NZZ Folio 07/94 - Thema: Zum Mond   Inhaltsverzeichnis

Reise ins Dunkel

Jenseits des Mondes beginnen die Metaphern.

Von Lars Gustafsson

«Ein kleiner Schritt für einen Mann, ein grosser Schritt für die Menschheit.»

Am 20. Juli 1969 gelang den Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin mit dem amerikanischen Raumschiff Apollo 11 die erste Mondlandung in der Geschichte der Menschheit.

Wir, die wir im Licht der Sommernacht Zeugen dieser eigentümlich silberglänzenden Bilder wurden, Bilder, die scheinbar genausogut vom Boden eines Weltmeeres hätten stammen können, werden sie nicht so leicht vergessen. Ich sah sie auf der Veranda meines damaligen Sommerhauses im nördlichen Västmanland, und ich erinnere mich, wie die Schreie der Rehböcke aus dem Waldesdunkel die metallischen Stimmen vom Mond begleiteten.

All das war grossartig und faszinierend, dieses phantastische Ballett zwischen Versorgungseinheit, Kommandokapsel, Startstufe und Landestufe, die den kühnen Reisenden die Rückkehr ermöglichten. Vor allem vielleicht ein Triumph der modernen Systemtechnik, aber natürlich auch ein bedeutendes Exempel für Mut und Geistesgegenwart. Die Computertechnik war damals, im Jahre 1969, noch nicht das, was sie heute ist - tatsächlich gab es einen äusserst gefährlichen Moment, als der Bordcomputer durch einen overflow von Daten für einen kürzeren Zeitraum ausfiel -, und ausserdem muss man bedenken, dass der erste Mann, der die Oberfläche des Mondes betrat, keine genaue Vorstellung hatte, von welcher Beschaffenheit diese Oberfläche überhaupt war. Das Mondgestein, das da und dort auf der Welt ausgestellt wird, beispielsweise in der Lyndon B. Johnson Presidential Library in Austin, meinem derzeitigen Wohnort, wirkt eigentümlich grau und nichtssagend, ungefähr als stamme es aus einem Tagebau für Molybdän oder Pechblende in Alaska.

1969 wusste man nicht mit Sicherheit, ob dieser in einer Landschaft ohne Atmosphäre von einer erbarmungslosen Sonne beschienene graue Sand dem menschlichen Fuss genug Halt bieten würde. Vielleicht würde der Astronaut darin versinken wie in Treibsand?

Es gibt im wesentlichen drei Theorien darüber, was der Mond eigentlich ist. Die Abspaltungstheorie geht davon aus, dass der Mond, vielleicht unter dem Einfluss der Schwerkraft eines rasch vorüberziehenden Himmelskörpers, eines Kometen oder Riesenmeteoriten, aus der Oberfläche der Erde losgerissen wurde und daher tatsächlich ein Stück unserer heimischen Umgebung ist, die zum Himmelskörper wurde. Eine andere Vorstellung ist, dass Erde und Mond parallel aus verschiedenen Teilen derselben ursprünglichen Materiewolke entstanden sind. Und eine dritte - die interessanteste - Theorie, die weit besser mit dem tiefen Gefühl von Fremdheit und Schrecken übereinstimmt, das sich in allen Mythologien letztlich mit dem Mond verbindet, sagt, er sei tatsächlich etwas Fremdes, vielleicht nicht einmal dem Sonnensystem entstammend, eingefangen von unserem Planeten. Für diese Theorie spricht die Tatsache, dass die Geologie des Mondes sich grundsätzlich von unserer eigenen unterscheidet.

Dann gibt es noch die Theorie vom grossen Aufprall: ein fremder Himmelskörper, etwa von der Grösse des Planeten Mars, ist mit der Erde zusammengestossen, und der Mond besteht aus dem Material, das bei der Kollision emporgeschleudert wurde. Diese Theorie war natürlich zu dem Zeitpunkt am populärsten, als ein atomarer Weltkrieg noch realistisch erschien und Carl Sagan sowie andere Popularisatoren vor dem grossen atomaren Winter warnten, der die Folge eines solchen Krieges sein könnte.

