NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Die Wilde

© Foto: Suzanne Schwiertz
Lisa Meyerlist, 91: <Ich bin ein massloser Mensch, und das hat mich weitergebracht.> Linktext
Sie hat 82 Länder bereist, Herbert von Karajan getroffen und wäre fast bei Fellini geblieben: Die Fotoreporterin Lisa Meyerlist über die Kunst des intensiven Lebens.

Von Gudrun Sachse

Letzthin verbrachte sie die Nacht mit Richard Gere. «Gopfridli», dachte sie am nächsten Morgen, so ein Blödsinn. Dabei hat die Ärztin ihr Schlaftabletten verschrieben, damit sie wenigstens nachts zur Ruhe kommt, nicht in Gedanken Bilderalben blättert und sich der Begegnungen mit Ginger Rogers und Arthur Rubinstein entsinnt. Und dann so ein Traum, und – hopp – schon wieder hat sie eine Geschichte mehr zu erzählen. Lisa Meyerlist, das Glückskind, geboren an einem Sonntag im September 1914, in ein vornehmes Haus mit «etwa dreissig Zimmern». Heute lebt sie in Luzern in dieser kleinen Wohnung, sie weiss gar nicht, wie lange schon.

«Trinken wir einen Strega, der hat 40 Volumenprozent, der hilft, fröhlich zu werden.»

Die Wände sind vollgehängt. Sie klebt Collagen, zeichnet, malt auf Glas. «Ich habe tausend Ideen und Tonnen von Kram.» Leben satt, bis hinter die Wohnzimmertür. Dort hängt, eine halbe Wand füllend, die Weltkarte. 82 Stecknadeln mit bunten Köpfchen stecken darin, für 82 Länder, die Lisa Meyerlist erlebt hat. Und belebt. Sie liebt grosse Hüte, viel Schmuck und ihre kräftige Stimme, mit der sie markige Worte an Menschen richtet, die sie mag – «mit den anderen spreche ich gar nicht». Mit dem Reisen begann sie nach der Trennung von ihrem «wunderbaren Mann». Sie lüge nicht gern und zog darum einen Schlussstrich. «Man muss halt wissen, was man will.»

Sie wollte Freiheit, Unabhängigkeit und verzichtete bei der Scheidung «auf alles». Ihre erste Reise als freie Frau ging in die Türkei. Sie war nicht ganz allein, sondern hatte einen «kultivierten Menschen mit Häusern überall» an ihrer Seite. Der verglich mit daheim, besuchte nur die schönsten Hotels und Lokale, bis Lisa Meyerlist «ciao bello» sagte und fortan allein reiste: «Nur so lernt man die Welt kennen.»

Manchmal blieb sie Wochen, manchmal Monate im Ausland. Durch ihre Leica sah sie als eine der ersten Schweizer Fotoreporterinnen Wüste, Busch und Tundra. Das Fotografieren hatte sie sich selbst beigebracht, ihre erste Kamera bekam sie mit zwanzig von ihren Eltern. Sie fotografierte Archaisches und Mondänes in Mexiko, Guatemala, Asien, Afrika. Sie überlebte einen Flug durchs Gewitter über dem Kilimanjaro, sie lachte, wenn andere um ihr Leben beteten, sie war, «wo sich nicht mal die Polizei hinwagen würde». Das habe sie zu einem anderen Menschen gemacht, keinem besseren, einem «anderen eben». Lisa Meyerlist blieb nie für immer. Auch wenn sie gern gewollt hätte, so wie in Rom mit Federico Fellini. Das, sagt sie, sei das Einzige, was sie bedaure im Leben – damals nicht geblieben zu sein. Aber sie hatte ja noch zwei Kinder.

«Jetzt will ich endlich zwei Gläslein holen. Früher hatten wir Dienstmädchen. Eins, zwei, drei, hauruck. Das Sofa ist einfach zu niedrig.»

Am Morgen war Lisa Meyerlist bei der Ärztin. Eine Ausnahme. Ein Notfall. Sie hat Schmerzen, bewegt sich langsam wie ein Seestern durch die Wohnung. Ein künstliches Hüftgelenk wäre möglich – doch: «Lohnt sich das? Will ich das?» Ja, tanzen würde sie gern wieder. Sie war ja ein richtiges Tanzfüdli. Jetzt kann sie nur noch im Rollstuhl auf die Strasse, dort ist man freundlich, geht aus dem Weg und lächelt, und zudem erkenne sie aus neuer Perspektive: «Wie hässlich all diese Alten sind, farblos und zerknittert, das könnten meine Grossmütter sein, und Angst vor dem Tod haben sie auch noch. Das habe ich grad gar nicht. Im Gegenteil.»

