NZZ Folio 11/08 - Thema: Image   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Homöopathie gegen Givenchy

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Von Luca Turin
Manche Ideen sind wie Schweizer Taschenmesser: Sie machen nichts richtig gut, aber die Vorstellung, jederzeit sowohl einen grossen Zahnstocher wie eine Miniaturaxt bei sich zu tragen, ist unwiderstehlich. Vor einigen Wochen erhielt ich eine mysteriöse E-Mail von einem Homöopathen in der Gegend von Karlsruhe. Er machte mich auf Anthropin aufmerksam, eine Substanz, die in kleinen Fläschlein ausgeliefert wird. Das Etikett zeigt das Konterfei eines bärtigen Mannes des späten 19. Jahrhunderts, der eine ovale Goldrandbrille trägt, die man heute nur noch mit vergessenen Opern, Rindfleischextrakt und Primzahlen assoziiert.

Anthropin ist ein Zwitter zwischen Pheromonen und Homöopathie. Der Mann mit der Brille heisst Gustav Jaeger und verdiente ein Vermögen mit der Herstellung wollener Kleidung. Seine Firma wurde ihm im Rahmen der Reparationszahlungen des Versailler Vertrags abgenommen und existiert unter gleichem Namen in Grossbritannien bis heute. ­Jaeger war ausserdem Professor für Zoologie, Histologie, Anthropologie, Physiologie und Mikroskopie an der Universität Stuttgart. Er interessierte sich für Wolle und Haare und insbesondere für ihre unter Rauchern und eifersüchtigen Ehepartnern wohlbekannte Fähigkeit, Gerüche zu speichern.

Jaeger gelangte zu der Überzeugung, dass Menschen je nach Stimmung unterschiedliche Botenstoffe ausdünsten, die von den Wollkleidern aufgenommen werden, und dass man Kleider, die von einer glücklichen Person getragen wurden, zur medizinischen Behandlung von Depression einsetzen könne.

Hier kommt die Homöopathie ins Spiel. Ihre Grundüberzeugung lautet: Je geringer die Aktivität der beigefügten Substanz, desto potenter die Wirkung. Diese Wahnvorstellung (bitte sehen Sie von E-Mails an mich ab, falls Sie nicht meiner Meinung sind, oder mischen Sie wenigstens einen Teil Ärger mit einer Trillion Teilen Zucker) hat einen gewaltigen Vorzug: Winzige Mengen bringen enorme Erträge. Jaeger nahm Haarproben, verdünnte sie heftig und machte kleine Kügelchen daraus. Zeitweise waren bis zu 23 verschiedene Anthropin­globuli im Angebot, hergestellt aus Haarproben des Sportlers Fritz Kapernick (Anthropin Nr. 2 gegen Kurzatmigkeit), einer blonden Jungfrau (Nr. 7, «erheiternd und belebend») oder von Franz Liszt (Nr. 16 gegen steife Fingergelenke).

Heute kann man eine Probe seines eigenen Haars einschicken und bekommt seine eigenen Kügelchen zurück. Mit dem wenigen, was von meinem Haupthaar noch übrig ist, könnte man der Menschheit einen grossen Dienst erweisen: Mehrere Frauen sind nachweislich durch eine einzige Dosis davon von ihrer ebenso kostspieligen wie asozialen Leidenschaft für Givenchys Amarige geheilt worden.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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