Für zwölf weisse Mäuse an der Universität Freiburg im Breisgau begann der 17. Oktober 1887 schlecht: An jenem Montag wurde ihnen der Schwanz abgeschnitten. Dann sperrte man die sieben Weibchen und fünf Männchen in einen Käfig. Während der nächsten 14 Monate warfen die Weibchen im «Zwinger I» 333 Junge. Für 15 von ihnen war der 2. Dezember 1887 der schwarze Tag: Schwanz ab, Umsiedlung in «Zwinger II», Nachkommen zeugen. Wiederum 14 davon mussten vom 1. März 1888 an schwanzlos im «Zwinger III» weiterleben, und ein Teil ihrer Jungen ereilte am 4. April 1888 in «Zwinger IV» dasselbe Schicksal.
Der Schwanzabschneider hiess August Weismann und war einer der berühmtesten Biologen seiner Zeit. Bis Ende 1888 hatte er Dutzende von weissen Mäusen um die elf Zentimeter an ihrem Körperende erleichtert. Von den 849 Jungen schwanzloser Eltern war aber kein einziges ohne Schwanz zur Welt gekommen. Damit war unwahrscheinlich, was viele Naturforscher behaupteten: dass Verletzungen vererbbar seien. Sie stützten diese Meinung auf unüberprüfte Anekdoten: Ein Stier, dem in Jena ein zuschlagendes Scheunentor den Schwanz abtrennte, soll Vater von schwanzlosen Kälbern geworden sein. Die Tochter einer Frau, die in ihrer Jugend den Daumen quetschte, habe ebenfalls einen missgebildeten Daumen. Und dann natürlich, schrieb Weismann, «die schwanzlosen Kätzchen, welche auf der vorjährigen Naturforscher-Versammlung in Wiesbaden vorgezeigt wurden und – wie die Zeitungen berichteten – dort ‹so grosses Aufsehen hervorriefen›». Ihre Mutter habe den Schwanz angeblich durch Überfahren verloren, was ihr Besitzer, Herr Dr. Zacharias, als Beweis für die Vererbung von Verstümmelungen präsentierte.
All diese Vorfälle wurden vorgebracht, wenn es um die Frage ging, welcher Mechanismus hinter der langsamen Veränderung von Tierarten steckt. Dass sie sich verändern können, stand ausser Zweifel. Man sah es in jeder Tierzucht. Und viele glaubten zu wissen, was dahintersteckt: Die Tiere geraten in eine neue Umgebung, nehmen neue Gewohnheiten an und vererben sie ihren Nachkommen. Giraffen haben ihre kurzen Hälse gestreckt, um die Blätter von hohen Bäumen zu fressen. Jede Generation hat so etwas längere Hälse an die nächste vererbt. Seit der französische Naturforscher Jean-Baptiste Lamarck im 18. Jahrhundert diese Meinung vertreten hatte, hiessen ihre Verfechter Lamarckisten.
Lamarck gegen Darwin
Da die Langsamkeit der Veränderungen von Generation zu Generation sie der direkten Beobachtung entzog, versuchten die Lamarckisten, ihre These mit der Vererbung von Verletzungen zu beweisen. Doch Weismann, der früher selber an die Vererbung erworbener Eigenschaften geglaubt hatte, war skeptisch. Nicht nur, weil sich die Anekdoten bei genauer Überprüfung oft als unhaltbar erwiesen, sondern auch, weil er keinen Weg sah, wie sich eine Verletzung praktisch hätte vererben können. Die Information über den Ort und die Art der Verletzung hätte ja irgendwie in die Samenzelle oder in die Eizelle gelangen müssen, denn nur diese Zellen erreichen die nächste Generation. Die Tatsache, dass eine Maus ihren Schwanz verloren hat, hätte in die Sprache der Ei- oder Samenzellen übersetzt und in sie eingeschrieben werden müssen. Das schien Weismann unmöglich.
Er glaubte vielmehr, dass neue Gewohnheiten oder Verletzungen keinen Einfluss auf die Keimzellen hatten. Das Erbmaterial bleibe unverändert.
Was sich hingegen je nach Umständen änderte, war die Anzahl Nachkommen, die ein bestimmtes Tier hatte. Eine Giraffe, der eine zufällige Veränderung im Erbmaterial einen etwas längeren Hals bescherte, kam in einer Steppe mit hohen Bäumen besser an die Blätter heran, überlebte länger, war stärker und hatte deswegen mehr Nachkommen, die ihren langen Hals erbten. Der Naturforscher Charles Darwin nannte diesen Prozess natürliche Auslese und erklärte damit langsame Veränderungen und damit die Entstehung neuer Arten.
Weismann schnitt den Mäusen noch bis in die 22. Generation die Schwänze ab. Alle Nachkommen hatten Schwänze.