Die Vorstellung vom Mond als einem eingefangenen fremden Objekt hat unbestreitbar einen grösseren ästhetischen Reiz. Es ist vermutlich das einzige Mal in der Geschichte der Menschheit, dass wir die Möglichkeit haben, buchstäblich mit so etwas umzugehen. (Die Vorstellung von einer bemannten Expedition zum Mars scheint gegenwärtig reichlich optimistisch, und alles übrige erst recht.) Die kleinen Scherben in der Vitrine in der LBJ Presidential Library sind natürlich das Interessanteste, was diese Sammlung zu bieten hat, aber die Touristen eilen heute daran vorbei, weil sie anderes aus jener Zeit sehen wollen, Bilder von den grossen Vietnamdemonstrationen und der Ermordung von John F. Kennedy. Für Mondlandungen gibt es keine reelle politische Grundlage mehr, und es sind nur die Kinder aus den untersten Schulklassen, die verwundert an der Vitrine mit dem Mondgestein stehen bleiben. Mit dem Gespür für das Wesentliche, das Kindern eigen ist.

Den Mond zu betreten, das war natürlich ein Akt - und das steigerte den Genuss für alle Zeugen dieses Schauspiels -, dem etwas zutiefst Verbotenes innewohnte.

Den Mond physisch berühren, das hiess, ein Symbol berühren, das Symbol für das Unerreichbare, für das, was sich nicht berühren lässt. Nicht nur den Gnostikern aus dem dritten Jahrhundert erscheint der Mond als Grenze zwischen unserer Welt und einer anderen.

Und natürlich hat sich auch die sublunare Welt für immer verändert, als diese symbolische Grenze überschritten wurde. Man könnte sagen, das Symbol Mond hörte für immer auf, ein Symbol zu sein, wurde aber dafür durch ein anderes ersetzt: das wohlbekannte Bild von der Erde, als Planet gesehen. Ein Bild, verwendbar für Friedensfreunde, aber auch für den umweltbewussten Zeitgeist, der überzeugend auf den Kontrast zwischen diesem lebenden blauen Planeten mit seinen grossen mütterlichen Meeren und der sterilen Nichtigkeit des Mondes verweisen konnte.

Tatsächlich standen wohl viel grössere, umfassendere und kompliziertere Zeichensysteme auf dem Spiel. Mit den Mondflügen ist offenbar Schluss, wenigstens für diese Generation, vielleicht bis neue Energiequellen und Ressourcen auftauchen, die das Unternehmen weniger singulär machen. Die USA haben 1972 die letzten Astronauten zum Mond geschickt, und danach gab es nur noch drei unbemannte sowjetische Landungen. Die Nasa steht nicht mehr so stark im Mittelpunkt der Ereignisse und der öffentlichen Meinung, wie es 1969 der Fall war, und von der sowjetischen Raumforschung dürfte nicht mehr viel übrig sein. An Mondlandungen als Demonstration technologischer und industrieller Überlegenheit herrscht auch nicht mehr derselbe Bedarf.

Mondlandungen galten damals - und gelten noch heute - als ein Glied in dem grossen gemeinsamen Projekt der Menschheit, der Eroberung des Weltraums. Diese prachtvolle Hyperbel dürfte zu den eigentümlichsten Mythen zählen, die eine Kultur je hervorgebracht hat.

Wer von der Eroberung des Weltraums spricht - und sich selbst ernst nimmt -, hat keine Ahnung, was das heisst. Aus jeder anderen Perspektive als der provinziellsten ist der Mond, mit seinen 384 400 Kilometern Entfernung zur Erde, in fast jeder vernünftigen Hinsicht Teil unserer eigenen Umwelt. (Wer etwas radikaler gesinnt ist, könnte behaupten, das gesamte Sonnensystem mit den schützenden Arten ionisierender Strahlung, die es dem wirklichen, kalten und sehr dunklen äusseren Weltraum entgegenhält, habe etwas von einer friedlichen Raumfähre, die in einem ungeheuren Meer kreuzt.) Der schwedische Astronom Peter Nilson (ein fundierter und kluger Popularisator) hat darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht einmal von so etwas wie den Lichtverhältnissen im Weltraum eine Ahnung hat.

