NZZ Folio 01/05 - Thema: Bomben   Inhaltsverzeichnis

Du sollst verstümmeln

Minen kennen keinen Waffenstillstand. Sie verbreiten ihren Schrecken auch dann noch, wenn man längst nicht mehr weiss, wer sie gelegt hat und warum.

Von Oswald Iten

Auf dem Bett am Eingang der Krankenhalle des Spitals von Kampot sitzt ein Mädchen, dessen Blick mir unvergesslich bleibt; stechender Schmerz und zugleich Hoffnung sprechen aus seinen Augen, als es den eingeschienten Arm hebt, um meine Hand zu berühren. Sein linkes Bein wird von einem verschraubten Gestänge zusammengehalten, das ein Chirurg des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz eingesetzt hat. Vielleicht bleibt der 14-jährigen Von Naeon wenigstens das linke Bein erhalten, nachdem das rechte von einer Minenexplosion weggerissen worden ist. Wird Von Naeon je ein normales Leben führen können? Oder wird auch sie zum Betteln verdammt sein, wie so viele Invalide, die, von der Gesellschaft geschmäht, auf der Strasse landen?

Diese Zeilen entstammen meinem Kambodscha-Notizbuch vom 13. August 1991. Der Krieg in Kambodscha kam zwar bald danach zu einem Ende, aber «Minen kennen keinen Waffenstillstand», sagte damals der Chefdelegierte des IKRK in Phnom Penh, Jean-Jacques Frésard. Seither sind in Kambodscha Zehntausende durch Minen getötet oder verstümmelt worden. Wem gebührt die Schuld? Alle haben diese heimtückische Waffe eingesetzt, die Regierungstruppen, die mordlustigen Roten Khmer, die konservativen Guerrilleros von Son Sann und die des Prinzen Sihanouk. Unterstützung erhielten sie dabei von allen Seiten, von den Chinesen, den Vietnamesen, den Sowjets, von Waffenhändlern in Belgien ebenso wie von Ausbildern der britischen Elitetruppe SAS.

Den Feind zu töten, ist den Minenlegern zu trivial. Ihn grausam zu verletzen, fügt mehr Schaden zu. Noch immer werden jeden Tag drei Menschen von einigen der sieben Millionen weiterhin im Boden Kambodschas schlummernden Sprengkörper zerrissen, und niemand mehr erinnert sich, wer sie gelegt hat, ob Feind oder Freund – Begriffe, die in einem pervers geführten Krieg bedeutungslos geworden sind.

Wer je von «humaner Kriegsführung» gesprochen hat, macht sich angesichts von Minenopfern über die Bedeutung des Begriffes «menschlich» in dieser Wortkombination keine Illusionen mehr. Minen sind Ausgeburten menschlicher Intelligenz, Ingenieure haben in den Labors immer billigere und gemeinere Sprengkörper entwickelt; etwa Minen, die nicht explodieren, wenn man darauftritt, sondern erst, wenn man den Fuss wieder hebt, weil dann nicht bloss die Beine, sondern auch die Geschlechtsteile und Eingeweide verstümmelt werden.

Einen Konstrukteur oder Fabrikanten von Minen um ein Interview zu bitten, ist vergebene Mühe; denn niemand will sich zu solchem Tun und einer implizierten Mittäterschaft bekennen. Der weissbärtige Freiburger Michel Diot, Mitbegründer der Fondation Suisse de Déminage (FSD) und Ideenlieferant für einen Schweizer Roboter für die Minenräumung, wundert sich nicht. «Der Lokomotivführer des Zuges nach Auschwitz tat auch nur seine Pflicht. Die Firma von Herrn Blocher fabriziert Zünder für Airbags und exportiert sie nach Singapur. Singapur stellt keine Airbags her. Es sind dieselben Zünder wie für Minen.» Nein, nein, eine Absicht lasse sich selbstverständlich nicht nachweisen, schiebt Diot nach.

