«INSERITE SCIDULAM QUAESO», «Bitte die Karte einschieben», fordern vatikanische Geldautomaten. Verantwortlich dafür ist Pater Reginald Foster, der Meisterlatinist des Papstes, der den Text verfasst hat und dann retten musste. Als der Amerikaner sah, dass barbarische Banker die edle Phrase über Nacht durch plattes Englisch ersetzt hatten, zettelte er einen Aufstand an. Ein Geschrei sei da losgebrochen in aller Welt, erzählt der Anstifter der Revolte in lupenreinem Deutsch. «Dann haben sie das Lateinische zurückgeholt.» Jeden Tag muss Foster am Ort dieses kleinen Triumphs vorbei, will er in sein Büro über den Räumen der päpstlichen Feuerwehr.
«Das ist mein Amt», sagt er im drei mal vier Meter kleinen Zimmerchen, das einst seinem Vorgänger als Küche gedient hatte. Von Möblierung zu sprechen wäre übertrieben. Ein schlichter Holztisch mit Sessel beherrscht den Raum, der altmodische Telefonapparat steht in der Ecke auf dem Boden, kein Bild lenkt ab und kein Kalender. «Hier wird das alles erzeugt», erläutert der 59jährige, der seit dreissig Jahren das Latein der Päpste prägt, die Bullen, Enzykliken, Dekrete und Inschriften auf Marmortafeln. Viel ist heute nicht los: das Ernennungsdekret des neuen Bischofs von Arlington liegt auf dem Tisch, das aus dem Italienischen ins Lateinische übertragen werden muss, so wie fast alle vatikanischen Dokumente in Zeiten schwindender Sprachkenntnisse des Klerus. Die sechs Kollegen, die sich mit Foster die Arbeit teilen, werden heute darum würfeln müssen.
Antonio Bacci hiess Fosters Vorgänger, der vierzig Jahre lang für die Päpste übersetzt hatte. «Als ich sechzehn Jahre alt war, habe ich ihm lateinisch geschrieben», erzählt der Karmeliterpater. «Ich habe noch die Postkarten, die er mir geschickt hat.» Baccis gebildeter Briefpartner sass damals im Seminar seiner Heimatstadt Milwaukee, Wisconsin, und wusste schon genau, was er wollte im Leben: Priester sein. Das stand seit seinem siebten Lebensjahr fest. Mit vierzehn kam noch die Begeisterung fürs Latein hinzu, mit sechzehn die Entscheidung für den Orden. «Ich hatte einen Stapel von Informationsbroschüren über verschiedene Gemeinschaften gesammelt. Ein Mäppchen ragte hervor, das habe ich herausgezogen, gelesen, und mir war klar: das will ich machen. Seit damals bin ich nichts anderes - Priester, Karmeliter, Latinist.»
«Nihil mali faciunt», murmelt Reginald Foster beiläufig, um die misstrauischen Kollegen von der Harmlosigkeit seiner Gäste zu überzeugen. Die anderen Mönche tragen im Büro Habit, Foster nicht. Seit er auf dem Mofa vor Jahren in einen Regenguss geraten ist, verweigert er die Ordenskleidung. Seine Uniform ist eine blaue Kordsamthose zur blauen Windjacke mit Reissverschluss - «einfach zu waschen». Hin und wieder hält ihn jemand für den vatikanischen Tankwart, und ein Botschafter hat ihn einmal mit dem Elektriker verwechselt. Den Verächter von Formalitäten amüsierte das, sein Ordensoberer fand es nicht so witzig.
Foster hat noch eine Eigenschaft, die ihm das Leben erschwert - er sagt, was er denkt. Zum Beispiel, dass man sich weniger «de sexu» und dafür mehr über Bildung den Kopf zerbrechen sollte. «Educate my people, verstehst du?» Dass Theologen ohne Lateinkenntnisse für ihn halbe Portionen sind, hat nichts mit Ästhetizismus oder gar Nostalgie zu tun. Wenn ihn einer fragt, ob er als Lateiner etwas gegen Messen in der Landessprache habe, gerät er in Rage: «Ich bin total dafür, sonst ist es nur so - bububu!» Mit rudernden Armen deutet er den Wirrwarr in den Köpfen der Gläubigen an, die kein Wort verstehen. «Der Fehler war nur, das Latein damit auch aus dem Studiensystem zu werfen. Sie verstehen die Quellen nicht mehr.»
Sie, das sind die jungen Theologen, die Fosters feurigen Sprachunterricht mit Snoopy, Plautus und Erasmus weniger eifrig frequentieren als weltliche Fans. Doch dass er jenen kürzlich mit einer Weihnachtspredigt des heiligen Augustinus Tränen entlockt hatte, war für den leidenschaftlichen Pädagogen ein doppelter Triumph. Denn die Anklage in der Frage der jungen Leute war nicht zu überhören gewesen: «Wieso hat uns das vorher nie jemand gesagt?»