Das Licht, das wir am nächtlichen Firmament wahrnehmen, ist zum grössten Teil reflektiertes Sonnenlicht. Während das Raumschiff Enterprise in der netten amerikanischen Science-fiction-Serie durch einen hell erleuchteten Weltraum kreuzt, ist es im wirklichen All normalerweise ungefähr genauso dunkel wie in einem Kartoffelkeller, oder noch etwas dunkler, ausgenommen natürlich die zentralen Bereiche einer Galaxie, wo das Sternenlicht intensiv und dicht genug sein dürfte, um auf günstig gelegenen Planeten ein permanentes Tageslicht zu schaffen.

Von den gigantischen und total unmenschlichen Dimensionen und Verhältnissen in der ausserlunaren Welt haben die meisten Menschen ausserhalb eines kleinen Kreises von Astrophysikern und Astronomen nicht die geringste Ahnung. Nehmen wir einen Planeten wie Neptun! Mit seinem mittleren Abstand von 30,1 astronomischen Einheiten (eine astronomische Einheit ist der mittlere Abstand zwischen der Erde und der Sonne) ist er bereits so weit von uns entfernt, dass jede Möglichkeit, ihn mit uns bekannten Raumfahrzeugen zu besuchen, völlig ausgeschlossen erscheint.

Allein die Idee, sich den Neptun zu diesem Zeitpunkt vorzustellen, zu sagen «an diesem Sonntag morgen im April 1994 verhält es sich auf dem Planeten Neptun auf die eine oder andere Weise», ist unsinnig. Auf dem Planeten Neptun gibt es kein «Jetzt», das wir uns vorstellen oder beschreiben könnten. Der Planet ist weit genug entfernt, um eher ein theoretisches als ein physisches Objekt zu sein. Voyager 2 hat ihn 1989 passiert. Wenn die Sonde ihre normale Geschwindigkeit von 14,8 km pro Sekunde beibehält, wird sie den Stern Ross 248 unserer Galaxis (Abstand 10,8 Lichtjahre) in 218 000 Jahren erreichen.

Das mag Anlass geben, daran zu erinnern, dass die ältesten Schriftzeichen rund vierzigmal jünger sind. Die ersten menschlichen Radiosignale sind für immer auf dem Weg und haben jetzt siebzig Lichtjahre als konzentrische Sphäre zurückgelegt. Falls sie vom Kugelsternhaufen M 13 aufgefangen werden, können wir eine Antwort in fünfzigtausend Jahren erwarten. Der Andromedanebel, das fernste Objekt, das wir noch mit blossem Auge sehen können, ist 2,4 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Eine Botschaft hin und zurück zu senden würde 4,8 Millionen Jahre dauern. Das heisst also, ein gegenseitiger Informationsaustausch, eine Telesession, wie man es heutzutage im Internet-Jargon nennt, ist ausgeschlossen. Nicht, weil die Lebensspanne eines Menschen zu kurz wäre, um auf eine Antwort zu warten, sondern weil die Zeit der menschlichen Art zu kurz ist.

Sich weiter hinaus in diesen ungeheuren dunklen Brunnen zu begeben, in dem alles durch die Ewigkeit fällt, ist ein immer wieder unterhaltsames Zahlenspiel. Für unsere philosophischen Überlegungen können wir es hier abbrechen. Dort draussen gibt es kein «Hier» und kein «Jetzt». Was wir Wirklichkeit nennen, ist ein äusserst lokal begrenztes Phänomen, der Rest sind diffuse Signale, gedeutet mittels mathematischer Modelle. Der Raumflug ist eine Metapher, sonst nichts. Die Eroberung des Weltraums ist mit anderen Worten ebenfalls eine Metapher.

Die Philosophen meiner Jugend (ich meine nicht unbedingt solche, denen ich persönlich begegnet bin, sondern solche, die ich in meiner Jugend gelesen habe) wie G. E. Moore, Broad oder Russell, erörterten gern sogenannte materielle Gegenstände, Kreidestücke, Tische und Stühle, seltener Motorräder oder Autobomben. Schwach erscheint mir heute daran, dass sie diese Diskussion führten, als wäre das Universum ein einziges Möbellager von unendlichen Ausmassen.

