NZZ Folio 07/00 - Thema: Mann und Frau   Inhaltsverzeichnis

Aus eins mach zwei

Erst seit der Aufklärung gelten Mann und Frau als grundverschieden.

Von Thomas Laqueur

Der Geschlechtsunterschied manifestiert sich so offensichtlich körperlich, dass sich nur schwer vorstellen lässt, er könne einem historischen Wandel unterworfen sein. Wenn es überhaupt etwas gibt, an dem man sich festhalten kann, dann diese körperliche Differenz: Der Mann hat einen Penis, die Frau eine Vagina; Frauen menstruieren, Männer menstruieren nicht. Und vielleicht nicht mehr ganz so eindeutig, aber doch immer noch weitgehend unumstritten: Männer haben beim Orgasmus einen Samenerguss, Frauen nicht. Eine Befruchtung wird daher notwendig von einem männlichen Orgasmus begleitet, während der weibliche Orgasmus, so angenehm er sein mag, eher schmückendes Beiwerk bleibt.

Die Folgerungen, die aus diesen allzu offensichtlichen Beobachtungen in Hinblick auf die soziale Bedeutung von Männlichkeit und Weiblichkeit gezogen werden, mögen verschieden ausfallen, dennoch laufen sie alle offenbar auf denselben unwandelbaren Gemeinplatz hinaus: Es gibt zwei gegensätzliche Geschlechter.

Fragten wir jedoch Galen von Pergamon, jenen römischen Arzt aus dem zweiten Jahrhundert unserer Zeit, dessen Ansichten fast zwei Jahrtausende lang das medizinische Denken in Europa beherrschten, welche Schlüsse aus jenen Tatsachen für den Geschlechtsunterschied zu ziehen seien, würde seine Antwort uns moderne Zuhörer sicher verblüffen.

Der Unterschied zwischen Penis und Vagina, so lehrte Galen seine Schüler, sei rein topologischer Art. Wenn man nämlich den Penis, ja das gesamte männliche Geschlechtsorgan nach innen stülpe wie einen umgedrehten Handschuh, dann verwandelten sie sich in weibliche Genitalien: Der Penis werde zur Vagina, der Hodensack zur Gebärmutter und die Hoden zu Eierstöcken. (Noch bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein sprachen die Ärzte im Englischen von männlichen und weiblichen Hoden, beziehungsweise von Testikeln.) Wie Galen seinen Schülern erklärte, kann man jedoch genausogut mit der Frau anfangen: Man stülpe Vagina und Uterus nach aussen, und schon erhalte man Penis und Skrotum. Es komme dabei nichts hinzu und gehe nichts verloren.

Als die Ärzte der Renaissance damit begannen, die Anatomie des menschlichen Körpers etwas eingehender zu studieren, bemerkten sie genau diese Entsprechung von Innen und Aussen. In Andreas Vesals grossartigem Buch «De Humani Corporis Fabrica», dem Ursprungstext der modernen Anatomie, sieht die Abbildung von Vagina und Uterus haargenau so aus wie die von Penis und Hodensack. Auch Leonardo da Vincis Zeichnungen der männlichen und weiblichen Anatomie und alle darauf folgenden Anatomiebücher veranschaulichen bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein diese Gleichsetzung der beiden Geschlechtsteile.

Physiologisch galt die Frau als eine «kühlere» Variante der Mannes, keineswegs jedoch als sein Gegensatz. Daraus erklärte man sich übrigens auch, weshalb Frauen einen Monatsfluss hatten und Männer nicht - wobei die Frauen übrigens seltener menstruierten als heute, weil die Geschlechtsreife später einsetzte und weil Schwangerschaften und Stillzeiten die Regel öfter unterbrachen. Die «heissere» Hälfte der Menschheit verbrannte nämlich das überschüssige Blut im Körper. Schon in der Antike hatte man beobachtet, dass tanzende Mädchen und sehr fette Frauen keine Regel hatten, Erstere weil sie den Blutüberschuss durch Körperbewegung verbrannten, Letztere weil sie ihn zu Fett umwandelten und im Körper zurückhielten.

Umgekehrt litten Männer, die sehr viel sassen und deren Bewegungsmangel zu einem Blutstau führte, häufig an Hämorrhoiden - also an einem der weiblichen Menstruation vergleichbaren Blutfluss -, während männliche Jugendliche auf Grund ihrer vielfältigen Exzesse zu Nasenbluten neigten. Kurzum, die Körperflüssigkeiten waren bei beiden Geschlechtern austauschbar und leicht ineinander zu verwandeln: Blut wurde zu Milch, Samen war eine Form von veredeltem Blut, wobei der männliche Samen noch etwas stärker raffiniert worden war als der weibliche, und eine Menstruation war im Prinzip dasselbe wie ein heilender Aderlass.

