. . . Daniel Vernet, Directeur des relations internationales von «Le Monde», Frankreich.
1. Woher kommt der Widerstand gegen die Osterweiterung in Ihrem Land?
Es gibt erstens die grundsätzliche Befürchtung, dass ohne vorgängige Vertiefung der Integration die Erweiterung zu einer Verwässerung der europäischen Konstruktion führt. Zweitens droht Konkurrenz seitens neuer Mitgliedstaaten für einzelne Zweige der französischen Wirtschaft, vor allem für die Landwirtschaft. Trotzdem erhebt Frankreich keinen grundsätzlichen Einspruch gegen die Erweiterung, die als politische, ja sogar moralische Notwendigkeit betrachtet wird.
2. Wie sieht die EU im Jahr 2010 aus?
Falls die institutionelle Reform 2004 scheitert, läuft die EU Gefahr, eine grosse Freihandelszone zu werden. Falls die Reform gelingt, könnte sie ein Subjekt der internationalen Politik sein, mit Einheitswährung, integrierter Wirtschaft, einheitlicher Aussen- und Sicherheitspolitik. Wahrscheinlich wird Europa eine sehr integrierte «Avantgarde» haben, die von einem lockeren Kranz von Mitgliedstaaten umgeben ist.
3. Welches ist Frankreichs Position für die institutionelle Reform von 2004?
Eine offizielle Position wird vor der Präsidentenwahl 2002 nicht festgelegt. Wahrscheinlich wird der nächste Präsident das für die EU charakteristische Gemisch gemeinschaftlicher und intergouvernementaler Vorgehensweisen aufrechterhalten wollen.
4. Wie unterscheiden sich die Europa-Visionen der beiden Köpfe der französischen Exekutive?
Jospin hat die Vision eines Europa, das sich mit allem und jedem beschäftigt, namentlich im wirtschaftlichen und sozialen Bereich. Ganz im Gegensatz dazu hat Chirac die Vision eines international dynamischeren Europa, das aus einer «Pioniergruppe» bestünde, die eine konzertierte Aussenpolitik verfolgen kann.
Die Fragen stellte Christian Müller, NZZ-Korrespondent in Paris.