An einem Herbsttag im Jahr 2003 buddelten Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in der Kleinstadt Minden. Dort, wo einst die städtische Krankenanstalt gestanden hatte, stiessen sie auf einen gut zehn Zentimeter langen Stab aus Tierknochen. Eine Seite war breiter und von feinen Löchern durchbohrt, das andere Ende war rund geschnitzt wie ein Löffel.
Sie ahnten, dass dieser Stab etwas Aussergewöhnliches war. Nähere Untersuchungen brachten Gewissheit: Sie hatten eine Zahnbürste gefunden, möglicherweise die älteste Europas. In den Löchern hatten einmal Borsten gesteckt, und das Löffelchen am anderen Ende diente vermutlich zur Reinigung der Ohren. Mindestens 250 Jahre alt war der verwitterte Hygieneartikel. Kurz zuvor war im 230 Kilometer entfernten Quedlinburg eine ähnliche Bürste aus dem Jahr 1750 gefunden worden. Die Mindener Archäologin Alexandra Pesch schloss deshalb auf eine Grossproduktion mit weitem Absatzgebiet zu einer Zeit, als jener tückische Schleimpilz entdeckt wurde, der Karies verursachte. In Frankreich glaubte man zur selben Zeit noch an einen bösen Wurm, der in der Mundhöhle sass und die Zähne zerfrass. Zur Bekämpfung wurde das Gurgeln mit Eigenurin empfohlen.
Lange Zeit sahen Zahnbürsten der Mindener Bürste ähnlich. Zwar verschwand der Ohrreinigungslöffel, und über die Jahrhunderte bekam sie einen Griff und einen Bürstenkopf. Für weitere Veränderungen gab es keinen Anlass. Bis Ende der 1980er Jahre ein bis dahin unbedeutender amerikanischer Zahnbürstenhersteller namens Dr. Best auftrat und die wohl raffinierteste Ausdifferenzierung in der modernen Warenwelt begann. Es folgte, was Marketingstrategen wahlweise «Quantensprung» oder «Weltneuheit» nennen. Aus der Zahnbürste wurde ein mit immer neuen Versprechen überladenes Gerät, an dem mittlerweile an jedem Millimeter ein solcher Quantensprung haftet.
1988 hatte Dr. Best (heute GlaxoSmithKline) fünf Prozent Marktanteil und wollte mehr. Die Marktforscher im Haus fanden heraus, dass die Zahnbürste zur sogenannten Low-interest-Kategorie zählte: Man nahm sie im Supermarkt achtlos mit. Die Bürsten sahen bis auf die Farben ja auch alle gleich aus. Genau das müsste man verändern, fanden die Marktforscher, dann hätten Zahnbürsten ein grosses Zukunftspotential.
Das klang nach einer Menge Geld. Die Zahnbürste wurde bei Dr. Best zur «power brand» erhoben und behandelt wie ein lange vernachlässigtes Kind, das viel Zuneigung braucht. Dr.-Best-Zahnbürsten sollten sich von allen anderen unterscheiden und einen zweistelligen Marktanteil erreichen. Was schneller erreicht wurde, als alle dachten. 1988 kam das Unternehmen mit der «Flex Plus» auf den Markt, der ersten Bürste mit einer zickzackartigen Federung in der Stielmitte. Endlich eine «erlebbare Produktdifferenzierung» gegenüber all den starren Modellen – eine Federung, damit das Zahnfleisch nicht verletzt wird, dazu der Werbeslogan «Die klügere Zahnbürste gibt nach». Im Fernsehspot drückte ein Zahnarzt aus Chicago, der auch im realen Leben Dr. Best hiess, die «Flex Plus» an eine Tomate. Sie musste als Zahnfleischersatz herhalten und blieb heil, weil der zickzackige Stiel die Kraft des Putzens abfederte. Wer nicht flexplus putzt, der macht einen Fehler, wurde suggeriert. Es funktionierte, der Marktanteil stieg auf 15 Prozent.
