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Das Experiment -- Zauberer hilft Forschern
© Petter Johansson, London.
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| Szene aus dem Experiment: Welche Frau gefällt Ihnen besser? |
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Kürzlich haben Psychologen entdeckt, dass viele Leute nicht merken, wenn sie nicht bekommen, was sie ausgewählt haben. Ein Zauberer half ihnen, die Versuchspersonen hinters Licht zu führen.
Von Reto U. Schneider
Es gibt Experimente, deren Resultate so aussergewöhnlich ausfallen, dass selbst die beteiligten Forscher immer wieder darüber staunen. Dazu gehören die Versuche der Psychologen Lars Hall und Petter Johansson. Ihr bisher berühmtestes Experiment machten sie im Jahr 2004: Johansson bat 120 Versuchspersonen, aus den Bildern zweier Frauen die attraktivere auszuwählen (siehe Bild). Hatten sie sich für eine Frau entschieden, legte Johansson dieses Bild verdeckt auf den Tisch und schob es der Versuchsperson zu. Sie sollte es sich jetzt noch einmal anschauen und erklären, weshalb ihr diese Frau besser gefiel.
Ein Mann sagte zum Beispiel: «Sie sieht einer Tante von mir ähnlich, sie scheint mir hübscher zu sein als die zweite Frau.» Ein anderer erklärte seine Wahl mit dem Schmuck, den die Frau trug: «Ich mag Ohrringe.» Das ist alles nicht sonderlich spektakulär – bis man erfährt, dass Johansson die Bilder beim Ablegen mit einem kleinen Zaubertrick vertauscht hatte, die Versuchspersonen also jene Frau vor sich hatten, die sie eben gerade nicht gewählt hatten. Davon merkten drei Viertel überhaupt nichts, vielmehr begründeten sie in blumigen Worten eine Wahl, die sie nie getroffen hatten. Dabei zeigten sie sich erstaunlich flexibel. Die ursprünglich ausgewählte Frau trug zum Beispiel gar keine Ohrringe.
Dass Menschen selbst erhebliche Veränderungen direkt vor ihren Augen nicht wahrnehmen, weiss man schon länger. Man spricht dabei von Change-Blindness oder Veränderungsblindheit (siehe NZZ Folio 4/10). Diese Veränderungsblindheit erstaune Wissenschafter nicht mehr, schreiben Hall und Johansson, doch dass Menschen nicht merkten, wenn sie nicht bekämen, was sie kurz zuvor gewählt hätten, das sei selbst für den «abgebrühtesten Change-Blindness-Forscher» ein starkes Stück. Die Wissenschafter tauften das neue Phänomen Choice-Blindness, Wahlblindheit.
Die Idee für das Experiment entstand in langen Diskussionen über die Theorie des amerikanischen Philosophen Daniel Dennett, die den Namen «intentional stance» (Absichtshaltung) trägt. Dennett glaubt, dass wir uns einen Reim auf die Welt machen, indem wir beobachten, was unsere Mitmenschen tun, und dann daraus ableiten, was ihre Absichten, Ziele und Wünsche sind. Und nicht nur das: Der Philosoph ist auch überzeugt, wir wendeten dieselbe Methode auf uns selber an. Jeder Mensch beobachte seine eigenen Handlungen von aussen und nenne danach Gründe dafür, von denen er glaube, sie hätten am Anfang gestanden, obwohl er sie zuweilen erst im nachhinein erfunden habe. Genau das wollten Hall und Johansson in einem Experiment zeigen.
Ein alter Zaubertrick
Schnell wurde klar, dass sich dieser Effekt am schlagendsten bei Entscheidungen demonstrieren liesse. Dazu musste man eine Versuchsperson glauben machen, sie habe eine bestimmte Wahl getroffen, obwohl das gar nicht stimmte.
Zuerst entwarfen die Forscher ein Experiment am Computerbildschirm. Die Versuchspersonen entschieden sich für ein Farbmuster unter mehreren, später wurde ihnen ein anderes als ihre Wahl präsentiert. Zwar merkten viele Leute nichts davon, doch schien das Experiment Johansson nicht elegant genug. Überzeugender wäre ein Versuch in der wirklichen Welt, mit Dingen zum Anfassen, dachte er. Doch wie verwandelt man einen ausgewählten Gegenstand vor den Augen der Versuchsperson in einen anderen? Ein Zauberer musste her!