Auch der Orgasmus war sowohl für Männer wie für Frauen ein von beiden Geschlechtern geteiltes Gefühl und Symbol. Man stellte sich vor, dass der Körper sich während des Beischlafs erhitze und dann zum Höhepunkt in einem Ausbruch von Leidenschaft das kostbarste Erzeugnis des Blutes preisgab, um daraus neues Leben zu schaffen. Gewiss, der männliche Orgasmus war hitziger und schneller, der weibliche langsamer und gemächlicher, aber das bestätigte lediglich, was ohnehin jeder wusste: Der grösseren Körperhitze der Männer stand eine gemässigte auf Seiten der Frauen gegenüber. Und natürlich diente der weibliche Orgasmus einem anderen Zweck. Er war gleichsam der natürliche Anreiz, ohne den die Frauen sich nicht auf jenen Prozess einliessen, der beträchtliche Strapazen und Gefahren versprach. Aber niemand wäre - wie in späteren Zeiten - auf den Gedanken verfallen, die Geschlechter durch eine grundsätzliche Verschiedenheit in der sexuellen Genussfähigkeit oder der physiologischen Bedeutung des Orgasmus zu charakterisieren.

Kurzum, wo wir heutzutage einen mehr oder weniger unversöhnlichen Geschlechtergegensatz wähnen, der sich an zahllosen Indizien verrät, sahen unsere Vorfahren von der klassischen Antike bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein nur ein einziges Geschlecht in zwei unterschiedlichen Ausformungen: einer vollkommeneren und einer weniger vollkommenen, einer «heisseren» und einer «kälteren», einer männlichen und einer weiblichen.

Dazwischen lagen alle möglichen Schattierungen: Mannweiber und feminine Männer, alte Männer, die zusehends verweiblichten, und alte Frauen, die immer männlicher wurden. Die Grundlagen des Geschlechtsunterschieds lagen nicht im Körper, sondern in der gestuften Ordnung des Universums. Die «Eingeschlechtlichkeit» in ihren verschiedenen Ausprägungen spiegelte lediglich diese metaphysische Wirklichkeit wieder. Wenn es auch Gegensätze gab, so doch nicht in unserem Sinn eines Geschlechtergegensatzes, der in einer gegensätzlichen Körperausstattung gründet.

Im achtzehnten Jahrhundert jedoch begann sich diese Auffassung zu ändern. Die Abbildungen der weiblichen Fortpflanzungsorgane wiesen immer weniger Ähnlichkeit mit ihren männlichen Pendants auf. Männer - und in geringerem Masse auch Frauen - fingen an, ihre Körper als Vertreter zweier entgegengesetzter Geschlechter zu interpretieren. Der weibliche Orgasmus und überhaupt das weibliche Geniessen, ehedem ganz selbstverständlich als ein Bestandteil der Ordnung der Dinge vorausgesetzt, wurden plötzlich in Frage gestellt. Womöglich, begannen einige Männer zu mutmassen, kamen sie bei «normalen» Frauen überhaupt nicht vor. Auch die Menstruation wurde nun als eine ausschliesslich weibliche Körperfunktion begriffen, am ehesten der Brunst bei den Tieren vergleichbar (eine Analogie, die niemals zuvor gezogen worden war). Sie wurde damit unversehens zu einem geschlechtsspezifischen Mangel, der Frauen von jeder höheren Bildung und allen ernstzunehmenden öffentlichen Ämtern ausschloss.

Das Ein-Geschlecht-Modell des kleinen Unterschieds war zu dem uns geläufigen Gegensatz zwischen zwei Geschlechtern geworden. Als Erklärung für diesen Wandel bietet sich natürlich am ehesten der Erkenntnisfortschritt an: Die Wissenschaft hat eben herausgefunden, dass es zwei Geschlechter gibt. Aber ganz so leicht dürfen wir es uns nicht machen. Zunächst einmal sind die sichtbaren Geschlechtsunterschiede ja so offenkundig, dass es dazu keiner neuen anatomischen Erkenntnisse bedurfte. Natürlich wussten schon die alten Griechen, dass die Kinder aus der Gebärmutter und nicht aus dem Hodensack kamen und dass der Penis aussen am Körper hing, während sich die Scheide nach innen wölbte.

Wenn sie diese Merkmale als Umkehrung des je anderen deuteten statt als Zeichen eines Gegensatzes, dann nicht, weil es ihnen an irgendwelchen obskuren Einsichten gebrach, die wir uns inzwischen zu eigen gemacht haben. Ausserdem stammt ein Grossteil unserer heutigen Erkenntnisse über die Biologie der Fortpflanzung aus der Wissenschaft des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts und datiert damit über hundert Jahre später als der Wechsel vom Ein-Geschlecht- zum Zwei-Geschlechter-Modell.