Die Ems-Chemie Holding legt Wert darauf, dass Christoph Blocher seit dem 30. Dezember 2003 nicht mehr an ihr beteiligt ist. «Es stimmt, dass einer unserer Unternehmensbereiche Airbag-Anzünder herstellt und weltweit vertreibt. Allerdings sind diese Anzünder ungeeignet zur Herstellung von Minen.» Und Singapur gehöre nicht zu den Absatzmärkten. – Auf der Homepage von Ems-Patvag wird auf wehrtechnische Anwendungen der Anzünder ausdrück lich hingewiesen.

Seit Michel Diot in Bosnien einen von einer Splittermine verwundeten Mann aufgehoben und das aus seinem Unterleib triefende warme Blut gespürt hat, kämpft der ehemalige IKRK-Delegierte gegen Minen. In seinem Haus in Matran öffnet er einen grossen Koffer. Er entnimmt ihm einen aschenbechergrossen Plasticgegenstand. «Das ist eine rumänische Personenmine, wie sie ursprünglich von Fiat konstruiert und dann weit verbreitet wurde. Sie kostet ein paar Dollar», kommentiert Diot das makabre Ding. Dann klaubt er einen espressotassengrossen Zylinder hervor, der von vielen kleinen Stahlkügelchen ummantelt ist, die bei der Explosion in alle Richtungen fliegen, mit verheerender Wirkung innerhalb von 50 Metern.

In Diots Sammlung fällt ein unförmiger Gegenstand aus tarnfarbenem Plastic auf, der zwei ungleiche Flügel hat. «Von der Artillerie verschossen oder aus dem Flugzeug geworfen, flattert diese Mine langsam zu Boden wie ein Ahornsamen.» Es ist eine der gefürchteten Schmetterlingsminen. Besonders Kinder heben sie gern auf; die wenigen Gramm Sprengstoff entfalten in ihren Händen und im eine grausame Wirkung. Ins Reich der Legenden verweist der Experte jedoch Minen, die als Puppen oder Spielzeuge getarnt speziell auf Kinder anziehend wirken sollen; niemals sei ihm eine solche Konstruktion begegnet.

Diot zeigt auf Sprengkörper, die nicht als Minen klassifiziert sind und weltweit von Armeen weiterverwendet werden, wie die Handgranate in seinem Koffer. «Verbunden mit einem Stolperdraht, wird sie wie eine Personenmine eingesetzt.» Ein wasserglasgrosser Zylinder aus gelbem Metall ist Teil einer Streubombe. «Bis zu 30 Prozent solcher Bomblets, die in Cluster Bombs enthalten sind, explodieren nicht», erklärt Diot in der Sprache eines Experten. Die Blindgängerrate der von der Nato in Bosnien und Serbien abgeworfenen Streubomben sei so hoch, weil sie zu Zeiten des Vietnamkriegs produziert worden seien und nun jenseits des Verfalldatums quasi entsorgt würden. In Afghanistan warfen die USA Lebensmittelpakete ab, die mit Plastic von derselben gelben Farbe umhüllt waren.

Welches ist die grausamste Mine, die Diot kennt? «Jede, die nicht tötet», antwortet er lapidar. Auf einen Toten kommen zwei Verletzte, jedes vierte Opfer ist ein Kind.

Auch Jean-Daniel Broillet hebt die Folgen von Verletzungen nach Minenexplosionen hervor. Als Fabrikant von Prothesen beschäftigt ihn am meisten, dass «die psychischen Folgen für die Minenopfer viel grösser sind als die physischen. Denn mit einer Prothese ist man kein ganzer Mensch mehr.»

Broillet ist Besitzer von CR Equipements, einer unscheinbaren Fabrik beim Bahnhof Coppet, die allerdings eine weltweit in jeder Hinsicht einzigartige Manufaktur ist. Sie darf keinen Gewinn erzielen, muss zu straff kalkulierten Selbstkosten liefern. Sie ist sozusagen ein exotisches Beispiel für die umgekehrte Globalisierung, ein Betrieb in der Schweiz, der gratis an die «Kunden» in Entwicklungsländern abgegebene Produkte herstellt, nämlich erschwingliche und funktionelle Prothesen für das IKRK und andere Nichtregierungsorganisationen. «Neulich ist ein Besucher unserer Fabrik beim Anblick der Körperteile in Ohnmacht gefallen», erzählt Broillet bei der Präsentation eines Stapels von Füssen, die in verschiedenen Grössen und in den Farben beige, oliv und braun geliefert werden, je nach Hautfarbe der Opfer, für die sie bestimmt sind. In die Form einer Spritzgussmaschine hat einer der zwanzig Angestellten harte Polypropylen-Skelette von Füssen eingesetzt, die nun mit weichem Polyurethan überzogen werden und ein körperähnliches Aussehen erhalten.