Lisa Meyerlist sagt, was sie denkt. Jetzt zum Beispiel denkt sie an die drei alten Damen im Bus, die sie zurechtweisen musste. Sie fühlte sich belästigt durch deren Krankengeschichten, die sie sich, ohne auf die anderen einzugehen, vorjammerten. «Sie sind gut ernährt, gut angezogen, gopfridstutz», hat sich Lisa Meyerlist einge mischt: «So krank können Sie doch gar nicht sein.» Das habe ihnen gutgetan. Eine hätte sich bei ihr bedankt: Sie habe ja so recht. Dann, sagt sie, hätten die anderen Mitfahrer geklatscht. Es ist nicht wichtig, ob das einer, zehn oder keiner waren, wichtig ist, es rundet Lisa Meyerlists Geschichte ab.

«So, dann schenken Sie ein. Nehmen Sie sich nur recht, ist sonst schade um das saubere Glas.»

Sie kann nicht mit jedem. Schon gar nicht mit Frauen. «Eifersucht», schätzt sie und meint damit den Neid auf ihre Art, dieses Freie, dieses Unerschrockene, diese vielen Geschichten. Wenn sich Vernissagen und Feste dem Ende neigen, habe sie immer die besten Männer bei sich. Nicht, dass sie das wollte. Wenn einer den Boden küsst, auf dem sie steht und dankt, sie endlich wiederzusehen, «wird’s mir ganz eigenartig». Lisa Meyerlist kann mit Männern. «Sich verlieben, das hört nie auf.»

Sie sagt verlieben, das sei nicht zu verwechseln mit Lieben. Auch die Lust verginge nie. Bei einem guten Liebhaber, sagt Lisa Meyerlist, sollte man das Leben kurz anhalten können. An der Vernissage zum Film über das Leben der Lisa Meyerlist kam einer aus Uri, ein lieber Kerl, und hat sie auf den Mund geküsst, ganz lange und ganz fest. Der, sagt sie, «will und kann nicht». Er schreibe ihr Liebesbriefe, höre grossartig zu, er gehe an ihrem Haus vorbei und schaue hoch, wünsche sich hinaufzukommen in den Adlerhorst – aber er traue sich nicht.

«Wieso all diese Hemmungen?» fragt sie. Das Leben sei doch viel zu kurz dafür. «Die Leute leben nicht richtig, sie schonen sich, arbeiten nur, riskieren nichts, wollen Sicherheit.» Das höchste der Gefühle sei es, Essen zu gehen. «Ich bin ein massloser Mensch, und das hat mich weitergebracht. Man darf nicht vor allem Angst haben und allem aus dem Weg gehen. Man muss ehrlich sein, Liebe im Bauch haben – ja, ohne Liebe funktioniert die ganze Geschichte nicht.»

Wie lebt man intensiv? – «Indem man sich schädigt, nicht zu viel schläft, abends Alkohol trinkt und raucht wie ein Schlot. Ich habe täglich drei Päckchen weiche Marlboro geraucht. Ich rauche auch Marihuana. Ich vertrag es wahnsinnig gut. Hat es geklopft?» – Das kam aus der Nachbarwohnung. – «Ah, dort ist ein Sexmassagesalon. Lassen wir sie. Sie kommt aus Österreich. Eine sehr freudige Person. Wenn sie das nicht wäre, hätte ich den Salon nicht gewollt. Bei mir hat auch schon mal einer aus Versehen geklingelt, das habe ich nicht so gerne. Was da für Typen kommen, können Sie sich ja vorstellen.» Sie lacht. «Liebe und lachen… Man muss von Herzen lachen können, dann gehören einem drei Viertel der Welt, wenn nicht mehr.»

Die Welt. Sie lädt sie noch immer ein, aber Lisa Meyerlist mag nicht mehr. – Woran merkt man, dass das die letzte Reise war? – «Man schreibt mir: Komm. Man ruft mich an. Aber plötzlich spürt man, dass einem dieses Land nicht mehr ganz gehört. Das Land liebt man noch immer. Natürlich wäre es auch heute noch wunderbar, dort zu sein. Aber es mag an der eigenen Ausstrahlung liegen, dass man sich selbst am Reisen hindert. Früher habe ich die Leute angezogen. Ich war keine sehr schöne Frau, aber auch nicht himmeltraurig hässlich. Ich war schlank und voller Lebensfreude, die haben nicht alle.»

