Mit dem wundersamsten Gerät des Alltags holen wir uns jemandes Stimme ins Ohr. Wir hören, wie die Angerufene ihre Sätze singt, wo sie ihre Pausen setzt, wie sie lacht und wie sie atmet. Telefonische Begegnungen sind unvergleichbar - ein Verkehr von Wesen zu Wesen, ganz frei von aufdringlichen Äusserlichkeiten.
Alles, was es dazu braucht, sind zwei Apparate und ein Netz, das sie verbindet. Daran haben auch die drahtlosen Handys kaum etwas geändert, denn sobald ein Signal bei einer der Antennen des Funknetzes eintrifft, wird es von dort ins Festnetz eingespeist. In vielen Städten war dieses Netz schon vor hundert Jahren recht dicht. Aber die internationalen Verbindungen blieben lange dünn. Erst 1956 wurde ein transatlantisches Telefonkabel verlegt, das gleichzeitig 89 Gespräche zwischen Europa und Nordamerika ermöglichte.
Heute ist jedes Telefon Teil einer Maschine, die von Finnland bis Feuerland und von Alaska bis Australien reicht. Sie verbindet Häuser, Städte, Länder und Kontinente hundert- und tausendfach, und sie wächst unaufhörlich weiter, momentan aus zwei Gründen besonders schnell. Der eine ist, dass mobil und immer mehr telefoniert wird; der andere, dass das Telefonnetz zunehmend einem Zweck dient, den seine Väter nicht einmal erahnen konnten: der elektronischen Datenübertragung.
Wie diese Entwicklungen unsere Lebenswelt verändern werden, ist in Umrissen allmählich erkennbar. Das Handy wird unser fester Begleiter werden, aber wir werden es immer weniger für Gespräche gebrauchen. Daten statt Worte heisst die Losung der Kommunikation von morgen. Mit dem Telefon, falls es dann überhaupt noch so heisst, werden wir in Zukunft E-Mails verschicken, Bankgeschäfte abwickeln oder im Büro Kaffee aus dem Automaten beziehen. Und immer häufiger wird man uns Computer als Gesprächspartner zumuten. Bei Menschen aber wird man sich, vor allem in der Geschäftswelt, mit dem herkömmlichen Telefonanruf unbeliebt machen, denn die Bereitschaft, sich auf ein Läuten oder Piepsen zu melden, ist am Sinken.
Dennoch werden wir weiter Telefongespräche führen. Nicht zuletzt wegen der Faszination, einem Menschen über die Stimme zu begegnen, und nur über sie.