Mit den Kriegen in Kambodscha, Afghanistan, Angola, Moçambique und Bosnien erlebte das IKRK die exponentielle Ausbreitung der Personenminen, die humanitäre Institution begann von einer Minenepidemie zu sprechen. Anfänglich wurden überall in den minenverseuchten Ländern aus irgendwelchen Materialien Prothesen gebastelt, von denen manche nicht einmal die Bezeichnung Holzbein verdienten. Die Epidemie nahm solche Ausmasse an, dass sich die Orthopäden des IKRK an die Konstruktion von halbwegs menschenwürdigem Ersatz für Arme, Hände und Beine machten.

Der Katalog von Broillets Erzeugnissen ist ein Ersatz teillagersortiment menschlicher Gliedmassen. Teile für etwa 30 000 Prothesen verlassen Coppet jedes Jahr in alle Welt, wo sie zusammengesetzt und den Patienten angepasst werden. Der Bedarf steigt, weil das IKRK dazu übergegangen ist, den Minenopfern nicht nur die erste Prothese anzupassen, sondern die Patienten bis an ihr Lebensende mit Ersatzgliedern zu versorgen. Ein Mädchen wie Von Naeon in Kambodscha, sagt Jean-Daniel Broillet, braucht bis zum 18. Altersjahr alle neun Monate ein neues Bein, danach etwa alle zwei Jahre, bis zum Tod. Das IKRK hat bisher weltweit 250 000 Prothesen ausgeliefert und betreibt 87 orthopädische Zentren in 36 Ländern.

Eine Beinprothese kostet ab Fabrik in Coppet zwischen 50 und 200 Franken, je nach Amputationsstelle, jedenfalls einen Bruchteil der Spitzenerzeugnisse der orthopädischen Industrie, die zuweilen Minimotoren und Sensoren einbaut sowie Verbundfasern und Kevlar verwendet. Qualität und Liefersicherheit waren Anforderungen, die das IKRK bewogen, den Mechanikermeister Broillet mit dem Bau einer zentralen Prothesenfabrik in der Schweiz zu beauftragen. CR Equipements ist ein vom IKRK ausgelagerter Satellitenbetrieb, finanziell vom Genfer Hauptsitz abhängig.

Ein Bosnier, der in Kanada als Industrieller zu Wohlstand kam, schenkte drei Millionen Franken für den Maschinenpark – «die gleichen Spritzgussapparate und Extruder, wie sie für die Minenherstellung eingesetzt werden», sagt Broillet nicht ohne Ironie. Ein Camionneur stellt seine Dienste gratis zur Verfügung, ein Unternehmer kostenlos ein Lagerhaus. An der ETH Lausanne werden Materialtests gratis durchgeführt. Die Arbeiter bei Broillet waren ausgesteuerte Arbeitslose, bevor sie in Coppet wieder eine Beschäftigung gefunden haben; viele sind ehemalige Asylbewerber. «Multifunktioneller sozialwirtschaftlicher Betrieb», liesse sich die CR Equipments etikettieren.

