Die Psychologin
Diese Wohnung macht eine gute Figur. Rundum. Schöne Dinge, angenehmes Licht und originelle Stücke verströmen eine grosszügige und wohltuende Atmosphäre. Alles ist sehr gepflegt, mit Stil und Formbewusstsein – in dieser Umgebung macht auch die Besitzerin eine gute Figur. Das Nähkästchen aus der Handarbeitsschule lässt auf eine Bewohnerin schliessen, ebenso die schlankarmigen Statuen von Göttinnen, die zahlreich und unübersehbar in Szene gesetzt wurden und gleichsam eine Art Freundinnen sind.
Die Bewohnerin besitzt vermutlich gestalterisches Flair, Pinsel und Farbe sind griffbereit, allerdings keine Bilder weit und breit. Im Bücherregal findet sich eine ganze Reihe Landkarten; sucht sie in fernen Ländern nach Motiven für ihre Werke, findet Farben nicht nur im Aquarellkasten, sondern in fremden Landschaften?
Auch ihre Wohnung ist eine Art Reise durch Zeit und Kontinente, ein Treuebekenntnis an die Vergangenheit: Wurlitzer aus den 1960ern, Lampen aus den 1950ern, bis hin zur Kügelibahn aus der Kindheit. Mitgenommenes aus ihrem halben Jahrhundert Leben. Nordisches Design trifft Orient, die Neuzeit hält einzig in der Küche Einzug, die mit den wenigen Gläsern aus dem Brockenhaus und Teigwarenpäckli zum Kochen wohl eher selten genutzt wird; allerdings ist mit zwei Spülbecken der Wasserbedarf dafür üppig. Davon abgesehen scheint sich diese Person der neuen Technik total zu verweigern, lebt gut mit sich allein und braucht weder TV noch www, die Welt draussen erkundet sie lieber selbst.
Alles in diesen Räumen ist sehr persönlich und eigenwillig, sie sind, trotz den vielen Einzelstücken, wie aus einem Guss. Vermutlich ist die Bewohnerin eine facettenreiche Persönlichkeit, von einer klassischen Eleganz – ganz wie die Wohnung.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Die Bewohner haben ganz offensichtlich Ahnung von gutem Wohnen. Sind es vielleicht Sammler oder Vintage-Händler? Gesammelt wird allerlei – alte Gläser, Art-déco-Bronzefiguren, und in der Jukebox lagern Unmengen alter Schellackplatten.
Vermutlich ist es eine Etagenwohnung mit guter Aussicht. Das bodenlange Fenster im Arbeitszimmer gibt viel Blick frei. Haben es die Bewohner nachträglicheingesetzt? Auch in der Küche hat die Familie, vielleicht ein Paar mit einem Kleinkind, umfangreiche Korrekturen gemacht. Der Boden aus Schieferplatten könnte neu sein sowie die lachsfarbene Wand, überhaupt die ganzen Kücheneinbauten mit den speziellen linearen Beleuchtungen.
Das Faible für Leuchten ist auffallend: das christbaumartige Modell «Blushing Zettel’z» von Ingo Maurer mit den reflektierenden Einkaufszetteln dran, die stringente Pendelleuchte «Lifto» von Serien über dem Esstisch oder die Wandleuchte «George» von Tobias Grau, die der Postkartensammlung Licht spendet. Auch im Wohn- und Arbeitszimmer finden wir Stehleuchten aus den 1950er und 1960er Jahren.
Die Bewohner verstehen es, ihre Wohnung erfolgreich und erfrischend aufzumischen: ein traditioneller Beizentisch mit Gussfuss, kombiniert mit dem Dietiker Stuhl «Sparta» von 1993 und der Fruchtschale aus kunststoffbeschichtetem Draht aus den 1950er Jahren. Wer das so leichthändig hinbekommt, wird auch den Alltag selbstsicher meistern. Langweiler wohnen so nicht.
Stefan Zwicky
Ueli Müller, Geschäftsführer des Brockenhauses Zürich
«In mir vereinen sich Zigeuner und Bauer. Die Zigeunerseite liegt mütterlicherseits. Möglich, dass ich deshalb mit 49 Jahren einen Berufswechsel brauchte. Mit 25 Jahren fing ich bei Jelmoli als Fernosteinkäufer an. Zuletzt leitete ich eine Tochterfirma von Pfister. Die Möbelwelt wirkte immer inspirierend.