Die Konkurrenz reagierte, es begann ein weltweiter Kampf um die Bürstenbenutzer. Jede Innovation wurde so rasch wie möglich von der Konkurrenz aufgenommen. Ein bizarrer Wettkampf um wenige Gramm Plastic, der am besten mit einer Episode aus den 1990er Jahren beschrieben wird. Dr. Best war auf 40 Prozent Marktanteil enteilt, der weit abgeschlagene Konkurrent Oral-B (Gillette) wollte etwas gegen diese Übermacht tun. 1995 bekam ein Entwicklungsteam den Auftrag, ein «breakthrough product» zu erfinden. Drei Jahre und 60 Millionen Dollar später kam die «Oral-B Cross Action» auf den US-Markt und wurde als «Meilenstein im Kampf gegen Plaque» angepriesen. Sie hatte einen ungewöhnlich dicken Griff, ein dickes Borstenbüschel an der Spitze und kreuzweise angeordnete Borsten. Die blichen nach einer bestimmten Zeit aus als Signal für die Kunden, die Bürste zu ersetzen.
22 Patente hat Oral-B für die «Cross Action» angemeldet, davon 6 allein für die Verpackung. 5 Dollar kostete die Bürste und kam so gut an, dass die Kapazität der Herstellerfabrik in Kanada schnell erschöpft war. Das war eine Katastrophe, die Markteinführung in Europa musste verschoben werden. Zeit genug für Dr. Best, die Merkmale der «Cross Action» zu kopieren und in Europa ein ähnliches Produkt in den Supermärkten zu placieren. Im Frühjahr 1999 kam die «Dr. Best X-Aktiv» mit kreuzweise angeordneten Borsten heraus und nahm der «Cross Action» von Oral-B einiges an Marktanteil weg, bevor die Europa auch nur erreichte.
Wer sich im Supermarkt nur schon die Handzahnbürsten vornimmt, geht in der Fülle von Marken und Verheissungen verloren und erahnt allein beim Angebot der Konkurrenten Dr. Best und Oral-B, was da an Erfindungswahnsinn abgelaufen ist. Da passt sich ein «X-Sensorkopf» dank der «flexiblen Bürstenkopfspitze jedem Zahn individuell an», dort werden mit der «gelenkartigen Verbindung zwischen Bürstenstiel und Bürstenkopf» auch schwer erreichbare Stellen erreicht. Neueste Errungenschaft von Dr. Best ist die «Duo Protekt»: auf der einen Seite des Bürstenkopfes das «hochwertige Borstenfeld mit sorgfältig abgerundeten, schräg angewinkelten X-Borsten» und auf der anderen «ein weiches Spezial-Lamellenfeld», das «sanft und schonend die Zungenoberfläche reinigt».
Nebenan verspricht die «Advantage Artica» von Oral-B durch «das speziell vertiefte Borstendesign in Verbindung mit einer Whitening-Zahncrème einen Zahnaufhellungseffekt». Weiter geht es mit spiralförmig angeordneten Borsten, die die Zahnpasta länger auf den Borsten halten, mit jenen kreuzweise angeordneten «Criss-Cross-Borsten», die 1998 die Sensation waren, mit «speziell geformten, extralangen Power-Tip-Borsten mit sechs separaten Borstenbüscheln an der Spitze des Bürstenkopfes» mit «speziellen Massagefingern aus Gummi» am Rand, die «für mehr Durchblutung und die wichtige Zahnfleischstimulation sorgen», und natürlich ergonomischen Griffen. Um den Markt zusätzlich anzuheizen, erfand Dr. Best einen Erinnerungsdienst: Alle drei Monate wird per E-Mail daran erinnert, dass eine neue Zahnbürste fällig sei.
Derweil die alte Handzahnbürste Jungbrunnen um Jungbrunnen durchschwamm, blieb die elektrische Zahnbürste ein Frosch. Klobig und ungestalt wartete sie auf den Prinzen, der sie erlöste. Der Prinz kam, er heisst Trisa und bezeichnet sich als einer der führenden Hersteller bei den surrenden Bürsten. Rund 10 Prozent beträgt Trisas Anteil am elektrischen Zahnbürstenmarkt in der Schweiz, und am gesamten Zahnbürstenmarkt nimmt die elektrische Bürste fast 40 Prozent ein. Trisas neuestes Produkt ist die «Sonicpower», eine Schallzahnbürste, deren Bürstenkopf in feinste Schwingungen versetzt wird. So fein, dass das Auge sie kaum wahrnimmt, und mit Borsten, die an ihrem Ende nicht mehr abgerundet sind wie bisher üblich: Es sind konische Borsten, die zur Spitze hin immer feiner werden. Trisa ist einer der ersten Hersteller, die konische Borsten hochindustriell verarbeiten. Die «Sonicpower» ist so klein, dass sie gar nicht aussieht wie eine elektrische Zahnbürste. «Ist sie auch nicht», sagt Felix Fischbacher, Export-Marketingleiter bei Trisa, «sie ist zwischen elektrischer und Handzahnbürste einzuordnen.» Im November 2004 wurde sie lanciert, sie «schlug ein wie eine Bombe».