Die Forscher fragten den schwedischen Magier Peter Rosengren um Rat. Der zeigte ihnen einen alten Kartentauschtrick, der auf dem Prinzip «Schwarz auf Schwarz» beruhte und den Johansson schliesslich beim Experiment anwandte.
Wenn er den Versuchspersonen die beiden Karten der Frauen zeigt, hält er hinter jeder Karte nicht erkennbar eine zweite mit dem jeweils anderen Gesicht. Legt er die ausgewählte Karte verdeckt ab, liegen also tatsächlich zwei Karten auf dem Tisch, wovon er die obere mit dem Bild der nicht gewählten Frau der Versuchsperson zuschiebt. Dass die zweite Karte mit dem ausgewählten Gesicht auf dem Tisch liegen bleibt, merkt niemand, weil Kartenrückseite und Tisch schwarz sind. «Ich bin ziemlich stolz, dass von 120 Versuchspersonen nur gerade 2 den Trick bemerkten», sagt Johansson.
Bevor er nach dem Experiment das Geheimnis des Kartentauschs lüftete, fragte Johansson die Leute: Glauben Sie, dass Sie es bemerkt hätten, wenn ich die Gesichter vertauscht hätte? Doch der Wink mit dem Zaunpfahl verfehlte seine Wirkung. 84 Prozent waren sicher, dass ihnen eine solche Veränderung keinesfalls entgangen wäre. Die fehlende Einsicht in die eigene Wahlblindheit nennt Johansson Wahlblindheit-Blindheit.
Ein Grund für dieses erstaunliche Phänomen besteht natürlich darin, dass wir normalerweise nicht in einer magischen Welt leben, in der sich Dinge plötzlich verwandeln. «Wir vertrauen darauf, dass die Welt konstant ist. Wenn wir nach einer Flasche Bier greifen, halten wir nicht plötzlich ein Glas Milch in der Hand», sagt Johansson. Er vermutet aber auch, dass die Vorlieben der Menschen, die hinter ihren Entscheidungen stecken, viel weniger stabil sind als angenommen.
Das bedeutet auch, dass sich diese Vorlieben von geschickten Verkäufern manipulieren lassen. «Wenn man die Leute glauben machen kann, dass sie etwas selbst gewählt haben, werden sie es ganz von selbst mögen», sagt Johansson. Und das nicht nur in diesem Augenblick, sondern auch in Zukunft. Dass diese neuen Vorlieben Bestand haben, hat einen einfachen Grund: Wenn die Leute dem Versuchsleiter erklären, weshalb sie das Bild der Frau besonders mögen – obwohl es gar nicht das gewählte war –, erklären sie es auch sich selber.
Der Konfitürentest
Nach dem Erfolg der Gesichterstudie, an der auch Andreas Olsson und Sverker Sikström beteiligt waren, manipulierte Johansson als nächstes das Geschmacksempfinden. Er zog eine gestreifte Schürze an und stellte sich hinter einen Degustationsstand für Konfitüren mit der Aufschrift «Welches ist der beste Geschmack?», den er mit seinen Kollegen in einem Supermarkt in Lund, Schweden, aufgebaut hatte.
Johansson gab sich als «unabhängiger Berater» aus, der den Auftrag hatte, die Qualität der Konfitüren zu testen. Er bat nichtsahnende Passanten um ihr Geschmacksurteil über eine Apfel-Zimt- und eine Grapefruitkonfitüre. Von der als besser beurteilten liess er sie ein zweites Mal kosten mit der Bitte zu beschreiben, weshalb diese Konfitüre besser schmecke. Was die Passanten nicht wussten: Jede der beiden Konfitürendosen war ein Trickbehälter, der auf beiden Seiten einen Schraubverschluss hatte: Auf der einen Seite verbarg sich die Apfel-Zimt-Konfitüre darunter, auf der anderen die Grapefruitkonfitüre.
Hatten sich die Passanten für Apfel-Zimt entschieden, gab er ihnen eine zweite Kostprobe aus derselben Dose, die er aber zuvor unauffällig auf den Kopf gestellt hatte, so dass sie jetzt Grapefruit kosteten. Zwei Drittel der Leute bemerkten die Manipulation nicht und erklärten präzis, warum ihnen, was sie gerade im Mund hatten, besser schmeckte als Grapefruitkonfitüre, obwohl es Grapefruitkonfitüre war.
