads Hydro Harrogate in Yorkshire erkannte auf einer Zeitungsphoto seine Tischnachbarin aus dem Hotelspeisesaal wieder. Agatha Christie wirkte bei ihrer «Entdeckung» völlig überrascht. Sie wusste nicht, wer sie war. Im Seebad angekommen war sie zu Fuss, im Hotel hatte sie sich unter einem falschen Namen eingetragen und behauptet, «vom Kap der Guten Hoffnung» zu kommen. Offensichtlich litt sie an einer vollständigen Amnesie. Während ihres Aufenthalts hatte sie Tanzveranstaltungen besucht, mit anderen Frauen im Hotel Billard gespielt und, wie alle Gäste, mit Interesse die Pressemeldungen über das Verschwinden Agatha Christies verfolgt.

Nur langsam fand die Schriftstellerin wieder zu sich; ihren Mann hielt sie zunächst für ihren Bruder, und daran, wie sie wirklich nach Hydro Harrogate gekommen war, erinnerte sie sich nicht. Ihr Verlust des Gedächtnisses aber erwies sich als finanzieller Gewinn: Die internationale Publizität, die ihr Verschwinden hervorgerufen hatte, erhöhte ihren Marktwert schlagartig. Die Zeitungen rissen sich um Vorabdrucke der neuen Bücher, die alten Romane wurden wieder aufgelegt. Agatha Christie war nun weltbekannt. Noch zwei Jahre vor ihrem Tod 1976 wies sie die Unterstellung zurück, damals ihr Verschwinden inszeniert zu haben. «Ein Schriftsteller muss den Leser respektieren», sagte sie, «ich habe nie geschwindelt.»

*

Wer hierzulande verschwindet, wird, sobald ihn jemand als vermisst gemeldet hat, polizeilich gesucht. Im Kanton zunächst, dann werden landesweit die Polizeistellen verständigt, Interpol wird eingeschaltet, von Fall zu Fall werden Suchmeldungen in den Medien veröffentlicht. Wenn die Nachforschungen nichts ergeben, landen die Akten auf dem Schreibtisch der für ungeklärte Fälle zuständigen Ermittler. Gelegentlich haben die Spezialisten Erfolg. Aber wer verschwunden bleibt, verschwindet nicht aus den Akten. Anders als das Gedächtnis der Menschen, kennen die Polizeiarchive kein Vergessen, mindestens nicht für die Dauer von 25 Jahren. Und aus knapp formulierten Protokollen, aus fragmentarischen Zeugenaussagen und spröden Dokumenten tauchen Geschichten auf. Geschichten, die vor dem letzten Kapitel abbrechen. Wie jene von Rosa Stettler.

«Ich gehe nur schnell die Heugabel holen, die noch hinten auf der kleinen Wiese liegt», sagte Rosa Stettler zu ihrer Schwiegermutter. Die beiden Frauen waren mit einem Freund der Familie in der Nähe ihres Hofs bei Burgdorf beim Heuen; es war am 5. Juni 1971, an einem Samstag, kurz vor elf. Wenige Minuten später sah ein Bekannter aus dem Dorf, der mit seinem Lastwagen unterwegs war, wie Rosa Stettler über einen Feldweg in Richtung jener Wiese ging. Sie trug eine geblümte Schürze und ein helles Kopftuch.

Als Rosa Stettler nach dem Mittag noch immer nicht zurück und in der Umgebung des Hofs nirgends zu sehen war, verständigte ihr Mann, der am Morgen mit seinem Traktor einem andern Bauern ausgeholfen hatte, einen befreundeten Polizisten; dieser leitete die Vermisstenanzeige weiter. In den folgenden Tagen wurde eine weiträumige systematische Suche durchgeführt, an der sich 55 Polizeirekruten und Hundeführer beteiligten; man konzentrierte sich auf den Wald und das Emme-Ufer, liess aber auch das Wasser eines nahegelegenen Kanals ab, ohne auf eine Spur von Rosa Stettler zu stossen. Dass sie auf und davon gegangen sein könnte, musste auch in Betracht gezogen werden. Laut Aussage des Ehemanns, Jürg Stettler, fehlten im Haus zwar weder Bargeld noch Sparbüchlein; verschwunden war allerdings der alte österreichische Reisepass seiner aus Kärnten stammenden Frau. Doch wohin hätte Rosa Stettler gehen sollen? Zu ihren Geschwistern in Kärnten hatte die 40jährige, die als junge Frau mit einer ihrer Schwestern in die Schweiz gekommen war, von jeher ein gespanntes Verhältnis. Plausibler schien die Annahme, Rosa Stettler sei aus dem Leben geschieden. Ihr Arzt, der ihr ein leichtes Beruhigungsmittel verschrieben hatte, schloss eine Suizidgefährdung nicht aus. Er teilte der Polizei mit, dass ein ihm bekannter Hypnotiseur und Pendler Rosa Stettlers Leiche in einem Weiher unweit ihres Hofes «gesehen» habe. Der Weiher wurde ergebnislos abgesucht.