Die Vorstellung, dass der weibliche Orgasmus für die Empfängnis notwendig sei, wurde aufgegeben, lange bevor die Wissenschaft den spontanen Eisprung beim Menschen entdeckte. Bei anderen Säugern - wie beispielsweise den Kaninchen - wird die Ovulation für gewöhnlich durch den Koitus ausgelöst, und so wurde die Tatsache, dass der Eisprung beim Menschen - unabhängig vom Koitus - in der Mitte des Menstruationszyklus stattfindet, erst in den späten 1920er Jahren entdeckt.

Während des gesamten neunzehnten Jahrhunderts hatten die Mediziner die sicheren Tage falsch berechnet: In der Überzeugung, dass die Menstruation einer Art Brunst entspreche, erklärten sie die Tage unmittelbar nach der Blutung für die fruchtbarsten. Auch die modernen Vorstellungen über den Geschlechtsunterschied stehen nur in einem sehr lockeren Bezug zu unseren tatsächlichen Erkenntnissen über den männlichen und den weiblichen Körper.

Weshalb also hat die Vorstellung vom «einen Geschlecht» dem Zwei-Geschlechter-Modell weichen müssen? Der erste Grund ist gleichsam philosophischer Natur. Die Idee einer kosmischen Ordnung und die christliche Religion verloren zunehmend an Autorität zugunsten der «Natur». Die Geschlechterhierarchie in der sozialen Ordnung konnte nicht mehr auf den grossen metaphysischen Seinszusammenhang zurückgeführt, sondern musste in der Natur des Körpers begründet werden. Unterschiede, die ehedem als vernachlässigbare körperliche Abstufungen angesehen worden waren, wurden nun zu entscheidenden qualitativen Differenzen. Die Biologie lieferte die Grundlagen für die moderne Vorstellung vom Geschlecht und ersetzte die Metaphysik als letzte Instanz, um über alle Fragen zu Wesen und Möglichkeiten von Frauen und Männern zu urteilen.

Der zweite Grund - oder vielmehr der zweite Komplex von Gründen - wäre eher politisch zu nennen. Während die Aufklärung die erkenntnistheoretischen Grundlagen für das Ein-Geschlecht-Modell zerstörte, förderten die durch die Französische Revolution geschaffenen Möglichkeiten indirekt auch die Entwicklung der Zwei-Geschlechter-Theorie. Denn wenn alle Menschen gleich waren, warum dann nicht auch die Frauen? Und wenn alle oder die meisten Menschen am politischen Prozess teilhaben sollten, warum nicht auch die Frauen? Da kam ein körperlich begründeter Geschlechtsunterschied gerade recht, um die männliche Vorherrschaft aufrechtzuerhalten. Der weibliche Körper war keine minderwertige Variante des männlichen Körpers - ein Hinweis auf seinen niedrigeren kosmischen Status -, sondern vielmehr sein komplementärer Gegensatz. Die gesellschaftlichen Rollenunterschiede erwiesen sich so als natürliche Folge der Biologie.

Aber auch einige zeitgenössische, sogenannt differenztheoretische Feministinnen haben sich dieser Denkungsart angeschlossen. Ganz richtig, argumentieren sie, der weibliche Körper werde nicht im selben Masse von Trieben beherrscht und von Orgasmen geschüttelt wie der männliche, und genau deshalb seien Frauen auch viel besser geeignet, moralisch und selbstlos zu handeln. Frauen seien nicht einfach nur eine Spielart des Mannes, die unter männliche Vormundschaft gestellt werden kann, sondern so radikal von den Männern verschieden, dass sie schon allein deswegen völlig unabhängig von den Männern repräsentiert werden müssten.

Wie unter den vielfältigen historischen Umständen zwei gegensätzliche Geschlechter entstanden, ist eine lange und komplizierte Geschichte. Aber entscheidend dabei ist, dass es sich um ein Stück Kulturgeschichte und nicht Artgeschichte oder biologischer Geschichte handelt. Im Übrigen ist das Ein-Geschlecht-Modell noch längst nicht tot, wenngleich seine Herleitung aus dem kosmischen Seinszusammenhang heute nicht mehr ganz so attraktiv erscheint. Die Queer Theory und alle möglichen anderen sexuellen Befreiungsbewegungen pochen darauf, dass der Geschlechtsunterschied aus einer kulturellen Praxis resultiert und dass die vermeintlich biologischen Tatsachen einen beträchtlichen Interpretationsraum lassen. Während auf der anderen Seite die Suche immer tiefer in die Genetik hineinführt, von der man sich eine absolute und unhintergehbare Grundlage für die zwei Geschlechter erhofft.

Aber die Geschichtsschreibung lehrt, dass die je aktuelle Betrachtungsweise unserer - männlichen und weiblichen - Körper weit weniger von unserem Wissensstand abhängt als davon, welcher soziale und politische Nutzen sich aus diesem Wissen ziehen lässt.

Thomas Laqueur ist Professor für Geschichte an der University of California in Berkeley. Sein Buch «Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud» ist 1996 bei dtv München erschienen.


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