Ich bin seit zehn Monaten Leiter des Brockenhauses in Zürich. Das Zürcherische sieht man unserer Wohnung in Baden nicht an. Einzig zwei blaue Robert-Haussmann-Tischchen sind aus dem Zürcher Brocki. Spezialkonditionen habe ich nicht, was auch richtig ist, da wir ein gemeinnütziger Verein sind.
In diesem Brockenhaus war ich zum ersten Mal mit meiner Mutter. Ich muss so fünf gewesen sein. Besser als an mein Alter erinnere ich mich an den Geruch, der sich in all den Jahren nicht verändert hat. Ich möchte ihn nicht romantisieren. Vermutlich rieche ich jetzt auch schon so. Nicht? Dann ist gut. Früher besuchte ich Brockenhäuser als Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit und um meinen Jagdinstinkt als Sammler zu befriedigen. Diese andere Welt beruhigte mich. Nein, der Geruch zog mich nicht an, eher die Atmosphäre, die Kühle der grossen Räume. Die Wohnung in Baden ist auch grosszügig. Ich habe zwei Wohnungen zusammengelegt und lebe mit meiner Familie auf 240 m2. Die Wohnung habe ich in Eigenregie umgebaut und eingerichtet. Ich lebte bereits hier, als ich meine Freundin noch nicht kannte.
Liliana arbeitet in Basel bei Novartis. Weshalb wir in Basel auch noch eine Wohnung haben. Wir pendeln gerne. Wir sind pro Woche drei bis vier Tage zusammen. Das Leben in zwei so unterschiedlichen Städten passt zu unserer Patchworkfamilie.
Das Arbeitszimmer gehört zu Leos Lieblingsplätzen. Dort male und zeichne ich mit ihm. Bilder hängen bei uns an fast allen Wänden, nur sind die auf den Fotos leider nicht zu sehen.
Die zarten Frauenfiguren sind keine Hausfreundinnen. Die Art-déco-Figuren stammen aus der Zeit, als ich Karriere machte und stolz darauf war, mir etwas leisten zu können. Ich durchlebte damals eine ‹Was kostet die Welt?›-Phase. Heute sind es schöne Erinnerungsstücke, aber ohne tiefere Bedeutung.
Wichtiger ist mir die Jukebox. Ihre Platten untermalen unser abendliches Kochen. Meine Lieblingsnummer? Die Zahl kenne ich nicht auswendig, das Stück singt Jeanne Moreau im Film ‹Jules et Jim› von François Truffaut. Am meisten hören wir zurzeit Leos Lieblingsstück: ‹Junge, komm bald wieder› von Freddy Quinn. Beim Kochen sitzt Leo auf der Theke und hilft beim Gurkenvernichten. Die Küche ist ein sehr warmer und umtriebiger Platz. Wir kochen beide sehr gerne. Meistens Fisch und Gemüse oder Teigwaren in unterschiedlichsten Variationen.
Ich habe mein Glück zu Hause gefunden. Meine Sehnsüchte und Wünsche muss ich nicht mehr im Himalaya oder sonstwo auf der Welt erfüllen. Ich kletterte zwanzig Jahre lang. Heute wandle ich lieber in Leos Tempo durch die Welt. Ehrlich gesagt bin ich auch nicht mehr so schwindelfrei und körperlich frech wie früher. Liliana ist sehr sportlich, Leo überhaupt nicht, und ich immer weniger.
Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich auf die Limmat und die Rebberge von Ennetbaden. Jetzt fällt mir doch noch ein Wunsch ein. Ich würde gerne mit Gérard Depardieu in seinen Rebbergen ein Glas Wein trinken.
Wenn ich Möbelstücke kaufe, interessiert mich weniger der Preis als die Form, die Funktion und die Frage: Gefällt es mir? Gute, funktionelle Sachen kosten meistens mehr, und zwar zu Recht, weil in ihnen viel Arbeit steckt. Früher sammelte ich Lampen. Warmes Licht ist faszinierend. Von den über 500 Lampen in meinem Besitz sind die meisten eingelagert. An der Küchenlampe ‹Blushing Zettel’z› haben sich auch Freunde mit Sprüchen verewigt, da steht dann so Sinniges drauf wie: ‹güller ist mut›.
Ich kann mich gut von Materiellem trennen. Ich verstehe jeden, der eines Tages beschliesst, alles ins Brockenhaus zu geben. Von der grossen Krise spüren wir im Brockenhaus wenig. Nur weil sich ein Banker seinen Porsche Cayenne nicht mehr leisten kann, kommt er noch lange nicht ins Brockenhaus einkaufen. Die meisten kommen eh nicht aus Geldnot, sondern weil sie Neu und Alt gerne mischen. So wie wir auch.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.