Das Äussere. Wie ist es, wenn sich die Müdigkeit tief in die Haut legt? – «Wasser trinken, um die Haut zu schonen? Falten? Die haben mir gar nichts bedeutet, die habe ich nicht mal bemerkt, plötzlich waren sie da.» Es scheint zu einfach, alt zu werden. Dann sagt sie: « 91 – mir wird schlecht, wenn ich das höre.» – Weshalb? – «Dieses lächerliche bisschen Leben, das wir haben, es ist so viel und bedeutet vielen so wenig. Nein, man darf es nicht als zu selbstverständlich nehmen.»

«Trinken Sie. Den Strega machen Mönche in einem Kloster. Die wissen schon, was sie tun.»

Was bedauern Sie? – «Sehen Sie da hinten den Schneeberg im Sonnenschein? Wie wunderschön. Ach, der Scheiss. Wissen Sie, ich gebe mir richtig Mühe, wüst zu reden. Ich übe manchmal vierzigmal Schafseckel zu sagen. Ich will so reden wie die Jugend von heute.» – Erzählen Sie mir, was Sie bedauern. – «Später. Sie trinken ja gar nichts. Ich finde, er wirkt schon. Nachher singe ich Ihnen noch ein türkisches Lied vor.»

Wenn sie nicht spricht, wirkt sie zart, verletzlich. Als wolle sie das verbergen, nimmt sie das schwarze Album, das neben ihr auf dem Sofa liegt, sie blättert, sieht Anna Magnani, «eine Wunderfrau», sieht Maria Becker, «die mochte sich sehr gerne», sieht ihr Hochzeitsbild und küsst den Bräutigam, den Maler Rolf Meyer-List, sieht Edwin Fischer, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, «so ein Goldschatz», und küsst auch ihn und sagt: «Alle tot.»

Lisa Meyerlist war Bildchronistin der Internationalen Musikfestwochen in Luzern. Sie war als Zuhörerin beim Verdi-Requiem unter der Leitung von Arturo Toscanini am 16. August 1938 dabei und seither als Fotografin, die den Auslöser ihrer Kamera ölte, damit nie ein Klicken zu hören war. Zu heilig ist ihr die Musik. Bevor sie sich darüber ärgern kann, dass «heute die Leute husten, mit dem Programm knistern, das Täschchen auf- und zumachen», fällt ihr eine Geschichte ein. Eine lustige Geschichte. Tausendfach erzählt. Und doch muss sie vorher lachen, jedes Mal, es geht um sie.

Sie trug damals ein Kaschmirkleid und war wunderschön anzusehen. Die Zeitschrift «Sie & Er» wollte ein besonderes Bild von Karajan. Das war 1948. Sie ging in den Probensaal und sagte zu ihm: «Ich habe den Auftrag, Sie zu fotografieren. Aber ein bisschen intimer.» – «Aber Sie sind so nervös, meine Liebe, warum denn nur?» – «Erstens wegen Ihnen. Und zweitens weil ich noch nicht richtig fotografieren kann.» – «Das macht doch nichts, meine Liebe. Von Ihnen lasse ich mich gerne fotografieren, und wenn es heute nichts wird, machen wir morgen weiter.» Doch es klappte bereits an diesem ersten Tag. «Ich Dubel, hätte ihn sonst noch mal treffen können.» Lisa Meyerlist lacht dunkel und warm.

«Duzen wir uns. Ich mag Sie. Wie heisst du? Ich bin die Lisa.»

Angst vor dem Alter zu haben, mache keinen Sinn – und es mache auch keinen Sinn, zu hoffen, dass man im Alter schlauer werde. «Ich wusste schon als junges Mädchen, was ich in diesem Leben möchte.»

Was würde sie an diesem Leben denn am meisten missen? Die Musik? Die Leidenschaft? – «Ich bin so neugierig, ich würde nichts vermissen, ich bin doch gespannt, wie es weitergeht.» Aber bereuen würde sie etwas, sagt sie. Dass sie damals in Italien nicht Fellinis Aufforderung nachkam, als er sagte: bleib hier und spiel mit in «La dolce vita». «Ich», fragte sie, «was soll ich denn sein?» Und Fellini antwortete: «Fai te. Tu sei qualcuno.»


Lisa Meyerlist wurde als Liselotte List 1914 in Lauterbach (D) geboren. Sie besuchte Kunstschulen und erlernte autodidaktisch das Fotografieren. Als junge Frau kam sie in die Schweiz, heiratete und bekam zwei Kinder. Viele Jahre lebte sie mit ihrer Familie in Florenz. Nach ihrer Scheidung begann sie eine Laufbahn als Fotoreporterin. Sie reiste um die Welt und war zudem Bildchronistin der Internationalen Musikfestwochen in Luzern. Lisa Meyerlist ist Grossmutter und Urgrossmutter und lebt in Luzern das Leben einer Bohémienne.

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.




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