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Das Experiment -- Die Wissenschaft von Halloween
© Nancy Brown /Corbis / RDB
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| Wehe, wenn sie losgelassen: Anonymität in der Gruppe ist eine explosive Mischung. |
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Vor 30 Jahren lud der Psychologe Scott Fraser Kinder zu einer Halloween-Party ein. Als ihm die ersten Wasserballons um die Ohren flogen, betrachtete er das Experiment als geglückt.
Von Reto U. Schneider
Am 31. Oktober 1969 erschienen acht Primarschüler in New York zu einer ganz besonderen Halloween-Party. Die Kinder – alle zwischen acht und zehn Jahre alt – waren eingeladen worden, den Nachmittag mit verschiedenen Spielen zu verbringen. Kostüme brauchten sie keine mitzubringen, hatte man ihnen gesagt, die seien vorhanden. Als die Kinder eintrafen, erhielten sie als erstes grosse Namensschilder. Die erwachsenen Aufsichtspersonen sprachen sie in der Folge immer mit dem Namen an. Die Kostüme waren noch nicht da. Die seien noch nicht angekommen, log sie eine der Aufsichtspersonen an, also begannen die Kinder in Strassenkleidern mit den Spielen.
Zur Auswahl standen acht Spiele, die im Wohnzimmer und in den benachbarten Räumen eines Hauses vorbereitet worden waren: vier ruhige, wie etwa auf einem Holzsteg zu balancieren, und vier kampfbetonte, wie zum Beispiel Wasserballons ins Gesicht eines Erwachsenen zu werfen. Die Kinder waren eifrig bei der Sache, denn es gab Gutscheine zu gewinnen, die sie am Ende der Party gegen Spielsachen tauschen konnten.
Der Raum war reich dekoriert, aus einem Lautsprecher klang Musik, und farbige Glühbirnen erzeugten eine festliche Stimmung. Keinem der Kinder dürfte aufgefallen sein, dass eine der gelben Lampen exakt alle 20 Sekunden blinkte, worauf sich einige der Erwachsenen umblickten und dann etwas auf ihren Block kritzelten.
Nach einer Stunde trafen die Kostüme ein – das jedenfalls erzählte man den Kindern. In Wahrheit lagen die Ku-Klux-Klan-artigen Gewänder schon lange bereit, doch das Experiment erforderte, dass die Kinder zuerst keine Kostüme trugen.
Als alle Kinder eingekleidet waren, wusste niemand mehr, wer wer war. Nicht nur, weil sich jedes Kind einzeln in einem abgetrennten Raum umgezogen hatte, sondern auch, weil die Kostüme alle gleich aussahen: weisse Umhänge, die bis zu den Füssen reichten, mit Löchern für die Arme, und Kissenbezüge, die den Kopf bedeckten. Auch die Erwachsenen hatten sich so verkleidet. Die Kinder konnten nicht sehen, dass sie jetzt unter ihren Kopfbedeckungen farbige Brillen trugen, die dem Zweck dienten, die Kinder unter diesen Bedingungen immer noch zu identifizieren: Die Farbfilter erlaubten ihnen, sonst unsichtbare Nummern auf den Umhängen zu lesen.
Psychedelische Gespenster
«Sie sahen aus wie kleine psychedelische Gespenster», erinnert sich der Psychologe Scott Fraser, der die Idee für dieses Experiment hatte. Fraser arbeitete an seiner Doktorarbeit. Sein Professor Philip Zimbardo, der später mit dem Stanford-Prison-Experiment (NZZ Folio 06/2004, Volltext unter www.nzzfolio.ch) Furore machte, interessierte sich damals für die Frage, wie sich das Verhalten von Leuten ändert, wenn sie sich als anonymen Teil einer Gruppe empfinden.
Eines seiner Laborexperimente zeigte einen beängstigenden Effekt: Wenn Versuchsteilnehmerinnen durch eine Gesichtsmaske und eine übergrosse Schürze füreinander nicht mehr identifizierbar waren, dauerten die Elektroschocks, die sie einer anderen Person austeilten, doppelt so lange, wie wenn sie nicht verkleidet waren und Namensschilder trugen. Dieser Effekt wird Deindividuation genannt und führt dazu, dass Menschen in Gruppen Dinge tun, die sie als Individuen nie gutheissen würden.
