Im vergangenen System sollte unser Bezirk industrialisiert werden. Das heisst, die sollten uns eine Fabrik bauen, weil wir keine hatten, und ohne Fabrik geht es bekanntermassen nicht. Sie kamen angefahren, schlugen eine Lichtung in den Wald und stellten auf diese Lichtung einen grossen Schornstein. Wir fragten uns, denn der Mensch ist ja immer neugierig, was da für eine Fabrik entstünde und was sie produzieren würde. Sie sagten, es würde eine grosse Fabrik, und was sie produzierte, darüber sollten wir uns nicht den Kopf zerbrechen, denn sie würde das produzieren, was notwendig sei. Dann fuhren sie ab und kamen nicht mehr wieder, weil sich das System geändert hatte. Aber der Schornstein blieb.
Wir schämten uns, dass eine Fabrik scheinbar da war, weil ein Schornstein vorhanden war, aber auch wieder nicht, weil sie nicht existierte, es sie nicht gab. Also haben wir Jozek vom Walde angeheuert, damit er im Schornstein wenigstens was verbrennt, wenn schon ein Schornstein da ist, sollte auch Rauch da sein, und wir selber setzten eine Anzeige in das «Wall Street Journal»:
WIR BESITZEN EINEN SCHORNSTEIN. ES BESTEHT DIE MÖGLICHKEIT DES ANBAUS EINER FABRIK.
Zunächst war alles in Ordnung. Der Schornstein rauchte. Beschäftigung gab es im Bezirk, weil ja Jozek da war, und von Wall Street würde irgendein Kapitalist kommen und uns eine Fabrik anbauen.
Die Zeit verging, und kein Kapitalist war zu sehen. Erst gegen Herbst kam einer, ein Inder. Wir haben uns sehr gefreut, weil er ein Kapitalist war, und noch mehr, weil er aus Indien kam, weil wir uns schon Sorgen gemacht hatten, es käme irgendein Jude oder ein Deutscher.
Der Inder besah sich den Schornstein, sagte, dass er genau so einen gesucht habe, und eine Fabrik anzubauen sei eine Kleinigkeit, er brauchte nur ein bisschen Zeit dafür. Das war klar, also schlossen wir einen Vertrag, dass er so lange bei uns bleibt, bis er die Fabrik gebaut hat, und während dieser Zeit bekomme er von uns Kost und Logis umsonst.
Er wohnte beim Dorfschulzen, ass aber im Restaurant am Markt, und die Tochter des Dorfschulzen wusch seinen Turban. Er war höflich, da kann man nichts sagen. Er stellte sich niemandem in den Weg, ass, was man ihm vorsetzte, besonders mochte er russische Piroggen und Bier. Nur dem Probst fiel er unangenehm auf, weil er nicht in die Kirche ging. Wir nahmen ihm das nicht übel, schliesslich war er ein Heide und musste sowieso in die Hölle, aber der Probst meinte, das sei keine Entschuldigung, denn wenn er ein Heide sei, solle er sich taufen lassen.
Im übrigen zeigte er sich nicht oft, nur dass er ins Restaurant ging und zurück. Hauptsächlich sass er zu Hause und arbeitete an dem Anbau der Fabrik.
Wir waren neugierig, wie er damit vorwärts kam, aber wir wagten ihn nicht zu fragen. Also baten wir die Tochter des Dorfschulzen, durch das Schlüsselloch zu gucken. Sie sagte darauf, sie habe schon durch das Schlüsselloch geguckt, aber nichts Interessantes gesehen, er sitze nur da und spiele auf einer Flöte. Das wunderte uns sehr, und wir beschlossen, mit ihm zu reden. Wir warteten auf ihn im Restaurant, und als er zum Mittagessen kam, fragten wir: «Was ist mit dieser Flöte?»
«Bei uns in Indien gibt es so eine Besonderheit. Man setzt sich und spielt auf der Flöte: Dann bewegt sich eine Schnur oder sonst was, was auf der Erde in einem Knäuel zusammengerollt ist, das eine Ende erhebt sich, streckt sich in die Höhe, und nach einem Augenblick steht es wie ein Draht.»
«Na gut, aber was hat das mit der Fabrik zu tun?»
«Mit der Fabrik ist es genauso. Man spielt auf der Hirtenflöte, und die Fabrik steht.»
Eigentlich hatte er recht. Bei uns spielen diese Flöten auch eine grosse Rolle, besonders im Wirtschaftsleben. Aber es blieben uns einige Zweifel.
«Und muss man lange so spielen?»
«Das hängt von der Fabrik ab. Wenn sie gross ist, dann lange, wenn es eine kleinere ist, dann kürzer. Wünschen Sie sich eine grosse oder eine kleinere?»
Wir sahen uns an. Eine grosse wäre schon schön, aber wir sahen, dass er sich einen Viertelliter Wodka zum Kotelett bestellte, und er verköstigte sich schon seit dem Herbst. Andererseits . . . Wir sollten schliesslich in wirtschaftlicher Hinsicht Japan einholen, das kann nicht ohne Kosten abgehen.
«Sie soll gross sein.»
«Erledigt», sagte der Fakir und bestellte sich ein zweites Viertel, denn das erste hatte er schon ausgetrunken.
Wir verabschiedeten uns, um ihn nicht zu stören. Soll er mal arbeiten.
Zu Ostern stand immer noch keine Fabrik. Dafür war die Tochter des Dorfschulzen schwanger und der Fakir verschwunden.
Wir nahmen ihm das nicht übel. Wir haben keine Fabrik, aber einen natürlichen Zuwachs der Geburtenrate, und das ist wichtiger. Ein grosses Volk ist ein starkes Volk.