Das Reich der Dinge, ihre Domäne, ein Reich, in dem alles jetzt und gleichzeitig gegenwärtig ist, ist in Wirklichkeit nichts anderes als die hauchdünne Membran, die unsere eigene, unbegreifliche Existenz umschliesst, und das ebenso unbegreifliche und grenzenlose Dunkel, das uns umgibt.

Iss den Zwieback, den du in der Hand hältst, und er wird rasch aufhören, ein Ding zu sein, und sich in etwas anderes verwandeln - in ein Bündel von taktilen und olfaktorischen Signalen, das (wie wir hoffen, mit einem kleinen Nachbeben des Wohlbehagens) in der Tiefe deines Körpers verklingt. Er ist dir zu nahe gekommen, um ein Ding zu sein. Genauso verhält es sich in umgekehrter Richtung.

Der Mond, oder möglicherweise der Planet Mars, ist das Äusserste, was sich als «Ding» auffassen lässt. Darüber hinaus gibt es nichts als Modelle, gewagte Deutungen ferner Signale. Und allem, was sich da draussen befindet, fehlt das wichtigste Kennzeichen der Dinglichkeit: gleichzeitig mit uns in der Welt zugegen zu sein. Meine Philosophiestudenten sind oft ehrlich erstaunt, manchmal sogar ein bisschen beleidigt, wenn ich sie darauf aufmerksam mache, dass niemand je ein «Ding» wie ein schwarzes Loch im Sinne von Professor Hawking observiert hat. Das schwarze Loch ist nichts anderes als ein mathematisches Modell, das in der Wirklichkeit realisiert sein könnte, wäre eine bestimmte Kombination von Bedingungen erfüllt.

Ist eine Galaxie wie der Andromedanebel ein «materieller Gegenstand»? Wohl nicht in irgendeinem vernünftigen Sinn. Alle ihre Teile sind nicht zum gleichen Zeitpunkt gegenwärtig, da ihre inneren Entfernungen so beschaffen sind, dass der Begriff «gleichzeitig» unbrauchbar ist. Nichts, was wir unternehmen, würde sie je auf irgendeine Weise beeinflussen. Die Wahrheit ist, dass eine entfernte Galaxie, wie sie auf den Bildern des Hubble-Teleskops erscheint, nicht mehr «Greifbarkeit» besitzt als eine gespeicherte Computerdatei.

Alles übrige ist unsere eigene Lesart eines vieldeutigen und zum grossen Teil ausgelöschten Textes. Wenn wir Raumflüge unternehmen, erkunden wir im wesentlichen unsere eigenen Begriffswelten. Nicht etwa, dass Spektrogramme und Frequenzkurven in irgendeiner Weise «subjektiv» wären. Aber das Bild, das wir uns mit ihrer Hilfe von der Welt machen, wird für uns immer subjektiv bleiben.

Das Interesse am Mondflug (oder besser gesagt an den Mondflügen, denn fünf weitere geglückte Expeditionen haben bis 1972 stattgefunden) war also, dass er sich tatsächlich genau an der Schwelle zwischen Wirklichkeit und Metapher befand, genau an der schmalen Grenze, an der die Welt vom Zustand der «Wirklichkeit» im Sinne der empirischen Philosophen (Baum, Tisch und Stühle, Klippen und Berge) in Metaphern und mathematische Begriffe übergeht. Natürlich wäre er nie verwirklicht worden, hätten nicht Poeten und andere Leute praktisch seit der Antike dieses Unternehmen vorweggenommen und vorbereitet. Man kann die Mondlandung sogar als eine gewissermassen poetische Unternehmung betrachten, sorgfältig in pragmatische Begründungen verpackt.

Wenn «Die Eroberung des Weltraums», ja sogar die Vorstellung von richtigen «Reisen im Weltraum» im Grunde genommen nichts anderes sind als Metaphern, fragt sich der Kluge: «Metaphern wofür?»

Lukian (um 120?180 nach unserer Zeitrechnung) beschreibt in seinen 120 majestätischen «Gesprächen der Toten» die Reise über den Styx, die Reise ins Dunkel als eine Art Abenteuer. Ist die Reise ins Dunkel des Alls letztlich eine Metapher für die Reise der Lebenden ins Reich der Toten?