Natürlich dürfen sich die zur Wahl stehenden Optionen nicht zu stark unterscheiden. Es wird nicht gelingen, jemandem einen Mann als seine Wahl unterzujubeln, wenn er eine Frau gewählt hat. Doch die Versuchspersonen gaben an, dass die präsentierten Gesichter und Konfitüren eigentlich problemlos zu unterscheiden gewesen waren.
Hall und Johansson haben Schönheitsurteile und Geschmackspräferenzen verdreht. Im Moment arbeiten sie mit ihrem Studenten Thomas Strandberg an einem Versuch, der noch ungeheuerlicher scheint: Sie wollen moralische Urteile manipulieren. Würde eine Versuchsperson ihre Meinung zu einem wichtigen Thema ändern, wenn man ihr eine fremde Meinung als die eigene verkaufen könnte?
Bloss, wie macht man das? Wieder half ein alter Zaubertrick, diesmal beim Design eines «magischen» Fragebogens, auf dem sich die Fragen verändern, nachdem ihn die Leute ausgefüllt haben. Die Fragen stehen nämlich gar nicht auf dem weissen Blatt, sondern auf ebenfalls weissen Zetteln, die darauf mit Post-it-Klebstoff festgeklebt wurden. Wird die erste Seite des Bogens nun umgeblättert, kommt sie in Kontakt mit der Rückseite der Schreibunterlage, die mit Klebstoff bestrichen ist. Dort bleiben die Zettel mit den ursprünglichen Fragen haften, und darunter kommen die gegenteiligen Fragen zu Vorschein.
Im Experiment nehmen Passanten zum Beispiel zuerst Stellung zur Aussage: «Die grossangelegte Überwachung von E-Mail- und Internetverkehr zur Bekämpfung internationaler Kriminalität und Terrorismus sollte erlaubt sein.» Ihre Zustimmung oder Ablehnung können sie auf einer Skala von 1 bis 9 angeben. Die Seite wird nun um- und später wieder zurückgeblättert, mit der Bitte an die Passanten, ihre Urteile zu begründen. Bloss stand da jetzt: «Die grossangelegte Überwachung von E-Mail- und Internetverkehr zur Bekämpfung internationaler Kriminalität und Terrorismus sollte nicht [Hervorhebung der Redaktion] erlaubt sein.» Obwohl noch nicht abgeschlossen, scheint auch dieser Versuch alle bisherigen zu bestätigen: Viele Leute begründeten einen Standpunkt, der gar nicht der ihre war.
Denn sie wissen nicht, was sie sagen
Der Volksmund wusste das schon lange. Eine alte Büroweisheit sagt: Wer will, dass seine Idee ankommt, muss den Chef glauben machen, es sei seine gewesen.
Eine der überraschendsten Fragen dieses neuen Forschungsgebiets ergab sich aus den nicht manipulierten Versuchsdurchgängen. Johansson tauschte die Bilder der Gesichter im ersten Versuch nicht jedes Mal aus, so dass die Teilnehmer auch häufig eine Wahl begründeten, die sie tatsächlich getroffen hatten. Beim Vergleich dieser nicht erfundenen Begründungen mit den zusammenfabulierten zeigten sich nur wenige Unterschiede. Sie waren gleich lang, gehorchten der gleichen Struktur, verwendeten ähnliche Argumente. Das verleitete Johansson zur ketzerischen Vermutung, die Argumente, mit denen wir unsere täglichen Entscheidungen sorgsam untermauern, seien zuweilen nichts als dichterischer Bombast.
An einem Experiment, dessen Idee ganz am Anfang ihrer Forschung stand, arbeiten Hall, Johansson und einer ihrer Studenten, Andreas Lind, immer noch. Es ist technisch enorm anspruchsvoll, doch wenn es gelingt, wird es zweifellos ihr Königsexperiment werden: Sie wollen Leute glauben machen, etwas anderes gesagt zu haben, als was sie wirklich sagten. Mit aufwendiger Computertechnik und einem schalldichten Helikopterkopfhörer möchte er in Echtzeit einzelne gesprochene Worte austauschen, so dass die Leute, wenn sie zum Beispiel «links» sagen, glauben, sie hätten «rechts» gesagt.
In Ansätzen soll das bereits klappen – und von den Versuchspersonen tatsächlich nicht bemerkt werden. Das könnte dann bedeuten: Wir wissen erst, was wir sagen, wenn wir uns selbst zuhören. Darüber können die Forscher dann wieder eine Weile staunen.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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