Fraser fragte sich, ob sich dieser Effekt auch ausserhalb des Labors in einer natürlichen Umgebung nachweisen liesse. Dabei kam ihm die Idee mit Halloween: Die Tradition, sich beim Fest in der Nacht auf den 1. November zu verkleiden, schien ihm ideal für ein Deindividuationsexperiment. Also suchte er Forschungsassistenten, die bei der Durchführung des Experiments halfen, und Eltern, die ihre Kinder an seine Party schickten.
Obwohl Fraser eigentlich wusste, was er zu erwarten hatte, wurde er vom Verlauf des Versuchs überrascht. Als nämlich alle ihre Kostüme trugen, breitete sich auf einen Schlag eine aggressive Stimmung aus. Wenn sich die Kinder noch an den Wettbewerben beteiligten, wählten sie vermehrt die kämpferischen Spiele aus. Viele spielten auch gar nicht mehr, sondern rempelten einander an, schrien herum oder schlugen einander.
Die gelbe Lampe blinkte immer noch alle 20 Sekunden. In diesem Rhythmus notierten die Forschungsassistenten jeweils, welche Kinder sich gerade aggressiv verhielten. Aus diesen Daten wollte Fraser später herauslesen, ob die Aggression in der Gruppe durch die anonymisierende Wirkung der Kostüme zugenommen hatte. Ihre Arbeit wurde durch gezielte Würfe mit Wasserballons und Angriffe mit der Holzplanke des Balancierspiels, die die Kinder nun als Waffe benutzten, erschwert.
Wie die Phase zuvor, hätte auch diese eine Stunde dauern sollen. «Doch wir verloren völlig die Kontrolle über die Situation», sagt Fraser, «ich war nicht mehr so sehr besorgt um die Sicherheit der Kinder, sondern vielmehr um die Sicherheit meiner Forschungsassistenten.» Deshalb brach er diesen Teil des Experiments vorzeitig ab.
Unter dem Vorwand, ihre Kostüme würden noch an einer anderen Party gebraucht, mussten die Kinder sie wieder ausziehen. Dann konnten sie eine weitere Stunde um Gutscheine kämpfen. Ohne Kostüme waren die Kinder sofort wieder friedlich. Eine Zählung der errungenen Gutscheine zeigte zudem, dass sich das aggressive Verhalten nachteilig auswirkte: In der Kostümphase sammelte jedes Kind durchschnittlich 31 Gutscheine, in der Phase zuvor waren es 58, in jener danach sogar 79. Die Anonymität in der Gruppe führte die Aggression herbei, obwohl das dem Interesse des Einzelnen im Grunde widersprach, wie die geringere Zahl verdienter Gutscheine zeigt. «Die Aggression selbst bekam ihre eigene Belohnung. Andere, weiter in der Zukunft liegende Ziele wurden gegenüber dem ‹Spass am Spiel› zurückgesetzt», schrieb Philip Zimbardo später.
Nachdem Scott Fraser von New York an die University of Washington in Seattle gewechselt hatte, suchte er wieder Leute für ein Halloween-Experiment. Dieser Versuch fand nicht in einem Haus statt, wie jener in New York, sondern in 27 Häusern in Seattle gleichzeitig. In allen diesen Häusern, die ihm nach Vorgesprächen zur Verfügung gestellt worden waren, sah es im Eingangsbereich gleich aus: Auf einem Tisch standen zwei Schalen, eine mit Süssigkeiten, 60 Zentimeter davon entfernt eine andere mit Kleingeld. Wenn Kinder aus der Nachbarschaft auf dem traditionellen Gang von Tür zu Tür anklopften, wurden sie hereingebeten. Eine ihnen unbekannte Frau sagte zu ihnen: «Jedes von euch darf eine Süssigkeit nehmen. Ich muss zurück an meine Arbeit in einem anderen Raum.»
