|
|
Wenn die Därme brechen
© Graphische Sammlung der ETH Zü...
|
| Das Martyrium des heiligen Erasmus: Radierung von Pietro Testa, um 1630. |
|
 |
Was habe ich eigentlich, warum tut’s mir weh? Fragen eines Hypochonders.
Von Jan Weiler
Kann man sich Schmerzen einbilden? Und wenn ja: Sind eingebildete Schmerzen überhaupt Schmerzen oder nur kapriziöse Fehlfunktionen der Seele? Können Einbildungen wehtun? Haben sie einen Krankheitswert, wie das leistungsgesellschaftlich heissen muss?
«Ja, selbstverständlich!» werden die Romantiker unter den Lesern empört rufen. Und ich würde ihnen zustimmen. Eine eingebildete Liebe, so denken wir gemeinsam, kann zum Beispiel höllisch wehtun. Nur, andererseits: Ist es tatsächlich die Einbildung dauerhaften Liebesglücks, die da schmerzt, oder doch nicht eher das erfolgreiche Rütteln am Baum der Erkenntnis? Ja, klar: Es ist der Apfel, der uns dabei auf den Kopf fällt. Und der ist natürlich keine Einbildung, nicht einmal im übertragenen Sinn.
Eingebildeten Schmerz gibt es also wohl tatsächlich nicht. Wer etwas empfindet, der hat auch etwas. Selbst der Phantomschmerz, also die Pein, die von einem nicht mehr vorhandenen Körperteil ausgeht, ist neurophysiologisch betrachtet ein echter, ein realer Schmerz.
Wenn man sich den menschlichen Körper als eine Art Automobil mit Seele vorstellt, dann sollte sich beim Öffnen der Motorhaube der Grund für Fehlfunktionen schnell finden und beheben lassen. Aber so einfach ist das nicht mit dem Schmerz. In manchen Fällen ist er schwer zu beschreiben und nur unzureichend zu lokalisieren – was nicht unbedingt bedeutet, dass sich der Patient den Schmerz bloss einbildet. Wir verfügen nämlich über unterschiedlich schnelle Nervenfasern. Die superfitten A-Delta-Fasern übertragen den Schmerz in einer Geschwindigkeit von 20 Metern pro Sekunde, sie sind die DSL-Leitungen des Inneren, die aufgrund des hohen Tempos genau mitteilen, wo es zwickt. Die zehnmal langsameren C-Fasern hingegen vermitteln nur ein diffuses Bild und sorgen für ungenaue Beschreibungen des Schmerzes. Hinzu kommt, dass die Ursache für Schmerzen eben nicht in blankgescheuerten Kabeln oder defekten Luftfiltern auffindbar ist. So manches spielt sich im Unsichtbaren ab, im Schattenreich zwischen dem Organischen und dem Seelischen. Das ist geheimnisvoll und spannend und hält die medizinische Abteilung auf Trab.
Viele Menschen, darunter auch ich, verwenden viel Zeit und nicht wenig Energie und Geld auf die Erforschung der Frage: Was habe ich eigentlich? Und warum tut es weh? Zur Beantwortung werden in der Regel Fachleute herangezogen, die Ursachen finden oder auch nicht. Für manche Behandlungen ist dies aber gar nicht so wichtig.
Mir zum Beispiel wurde vor einigen Jahren der Blinddarm entfernt, obwohl er gar nicht entzündet war. Zur Begründung hiess es, dass die Entnahme des Caecums öfter dazu führe, dass Beschwerden einfach wie von Geisterhand abgeschaltet würden. Bei jungen Frauen mit Rückenschmerzen sei dies ein häufig erprobtes Verfahren. Mein Einwand, dass ich kein Mädchen mit Rücken-, sondern ein Mann mit Bauchschmerzen sei, beeindruckte die Mediziner nicht, ebenso wenig meine graue Gesichtsfärbung. Der Chirurg teilte mir mit, dass eine Behandlung immer einen Einfluss auf den Körper habe, dieser fühle sich umsorgt und stelle die Schmerzen ein, auch eingebildete Symptome seien so therapierbar. Ich wagte keinen Widerspruch mehr, denn ich bin sehr höflich.
Höflichkeit ist eine wunderbare Angewohnheit, war hier jedoch total fehl am Platz, denn ich bildete mir die Bauchschmerzen keineswegs ein. Sie waren da. Der Blinddarm kam jedenfalls raus, und die Schmerzen blieben – was mir die Ärzte im Krankenhaus aber nicht glaubten. Sie schickten mich nach Hause. Vier Tage später wurde ich in einer Notoperation gerettet. Sie hatten den Darmbruch in meinem Leib glatt übersehen. Seitdem glaube ich erst recht nicht mehr daran, dass Schmerzen auf reiner Imagination beruhen können. Deshalb lausche ich gerne ausführlich in mich hinein und bin oft unsicher in der Beurteilung einfacher Körperfunktionen und auch in der Frage, ob diese momentan Schmerzen verursachen oder nicht.
Manchmal – sehr selten – halte ich mich für völlig schmerzfrei. Das sind wunderbare Momente, die ich jedoch durch verkaspertes Nachdenken rasch zerstöre. So habe ich mir eine Methode beibringen lassen, die Schmerzen durch eingebildete Tätigkeiten verursacht. Die funktioniert bei jedem. Ich habe es in einem Pantomime-Workshop gelernt und lade Sie ein, es sofort auszuprobieren.
Gewichtheben führt zu einer wertvollen Ausgepumptheit und zu Muskelkater und geht auch ohne Gewichte; die bilden Sie sich einfach ein. Setzen Sie sich aufrecht. Atmen Sie einige Male tief ein und aus, und nun stellen Sie sich vor, Sie stemmten über Ihrem Kopf ein schweres Gewicht. Spannen Sie die Muskeln an! Atmen! Bewegen Sie das verdammte Drecksgewicht Zentimeter um Zentimeter nach oben. Falls Sie sich wirklich dabei anstrengen, werden Sie spüren: Das tut verdammt weh. Und wenn Sie diese Übung einige Male wiederholen, bekommen Sie einen Muskelkater, als hätten Sie fünf Hektaren Gartenlaub zusammengerecht.
Das Interessante daran ist: Die Hantel mag bloss Einbildung sein, der Schmerz hingegen ist real. Das erscheint mir zauberhaft, höchst wunderbar und hat abgesehen von der Kostenersparnis noch einen weiteren Vorteil: Eine Hantel, die nicht da ist, kann Ihnen nicht auf den Fuss fallen. Egal, wie doof Sie sich beim Training anstellen.
Jan Weiler ist Autor und lebt in München; er war bis 2005 Chefredaktor des Magazins der «Süddeutschen Zeitung».
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|