Bei Trisa im luzernischen Triengen gibt man sich damit nicht zufrieden. In sogenannten Innovationszirkeln wird weiter überlegt. Die besten Einfälle der 570 Mitarbeiter werden geprüft, die allerbesten werden weiterverfolgt und entwickelt. Es gibt eine Innovationsdatenbank mit Ideen und Prototypen und einen Labormund, an dem getestet werden kann. Man träumt davon, durch Weiterentwicklung die Putztechnik der Kunden zu überlisten. Denn: «Mindestens 80 Prozent der Anwender putzen falsch», sagt Fischbacher. Also muss die Zahnbürste noch klüger werden, um das menschliche Unvermögen auszugleichen. «Das Ende ist noch lange nicht erreicht.» Der Zahnbürstenmarkt wird noch unübersichtlicher werden. Dabei durchschaut man ihn schon jetzt nicht mehr. Ursula Platzer bringt Ordnung in das Chaos. Sie ist Professorin am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf und leitet die Klinik für Zahnerhaltung und präventive Zahnheilkunde. Sie sitzt in ihrem Büro und hat eine Schale vor sich stehen. Da ist alles drin, was ihr für die Zahnpflege als sinnvoll erscheint. Nämlich sehr wenig. Keine gekreuzten Borsten, keine Massagefinger aus Gummi, keine Flex-Zonen, keine Kugelgelenke. Stattdessen Bürsten von archetypischer Einfachheit. Daneben Interdentalbürsten mit winzigen Bürsten, mit denen man sich gezielt die Zahnzwischenräume vornehmen kann.
Frau Platzer hält nichts von all den Bürsten, die da um die Gunst der Käufer buhlen. Sie nennt sie «Schrubber» oder sogar «Waffen», weil die meisten viel zu hart sind für Zähne und Zahnfleisch. Keine dieser Bürsten komme in die Zahnzwischenräume, auch die neuesten Schallzahnbürsten nicht. «Und wenn es immer wieder behauptet wird: Es stimmt einfach nicht.» Frau Platzer kauft seit zwölf Jahren ihre Zahnbürsten in der Apotheke. Da sind sie zwar teurer, aber nur dort bekommt sie die ganz weichen, die nicht schaden: Stiel und Borsten, mehr nicht. Damit putzt sie sich morgens die Zähne, aber eigentlich nur, um einen guten Geschmack im Mund zu bekommen.
Im Büro kümmert sie sich dann um die Zahnzwischenräume, wo am leichtesten Karies entsteht. Immer mal wieder schiebt sie die Interdentalbürsten zwischen die Zähne. Kommt eine Kollegin herein, macht sie weiter. «Die kennt das, wir machen das hier alle ständig.» Kommt ein Besucher, legt sie die Bürsten in ein Kästchen auf dem Schreibtisch. Dann hat sie noch die «Ein-Büschel-Bürste» für zwischendurch. Ohne Zahnpasta, einfach nur, um Beläge abzuputzen und das Zahnfleisch zu massieren. Frau Platzer nimmt eine dieser Bürsten und zeigt an einem Gebissmodell, wie sie gezielt jeden Zahn erreicht, weil der Borstenkopf so klein ist. «Mit den üblichen Bürsten grenzt es an Zufall, wenn man einen Zahn richtig putzt», sagt sie. Die meisten Köpfe seien viel zu lang.
Frau Platzer bringt diese Reinigungsmethode ihren Patienten bei. In mehreren Sitzungen lernen sie, die passende Interdentalbürste zu benutzen. Sie lernen, dass man gar nicht unbedingt dreimal täglich drei Minuten putzen muss. Die Hauptsache ist, dass zwischendurch bei Bedarf mal die Zwischenräume gereinigt werden. Die Umstellung ist mühsam, hat aber, wie sie sagt, «riesigen Charme: Man behält seine Zähne und sein Zahnfleisch.»
Die Zahnbürste wird dennoch unverdrossen weiterentwickelt werden. Allerdings: Der Zahnzwischenraum ist versorgt, das Zahnfleisch massiert, die Zunge gereinigt, der Säumige per E-Mail erinnert, dass er die Bürste ersetzen muss. Und nun? Wie wär’s mit einem Ohrreinigungslöffelchen am zweiten Ende des Stiels?
Felix Zimmerman ist freier Journalist und lebt in Ramallah.