In diesem Fall eine notwendige Reise, in dem Sinne, dass sie unvermeidbar ist.

In Wahrheit tönen die offiziellen Begründungen für die Raumfahrt so hohl rhetorisch, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Die Kennedy-Ära, in deren Geist die Mondlandungen durchgeführt wurden, hätte sich nie an Lukians oder Cyrano de Bergeracs durchsichtige Todesmetaphern gewagt. Statt dessen war die Rede von einer neuen frontier, eine Vorstellung, die bei den Science-fiction-Autoren dieser Periode häufig auftritt. Ein Arthur Clarke, ein Philip K. Dick, wie unterschiedlich sie auch in anderer Hinsicht, nach Temperament und künstlerischem Anspruch sein mögen, denken sich gern einen kolonialisierten Mond oder einen kolonialisierten Mars als Neusiedlerland mit Fort und Palisaden. Das Modell dafür ist die Eroberung von The Great West.

Diese Metapher wirkt allerdings ganz und gar unrealistisch. Wer wollte wirklich sein einziges Leben auf dem Mond oder auf dem Mars verbringen? Bergbau auf dem Mond beispielsweise gehört zu den vielen eigentümlichen Begründungen für die Raumfahrt, die wir finden, nicht zuletzt in populärwissenschaftlichen Büchern für Kinder, die der Zehnjährige noch immer begierig verschlingt. Das ist eine spannende Idee. Aber hat sich je einer die Mühe gemacht, ihre geschäftliche Seite zu kalkulieren? Welches Mineral gäbe es, das kostbar genug ist, um das Geschäft einträglich zu machen? Nicht einmal Plutonium in reiner Form dürfte so wertvoll sein, dass sich ein solches Unternehmen darauf gründen liesse.

«Das Raumschiff Enterprise von -Startreks? ist ein deep space cruiser», steht in der Anleitung für das Plasticmodell, das mein siebenjähriger Sohn gerade baut. Bizarr an der Vorstellung von einer ausgedehnten Reise durch den Weltraum mit deep space cruising ist nicht, dass dies eine unrealistische Angelegenheit wäre. Das wirklich Sonderbare ist, dass sie schon seit langer Zeit stattfindet. Der Planet, auf dem wir leben, ist ein solcher deep space cruiser, ausgestattet für eine sehr lange Reise.

Man kann sogar mit guten Gründen behaupten, unser gesamtes Sonnensystem sei eine ausgeklügelte und ökologisch gut ausgewogene Raumfähre. Wer einmal ein Diagramm von der grossen Gasblase gesehen hat, mit der die Sonne unser Planetensystem umgibt, der Heliosphäre mit ihren schleierartig tanzenden Magnetfeldern, die wie ein Schild kosmische Strahlung und interstellare Gase von dem gesamten System fernhält, kann kaum umhin, das Ganze als kosmisches Gefährt zu sehen.

Wie schnell fährt es? Und wohin ist es unterwegs? Sinnlose Fragen? Wenn wir uns an Einsteins spezielle Relativitätstheorie halten, und das ist wohl vernünftig, solange niemandem etwas Besseres eingefallen ist, gibt es im Universum eigentlich nur eine einzige Geschwindigkeit, die kosmische. Der Rest sind die Schatten der Lorentz-Transformation, Platos Höhle.

In der wirklichen Welt geht alles viel schneller, und alles ist auf dem Weg.

So gesehen, sind andere Raumfahrzeuge eigentlich überflüssig. Wir sind schon seit langem auf Reisen, und statt zu versuchen, zur Welt zu kommen, sehen wir die Welt zu uns kommen.

Falls jemand bedauert, nicht auf dem Mars spazierengehen oder im kalten Ammoniakregen des Neptun schwimmen zu können, braucht er (oder sie) das nicht mehr lange zu bedauern. Unter Experten herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass virtual reality, das heisst eine elektronisch repräsentierte Wirklichkeit mit einer dreidimensionalen und taktil illusorischen Wiedergabe einer nur dargestellten Wirklichkeit, etwa im Jahr 2020 einen grossen Durchbruch erleben wird. Als Illusion oder als «realistische» Wiedergabe der Daten, die wir von den Raumsonden empfangen (was bedeutet hier «realistisch»?), dürfte diese Technik uns der klassischen Metapher der Raumfahrt so nahe bringen wie nur irgend möglich.