Ohne Erfolg blieben auch Aufrufe in Radio, Fernsehen und Presse; Interpol konnte nicht weiterhelfen. Auf Betreiben von Rosa Stettlers Schwester überprüfte man auch die Möglichkeit eines Verbrechens innerhalb der Familie, pumpte die Jauchegrube auf dem Hof aus und untersuchte eine Kehrichtdeponie, ohne etwas zu finden. Als die Polizei später erfuhr, dass Rosa Stettler als einzige der Familie sich um das Grab ihrer Eltern gekümmert hatte und regelmässig für die Unterhaltskosten aufgekommen war, zog sie in Kärnten Erkundungen ein: Seit Rosa Stettlers Verschwinden waren die Zahlungen ausgeblieben. Irritierend blieb, dass jene vergessene Heugabel, die die Verschwundene damals hatte holen wollen, am gleichen Abend von ihrem Mann zu Hause gefunden worden war.

Als 1981 Jürg Stettler den Antrag stellte, seine Frau offiziell für verschollen zu erklären, wurden die Ermittlungen durch die Spezialabteilung der Kantonspolizei noch einmal aufgenommen. Nach zehn Jahren wurden erneut Fragen gestellt, Abläufe rekonstruiert, Zeugen einvernommen ? nicht zuletzt, weil das Gerücht wieder aufflackerte, Rosa Stettler sei ermordet worden.

Die Stettlers hatten keine gute Ehe geführt, Rosa hatte sich oft bei Freundinnen beklagt, ihr Mann höre mehr auf seine Mutter als auf sie. Sie litt auch darunter, dass Arbeit der einzige Lebensinhalt auf dem Hof war; und an ihren drei Töchtern hing sie nicht besonders. Rosa Stettler war oft deprimiert und lustlos, aber gerade in den Wochen vor ihrem Verschwinden habe sie ausgeglichen und stabil gewirkt, gaben Zeugen zu Protokoll. Im Dorf hatte man auch gemunkelt ? und ihr Mann war überzeugt davon ?, dass Rosa Stettler ein Verhältnis mit Egon Huber hatte, dem Mann ihrer Freundin. Ein Mord aus Eifersucht also? Jürg Stettlers Alibi wurde nun erstmals genau überprüft; er wurde von jedem Verdacht befreit. Egon Hubers Frau erinnerte sich an einen merkwürdigen Anruf Rosa Stettlers am Vorabend ihres Verschwindens. Sie kündigte einen kurzen Besuch an und sagte, sie möchte «noch einmal» den kleinen Jungen der Familie Huber sehen, den sie sehr mochte. Ein Carchauffeur, der 1972 im Dorf behauptet hatte, er sei sicher, auf einer seiner Fahrten Rosa Stettler in Zell am See erkannt zu haben, konnte nicht mehr befragt werden; er war inzwischen verstorben. Die Ermittlungen ergaben keine konkreten Anhaltspunkte und liessen nicht auf ein Verbrechen schliessen. Zutage gefördert wurden Vermutungen und Bruchstücke einer Existenz, die sich im Ungewissen aufgelöst hatte. Die Untersuchung wurde eingestellt.

*

Weggehen heisst: eine Lücke hinterlassen. Aber es gibt auch Menschen, die verschwinden, als wären sie nie dagewesen. Swetlana Novak zum Beispiel. Sie war ein Mädchen vom Land und wirkte auch so, mit ihrem rundlichen Gesicht und ihrer molligen Figur. Um so auffälliger waren ihre langen, schlanken Finger. Mit 17 Jahren, Swetlana absolvierte in Marienbad eine Lehre als Schuhmacherin, lernte sie einen jungen Schweizer kennen, der 1967 die Tschechoslowakei bereiste. Die beiden begannen eine Brieffreundschaft, und zwei Jahre später fuhr Swetlana auf seine Einladung hin mit einem dreiwöchigen Besuchervisum in die Schweiz. 14 Tage nach ihrer Ankunft stellte Swetlana Novak in Olten einen Antrag auf Asyl, dem stattgegeben wurde. In der Tschechoslowakei zurück blieben ihre Mutter und ihre beiden Brüder. Von dem Mann, der sie in die Schweiz eingeladen hatte, löste Swetlana sich bald. Die Gründe sind nicht auszumachen, der Mann lebt nicht mehr; er soll Selbstmord begangen haben, nachdem Swetlana sich von ihm getrennt hatte.

Zehn Jahre lang arbeitete Swetlana Novak in einer Oltner Firma als Laborassistentin. Ihre Arbeitskolleginnen ? anderen Umgang pflegte sie nicht ? schätzten sie; sie galt als fröhlich und unkompliziert. Was Männer betraf, war sie zurückhaltend. Über ihre Bekanntschaften schwieg sie sich aus, man sah sie nie in männlicher Begleitung. Manchmal besuchte Swetlana ein Restaurant in der Nähe ihrer Wohnung; man erinnerte sich dort später vage an sie, sie hatte keinen Kontakt gesucht. Mit ihrem Geld schien sie haushälterisch umzugehen. Zweimal, 1979 und 1983, leistete sie sich längere Ferien in Südamerika, für die sie begonnen hatte, Spanisch zu lernen. 1981 wurde Swetlana Novak Verwaltungsangestellte beim Kanton. Weil sie weniger Lohn erhielt als ihre Vorgänger, kündigte sie die Stelle nach eineinhalb Jahren wieder. Sie bemühte sich in der Folge vergebens um eine neue Arbeit. Später stellte sich heraus, dass sie während der Zeit ihrer Arbeitslosigkeit über beträchtliche Mittel verfügte: Zwischen Januar und März 1984 hob sie etwa 15 000 Franken von ihrem Konto ab; die Herkunft des Geldes wurde nie geklärt.

