NZZ Folio 11/91 - Thema: Kinder am Rand   Inhaltsverzeichnis

Das fiktive Buch -- Endlose Liebe

Von Norbert Eberlein

Sie sind schnell gelesen und fast ebenso schnell geschrieben, dem Händler sind sie recht und dem Kunstrichter billig, sie sind eine millionenfache Randerscheinung unseres geistigen Lebens: Liebesromane im Heftchenformat. Wer die kritische Auseinandersetzung mit ihnen sucht, muss sich beeilen, denn sie gehören zu den flüchtigsten Erscheinungen auf dem Silbenmarkt. Das hektische Raushauen, Einlagern, Abverkaufen und Einstampfen im Bereich der Vollwertliteratur wird auf schon fast parodistische Weise im Trivialgeschäft zugespitzt. Den Romanzen ist ein öffentliches Leben von kaum mehr als vier Wochen geschenkt. Leicht ist diese Literatur unter anderem, weil sie sich nicht mit der bleiernen Hoffnung auf die Nachwelt beschwert. Ja, das schnelle Vergessen gehört zu den Voraussetzungen für glückliche Lektüre, denn nur wer nicht weiss, dass Er und Sie sich schon tausendmal gekriegt haben, kann immer wieder gespannt sein, ob die Pappfiguren ihre Scheinkonflikte zum guten Ende lösen werden.

Um so bemerkenswerter also die Neuheit des einschlägig bekannten Monika-Verlages: «Die besten Seiten der Liebe». Auf 600 Seiten finden wir hier eine Kompilation der schönsten Momente, ausgewählt aus 300 Liebesromanen, die der Verlag in verschiedenen Romanreihen in den achtziger Jahren veröffentlichte.

Gegliedert in die drei Kapitel «Die erste Begegnung», «Der erste Kuss», «Das Happy-End», löst die Sammlung in der Tat ein, was der Titel ohne Übertreibung versprochen hat. Unter Auslassung der wenig glaubwürdigen Verwicklungen und der zermürbenden, psychologisch selten gesicherten Reflexionen der Protagonisten, die zur Schwellung eines jeden Romans gut und gerne 95 Prozent des Gesamtumfanges beitragen, werden hier nur «Ströme des Begehrens» ausgelöst (1. Kapitel), wird in «leidenschaftlichen Küssen» versunken (2. Kapitel) und abschliessend «Hand in Hand der aufgehenden Sonne» entgegengegangen (3. Kapitel). Alles schön und gut. Die Beschränkung aufs Wesentliche war Programm. Das Ergebnis ist eine sozial-psychologisch wie auch literaturwissenschaftlich sehr ergiebige Dokumentation idealisierter Liebe. So mag man kritisieren, dass die Frauen in der «ersten Begegnung» stets passiv bleiben. Dass die Sehnsucht, von der sie beim Anblick ihres Tom, Dick oder Harry durchschüttelt werden, nie von geistigen Allüren durchwirkt ist, sondern strikt hormonelle Grundlagen hat, das wiederum nötigt Respekt ab. Eindrucksvoll auch das 2. Kapitel. Indem hier 300 Pärchen aus zehn Jahren Monika-Romanen immer wieder übereinstimmend einander «in die Augen sehen» und sodann «in die Arme sinken», «Lippen suchen» und «Lippen öffnen», bestätigen sie uns: So wird's gemacht. Und es stimmt ja auch. Farbiger die Gefühle beim ersten Kuss. Metaphern aus der Wetterkunde liegen hier deutlich vorn und ermöglichen geglückte Transplantationen ins Wörtliche, wie bei Patricia, der «Wolken . . . vom Rausch der Empfindungen verweht werden», und weniger geglückte, wie bei Jennifer, die durch Georgs Zungenschlag «wie vom Blitz getroffen zusammensackt». Es spricht für den Herausgeber, dass er bei allem Respekt vor den geschlagenen Autoren auch Aussetzer wie diese zur Diskussion stellt.

Bleibt der Höhepunkt: «Das Happy-End». Alle Nebenfiguren sind verschwunden, alle Konflikte vergessen - die 300 Paare sitzen wie unter einer Käseglocke, vorzugsweise Arm in Arm, lassen «verträumt» Blicke schweifen über die unendliche Weite des Meeres, der Berge oder auch der Skyline einer Metropole («New York»). Man ahnt: Das Glück ist dort, wo die Welt zur Ansichtskarte mutiert. Plötzlich wird einem alles, aber auch wirklich alles klar. Und mit grausamer Unbestechlichkeit zieht der Monika-Roman die Konsequenz: Versinken, Auflösung, Ende.

Die besten Seiten der Liebe. Monika-Verlag, Schweinfurt 1991.


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