An dem schönen texanischen Frühlingsmorgen, an dem dies geschrieben wird, bringt «The Austin American Statesman», die Lokalzeitung von Austin und Umgebung, einen grossen Artikel darüber, wie das Gras wieder um das herum wächst, was von dem Supercollider-Bau in Waxahachie County übrig ist. Jetzt geht es darum, die schöne blackland prairie wieder herzustellen, die es dort früher gab. In dem riesigen Tunnelsystem, einer nur teilweise ausgebauten Ellipse von gigantischen Ausmassen, will man möglicherweise Pilze züchten. Viele vorzügliche Pilzarten gedeihen bekanntlich an unterirdischen Standorten. Das Hochenergieprojekt, letztlich von dem Bedürfnis motiviert, das sogenannte Higgs-Partikel nachzuweisen und damit einige der elementaren Symmetriebrechungen hinter dem zu finden, was wir als «Materie» bezeichnen, ist im Senat wie im Repräsentantenhaus gescheitert. Es war nicht mehr möglich - nach enormen Überschreitungen der veranschlagten Kosten -, ein solches Projekt vor den Wählern zu rechtfertigen.

Kluge Personen, darunter der grosse Ilya Prigogine, haben in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass wir auf der Erde niemals Hochenergiebeschleuniger von der Stärke bauen können, wie das Universum sie uns gratis liefert. Die Bündel von Gammastrahlung, die durch die Heliosphäre dringen und von Detektoren ausserhalb der Atmosphäre aufgefangen werden können (im Prinzip wie das Hubble-Teleskop placiert), zeigen nicht nur ein Bild des Universums, das gänzlich von den Registrierungen der optischen und Radioteleskope abweicht. Diese hochenergetischen Partikel, möglicherweise aus schwarzen Löchern entstanden, könnten im Prinzip für avanciertere Kollisionsexperimente verwendet werden, als dies mit einer irdischen Ausrüstung je möglich wäre. Wieder bewahrheitet sich hier, könnte man sagen, das gleiche eigentümliche Prinzip wie in der Frage der Raumfahrt. Wir haben bereits das, wonach wir streben.

Die Welt, in der wir leben, zu verstehen - in dem begrenzten Umfang, in dem sie nun eben verstehbar ist -, ist ein Unterfangen, das sich natürlich pragmatisch nicht ausreichend begründen lässt. Das Vorhandensein von astronomischen Observatorien und Anordnungen wie dem Hubble-Teleskop zeigt, dass selbst Regierungen in solchen Fragen nicht ganz pragmatisch denken. Andererseits zeigt das Debakel von Waxahachie County, dass die unpragmatischen Begründungen nicht beliebig strapazierbar sind. Auf einem Planeten, wo die Oberflächenprobleme auch in den entwickelten, hochtechnologischen Ländern von dringlichster Art sind (Krankheiten, Kriminalität, soziale Probleme), gibt es ganz bestimmte Grenzen dafür, was aus öffentlichen Mitteln aufgebracht werden kann, um die Welt, in der wir leben, zu erforschen.

Dass die Mondlandungen möglich wurden, lag vielleicht an der einmaligen Konstellation von politischen und metaphorischen Motiven, die am Ende der sechziger Jahre bestand; der kalte Krieg, der Optimismus der Kennedy-Ära, die Vorstellung von einer neuen frontier. Pragmatische, unpragmatische, metaphorische und unmetaphorische Begründungen gingen für einen Augenblick die denkbar günstigste Verbindung ein.

Solange es währte, besass es eine seltsame Schönheit.

Lars Gustafsson, 1936 in Västerås, Schweden, geboren, ist Schriftsteller und Professor für Literatur; er lebt in Austin, USA. Im Herbst erscheint bei Hanser sein neuer Roman «Die Sache mit dem Hund».


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