Lynchjustiz und Krawalle
Jetzt waren die Kinder allein und bedienten sich: Manche taten, wie ihnen geheissen, und nahmen nur eine Süssigkeit, andere nahmen zwei oder griffen in die Schale mit dem Kleingeld. Dass sie dabei von einem von Frasers Assistenten beobachtet wurden, der sich im Schrank versteckt hatte und durch ein kleines Guckloch blickte, bemerkten sie nicht.
Wieder zeigte sich die Wirkung der Anonymität in der Gruppe: Wenn die Frau die Kinder nach ihren Namen fragte, bevor sie den Raum verliess, stahlen 21 Prozent der Kinder, wenn die Kinder anonym blieben, 57 Prozent. Machte die Frau darüber hinaus im Voraus noch ein einzelnes Kind in der Gruppe verantwortlich, falls etwas wegkommen sollte, gab es kein Halten mehr: 80 Prozent der Kinder stahlen.
Anonymität nicht in einer Gruppe hatte eine weit geringere Wirkung: Nur 20 Prozent der Kinder, die alleine auftauchten und anonym blieben, griffen unerlaubt in eine der Schalen.
Die harmlose Übertretung in Frasers Experimenten ist ein Modell für schwerwiegende Untaten. Von der Lynchjustiz gegenüber Schwarzen im frühen 19. Jahrhundert in den USA über die Reichskristallnacht 1938 bis zu den Krawallen von rechts und links bei politischen Demonstrationen heute spielte und spielt die Anonymität in der Gruppe eine entscheidende Rolle. Dabei geht es nicht nur darum, dass die Anonymität vor Strafverfolgung schützt, vielmehr enthemmt sie Menschen derart, dass sie nicht mehr sie selbst sind. Es braucht dann nur ein paar wenige, die den ersten Schritt machen, und eine Kettenreaktion setzt ein.
Fraser und später seine Studenten führten noch viele weitere Halloween-Experimente durch. Die meisten davon waren sehr aufwendig, weil man Häuser und viele Assistenten brauchte. Einige der Versuche gelten heute als Klassiker der Psychologie. Frasers allererste Studie – die Halloween-Party in New York – gehört aus einem einfachen Grund nicht dazu: Sie wurde nie formell publiziert. Philip Zimbardo beschrieb sie zwar in seinem Lehrbuch «Psychology and Life», doch in einer Fachzeitschrift ist sie nie erschienen. «Ich hatte damals viel andere Arbeit», sagt Fraser, «oder vielleicht war es auch nur Faulheit.» Dass sie noch je erscheinen wird, ist ausgeschlossen: Bei einem Feuer sind 1996 alle Unterlagen verbrannt.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Leserbriefe:
Zu Das Experiment -- Die Wissenschaft von Halloween - NZZ-Folio Schuhe (11/07)
Vor 30 Jahren soll der Psychologe Scott Fraser sein Halloween-Experiment gemacht haben. Er stellte fest: Wenn man sich als anonymer Teil einer Gruppe empfinde, mache man Dinge, die man allein nie gutheissen würde. Als Beispiele führte er die Lynchmorde in den USA an, die Zerstörung von jüdischen Einrichtungen und die Morde durch Nazihorden in der Reichskristallnacht 1938 in Deutschland. So weit muss man jedoch nicht gehen. Schon der normale Soldat – in jeder Armee –, verkleidet in einer Uniform, macht in der Gruppe Dinge, die er allein nie tun würde, besonders wenn ein Vorgesetzter ihm dies befiehlt. Er fühlt sich dann für sein Tun nicht verantwortlich. Auch Kinder, die in der Tradition der Halloween-Geister Geld und anderes verlangen, machen oft Dinge, die sie allein und ohne Verkleidung nicht tun würden. Am Halloween-Abend läuten auch hier bei uns Kinder mit furchteinflössenden Masken an der Tür und stellen ultimativ, frech Forderungen nach Geld und Konfekt. Was soll diese Tradition aus den USA eigentlich? Soll man die Menschen wie im Mittelalter glauben machen, es gebe böse Geister, die einen überall bedrohen, die man mit Geld und Süssigkeiten zufriedenstellen muss? Es reicht eigentlich schon, wenn der Samichlaus sein Unwesen treibt. H. Frei, Zürich
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