GATT, MK, TCP/IP: Akronyme sind die Maggi-Würfel der Schriftkultur. Sie wirken unscheinbar, haben es aber in sich. Weicht man diese Anfangsbuchstaben-Konzentrate mit ein wenig Phantasie auf, offenbart sich erst ihr erstaunlicher Gehalt: Das General Agreement on Tariffs and Trade regelt immerhin die real existierende Welt-Wirtschaft, die Menschenrechtskonvention steht für Welt-Moral, die Internet-Protokoll-Suite sorgt für Welt-Kommunikation.
Grundsätzlich gilt: Je unscheinbarer das Kürzel, um so wichtiger das, was sich dahinter verbirgt. Hat man diesen Tarnmechanismus einmal durchschaut, kann man selbst im Internet zu den letzten Fragen vordringen: Warum ist Seiendes und nicht vielmehr nichts? Wer hält das Ding am Laufen, sorgt sich um sein Wohl, bestimmt seine Fortschritte? Eine mögliche Antwort lautet: NIC, RIPE, ISOC, EFF, IETF, RFC.
Es hat nämlich, entgegen landläufigen Vorurteilen, auch im Internet alles seine Ordnung. Das NIC (Network Information Center) ist das Meldeamt für Host-Computer, das RIPE (auf deutsch: Réseaux IP Européens) sein europäisches Pendant. Hier werden die begehrten Adressen mit den vielen Nummern registriert, die auf Grund der starken Nachfrage langsam ausgehen.
Gedanken wie diese betrüben die Leute der ISOC (Internet Society), die für das Wohlergehen des Internet zuständig sind. Man kann sich die Organisation je nach Geschmack als eine Art Netz-Uno oder Cyberspace-Vatikan vorstellen. Zu ihrer Linken thront die EFF (Electronic Frontier Foundation), ein gewaltfreies Verteidigungsministerium, das über die Privacy wacht. Zu ihrer Rechten sitzt die IETF (Internet Engineering Task Force), eine basisdemokratische Ingenieursversammlung. Sie heckt nicht nur technischen Fortschritt aus, der sich in RFCs (Requests For Comments), Drafts und Standards niederschlägt, sondern sorgt auch dafür, dass Software-Riesen und Hardware-Giganten das Internet nicht an sich reissen.
Eines ihrer Abschreckungsmittel ist die Kleiderordnung: Da die Teilnehmer bei Meetings Namenplaketten befestigen müssen, sollten sie auch Hemden oder Blusen tragen. Hosen oder Röcke sind ebenfalls zu empfehlen. Viele Neulinge erschrecken allerdings, wenn sie Montag morgens in Anzügen oder Kostümen erscheinen und sehen, dass alle anderen T-Shirts, Jeans und Sandalen tragen.
Es gibt auch solche in der IETF, die sich weigern, etwas anderes als Anzüge oder Kostüme anzuziehen, aber sie sind aus verschiedenen Gründen wohlbekannt, und deshalb wird ihnen verziehen.
Der Vollständigkeit wegen müsste man, wenn man über Ordnung im Internet spricht, auch IAB, IANA, IRTF und W3C erwähnen, aber noch mehr Akronyme verträgt die Kolumne nicht. Sie sieht ja jetzt schon aus, als litte sie unter Pusteln.