Anfang April 1984 verschwand Swetlana Novak. Ehemalige Arbeitskolleginnen, die mit ihr Verbindung aufnehmen wollten, erstatteten Meldung bei der Polizei. Ihre Zweizimmerwohnung wirkte nicht so, als ob sie verreist sei. Im Kühlschrank stand ein Joghurt, im Kehrichtsack lagen Eierschalen. Ausweise und Geld fehlten, aber die Reisetaschen standen im Estrich, und an der Garderobe hing der teure Photoapparat, den Swetlana jeweils auf ihre Reisen mitgenommen hatte. Hinweise auf ein Verbrechen lagen nicht vor. Die Abklärungen, ob Swetlana Novak in nachrichtendienstliche Aktivitäten verwickelt war, verliefen negativ. Auf einen Presseaufruf hin meldete sich ein Mann aus Basel und gab zu Protokoll, dass er Swetlana Novak im Oktober 1984 auf einem Flug nach New York kennengelernt habe, aber in den Passagierlisten war ihr Name unauffindbar.

*

Zuletzt die kleine Geschichte eines Mannes, der weggeht und wiederkommt, weggeht und wiederkommt; bis er einmal endgültig ausbleibt. Man kann fast nicht umhin, ihn Isidor zu nennen. Als Frieda Keller am 10. Oktober 1989 um 10 Uhr einkaufen ging, sass Isidor im Wohnzimmer ihrer Wohnung in einer Alterssiedlung bei Neuenburg und las die Zeitung. Als sie eine Stunde später zurückkam, war ihr Mann nicht mehr da. Dass er Zigaretten holen gegangen war, glaubte Frieda Keller nicht. Resigniert nahm sie an, ihr 87jähriger Mann sei wieder einmal nach Spanien verschwunden, wie er das früher schon verschiedentlich getan hatte, zuletzt im Sommer 1988. Damals war er sieben Wochen weggeblieben. Im Frühling, als sie zusammen eine zehntägige Carreise nach Spanien unternommen hatten, hatte Isidor Frieda das Hotel in Benidorm gezeigt, in dem er logiert hatte. Frieda Keller fand heraus, dass Isidor einige Tage vor seinem erneuten Verschwinden 20 000 Franken von der Bank bezogen und einen Kredit von 40 000 Franken auf ihr Haus aufgenommen hatte. Zur Polizei ging sie jedoch erst im März 1990. Sie verstehe ihren Mann nicht und wolle auch nicht, dass er zurückkomme, meinte sie bitter. Sie wolle nur, dass man wisse, wer er sei, falls ihm etwas zustosse.

Isidor Kellers Versicherung konnte der Polizei bei ihren Nachforschungen weiterhelfen. Im Oktober 1989 hatte Keller eine Vollkaskoversicherung für ein Wohnmobil abgeschlossen, das er für 40 000 Franken gekauft hatte; die Prämien zahlte er gleich bis Ende 1992. Noch im selben Monat rief er aus Altea, einem Touristenort an der Costa Blanca, bei der Versicherung an und meldete den Totalschaden seines Fahrzeugs. Wenige Tage später trafen bei der Versicherung Photos ein, die Isidor Keller vor seinem vollständig ausgebrannten Wohnmobil zeigten. Frieda Keller, der die Polizei die Bilder vorlegte, erkannte in dem weisshaarigen Mann, der den Blick abwandte, als ob er sich seiner Verzweiflung schämte, ihren Gatten. Laut dem beigelegten Brief hatte Isidor Keller durch ein Missgeschick mit dem Gaskocher sein Gefährt in Brand gesteckt, als er sich einen Kaffee brühen wollte. Die Korrespondenz zwischen ihm und der Versicherung lief über den Besitzer einer Bar in Altea, Max Lüthi, dem Namen nach ein Landsmann Kellers. Wohin er dann ging, weiss man nicht. Lüthi, der in einem ungehaltenen Brief für seine Umtriebe von der Versicherung eine Entschädigung von 100 Franken verlangte, hat auf die Anfragen der Polizei nicht reagiert. Im Mai 1990 zahlte die Versicherung 39 900 Franken auf Isidor Kellers Konto ein. Er hat das Geld nicht abgehoben.

Die Fälle von Dorothy Arnold, Harry Miller und Agatha Christie sind dem Buch «Among the Missing» von Jay Robert Nash (New York, 1978) entnommen. Die Fälle der verschwundenen Personen aus der Schweiz basieren auf Polizeiakten; Namen und Schauplätze wurden geändert.




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.