Jean-Daniel Broillets Betrieb ist auch ein Beispiel dafür, wie humanitäre Anliegen in der Schweiz auf offene Ohren stossen. So ist Genf zur Anti-Minen-Hauptstadt der Welt geworden. Der Ursprung liegt beim IKRK, das durch die Minenepidemie im Kern seiner Arbeit betroffen war und zu den ersten gehörte, die den Bann dieser grausamen Waffengattung forderten. Der öffentliche Druck – auch von Staaten wie Kanada, Norwegen und Südafrika und von Organisationen wie der International Campaign to Ban Landmines (ICBL), die mit ihrer Gründerin Jody Williams 1997 den Friedensnobelpreis erhielt – führte in kurzer Zeit zu einem beispiellosen Abrüstungserfolg, mit der Ächtung einer ganzen Waffenart. 1999 trat das Ottawa-Übereinkommen über das umfassende Verbot von Personenminen in Kraft. 144 Länder sind der Konvention schon beigetreten. Ihre Durchsetzung ist auch eine Art Eingeständnis, dass diese Sprengkörper von begrenztem militärischem Nutzen sind und eher als Terrorwaffen betrachtet werden müssen.

Die Schweiz ist auf den Zug aufgesprungen, nimmt nun jedoch eine führende Stellung im Kampf gegen die Personenminen ein, wie Botschafter Stephan Nellen sagt. Er ist Direktor des von der Schweiz initiierten Genfer Internationalen Zentrums für humanitäre Minenräumung (GICHD), an dessen Spitze der vormalige IKRK- Präsident Cornelio Sommaruga steht. Es hat den völkerrechtlichen Auftrag, über die Umsetzung der Ottawa-Konvention zu wachen sowie als ihr inoffizielles Sekretariat zu walten. Das GICHD versteht sich als Kompetenzzentrum in Minenfragen, stellt Experten zur Verfügung und macht angewandte Forschung. So hat das GICHD ein weltweit eingesetztes Softwarepaket entwickelt, das Minenräumungen effizienter macht. Unter den vielen Tätigkeiten des GICHD gibt es so skurrile wie die Ausbildung von Riesenratten, die in Moçambique vergrabene Minen aufspüren.

Der rasche Erfolg der Ottawa-Konvention hat zu einer spürbaren Abnahme von Zwischenfällen mit Personenminen geführt und den legalen Handel mit Minen lahmgelegt. Selbst Länder, die der Konvention nicht beigetreten sind, exportieren keine Personenminen mehr. Der Ausgang der Nachfolgekonferenz in Nairobi Anfang vergangenen Dezembers hat aber gezeigt, dass weitere Fortschritte schwieriger zu erzielen sind.

Während selbst Nichtunterzeichnerstaaten wie China und Ägypten Beobachter nach Nairobi entsandt hatten, gab es einen grossen Abwesenden: die USA. Im Februar 2004 rückten die USA gar von ihrem ursprünglichen Plan ab, bis im Jahr 2006 aus der Verwendung von Personenmi nen auszusteigen. Die Abkehr der Amerikaner vom Ottawa- Prozess kam in einer «progressiv verpackten Politik» daher, wie sich die beim IKRK für das Minenproblem zuständige Kathleen Lawand ausdrückt. Neu heisst es aus dem Pentagon: Die USA wollen spätestens ab dem Jahr 2010 nur noch Minen verwenden, die mit einem Selbstzerstörungsmechanismus versehen sind, etwa einer Batterie, nach deren Entladung der Zünder nicht mehr funktioniert.

Die humanitären Organisationen streben mittelfristig die Ächtung nicht nur der Personenminen, sondern auch der Fahrzeugminen an. Aber hier hört die Bereitschaft der meisten Armeen auf, auch die der Schweizer. Manche dieser Fahrzeugminen werden vom Tretgewicht einer Person nicht ausgelöst, wohl aber dann, wenn sie aufgehoben werden. Ebenso wenig scheinen die meisten Militärs für den Verzicht auf die Streumunition, die Cluster Bombs, bereit zu sein. So bleibt das Blindgängerproblem – im Fachjargon Unexploded Ordnance (UXO) oder Explosive Remnants of War (ERW) – weit von einer Lösung entfernt. Es ist bereits heute drückender als das der Personenminen. In Kambodscha entfallen auf Blindgängerexplosionen inzwischen 53 Prozent aller Opfer von Kriegssprengsätzen.

Oswald Iten ist Auslandredaktor der NZZ. Kürzlich hat er mit Katrin Hisslinger das Buch «Bagdad-Google. Eine Vatersuche im Irak» veröffentlicht (NZZ-Buchverlag 2004).


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