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Natürlich glücklich
© Isabel Truniger, Zürich
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| Man sollte sich nicht jeder sozialen Messung unterordnen, das sind Moden: Katrin Schmid-Zurschmiede und Fredi Schmid. |
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Würden auf der Welt alle haushalten wie die Durchschnittsschweizer, müsste es 2,6 Erden geben. Würden alle haushalten wie die Familie Schmid, genügten 1,6. Zu Besuch in einem umweltbewussten Haushalt.
Von Ursula von Arx
Pascal Schmid, 13, will nicht aufs Foto. Er will nicht, dass in der Schule alle wissen, dass sie eine Komposttoilette haben. Nimmt er einen Freund nach Hause, ist er froh, wenn dieser nicht aufs WC muss. Denn sonst muss er erklären: Alle, auch die Buben, müssen sitzen. Das kleine Geschäft kommt in den vorderen Teil der Schüssel, das grosse nach hinten. Nach dem kleinen bitte ein Becherchen Wasser nachgiessen, nach dem grossen etwas von diesen Hobelspänen streuen. Ausserdem sieht das Ding blöd aus, sagt Pascal.
Ästhetisch kein Prunkstück, sagt auch die Mutter, Katrin Schmid-Zurschmiede, 37. Der Vater, Fredi Schmid, 39, stimmt zu. Aber, sagt er. Die Tasse, aus der «Baraza» aufsteigt, Kaffeeduft aus dem Drittweltladen Claro, schiebt er beiseite und steht auf. Während er die Tür zur Toilette öffnet, sagt er: Wir erwarten von unseren Gästen, dass sie Nasenklämmerchen mitbringen. Wie bitte? Aber nein, das war nur ein Witzchen. Aha. Tatsächlich: Der Abzug funktioniert perfekt. Auch feine Nasen werden keine strapazierenden Erfahrungen machen. Schmids Kompostkasten strahlt harte Sauberkeit aus und ist wenig phantasietreibend.
Aber, sagt Fredi Schmid. Diese Toilette ist trotzdem ein Wunder, ein Wunder für die Natur. Mit einem Kompost-WC, sagt er, können wir der Natur zurückgeben, was wir ihr genommen haben. Alle zehn Tage ist das Mass voll, und Katrin Schmid macht einen Gang in den Garten. Mit dem Eigenprodukt im Wortsinn düngt sie im Sommer die Balkonpflanzen. Überall Komposttoiletten, und Kunstdünger wäre überflüssig, sagt sie. Ja, sagt er, für uns ist unser Abfall kein Abfall, sondern Rohstoff. Auch das Wasser wird pietätvoll behandelt: Während eine übliche Toilette mit sechs bis neun Litern Trinkwasser spült, kommt eine Komposttoilette fast ohne aus. Das Bewusstsein, dass sauberes Wasser ein kostbares Gut ist, ist bei uns leider nicht verbreitet, sagt Schmid. Er sagt auch: Dass die Komposttoilette jetzt so ins Zentrum gestellt wird, habe ich mir schon gedacht, darüber kann man sich schön lustig machen.
Bitte, nein! Schmid ist nicht der Typ, der sein Leben lang in handgefertigten Sandalen einem Regenbogen nachläuft. Zu ihm sprechen eher Zahlen. Ihm liegt die Umwelt am Herzen, weil er rechnet. Ressourcen sind begrenzt, Menschen zerstören viel. Meere, Luft, Wälder, Böden. Würden auf der Welt alle so leben wie die Durchschnittsschweizer, brauchte es 2,6 Erden. Würden alle so leben wie er und seine Familie, brauchte es 1,6. Na also und immerhin.
Aber es ist nicht so, dass Fredi Schmid aus seinen guten Taten eine Predigt macht. Ich bin kein Öko-Fundi, sagt er. Er möchte nur möglichst ohne Widersprüche leben. Er, der heute zu 90 Prozent als Informatiker arbeitet, hat früher Vorträge über Klimaerwärmung bei Greenpeace gehalten und wohnte in einer bezüglich Energiehaushalt miesen Altbauwohnung. Während fünf Jahren gab er seine ganze freie Zeit her, um ideale Rahmenbedingungen für ein Wohnen im Einklang mit der Natur zu schaffen. Er suchte das geeignete Stück Land und führte zahllose Gespräche mit zahllosen Minergiespezialisten. Seine musikalische Frau («Mein Klavier ist mein Luxus»), mit feinem Gehör auch für den harmonischen Familienklang, unterstützte ihn.
Und sie haben es geschafft: Seit 1997 wohnt Familie Schmid genossenschaftlich und mit neun anderen Parteien im äusserst ökologischen und kostengünstigen Haus Focus in Uster. Wobei «äusserst ökologisch» heisst: drei- bis viermal weniger Energie verbrauchen als ein durchschnittlicher Neubau, ein- bis zweimal weniger Wasser. «Kostengünstig» heisst: ihre 5 1 / 2 -Zimmer-Wohnung mit 120 m2 kostet 550 000 Franken. Und jetzt bekommt Schmid doch ein messianisches Leuchten in den Augen, wenn er von der Umluftanlage spricht, von den Mauern aus Bauschutt, von den Bio-Farben im Innern.
Dann das Prinzip Thermoskanne, das erfordert einen kleinen Vortrag. Also: Das Haus ist kompakt gebaut, keine vorstehenden Erkerchen oder so, dazu beste Isolation, dreifach verglaste Fenster, das macht, dass zugeführte Energie nur schwer wieder wegkann. Wo es dennoch passiert, wird sie ein zweites Mal genutzt. So etwa fliesst das gebrauchte Warmwasser, warm dank Sonnenkollektoren auf dem Dach, in einen Tank im Keller, der die Wärme an den Raum abgibt, in dem die nasse Wäsche hängt. Im selben Raum: die von allen im Haus genutzte Waschmaschine und die von allen genutzte Tiefkühltruhe, auch sie gibt Wärme ab. Das ist der Kreislauf, der den Tumbler überflüssig macht.
Wir steigen die Treppen wieder hoch, vier Stockwerke. Auch ohne Augen wüsste man, dass die Schuhgarderobe aller sich im Treppenhaus befindet. Und auch sonst sind die Bewohner hinter den Türen präsent: da zwei Ministühle, Crêpeblumen, Familienfotos, dort ein Holzpferd, Rollschuhe, Kinderkinderwagen, der böse Wolf auf Papier.
Man hat sich wieder an den Esstisch gesetzt. Kerzenlicht bringt Stimmung. Der zweite Sohn, Stephan, 11, kommt vorbei, schon wieder weg, mit ihm ein paar Cookies. Sind die selbstgebacken? Aus Biomehl und so? Nein, nein, die sind von Coop, sagt Katrin Schmid. Aber selbstverständlich kauft sie bewusst ein. Wenn immer möglich Fair Trade, Reformhaus und Bio, doch ein unbändiger Wunsch und Griff nach Tiefkühlpizza ist nicht etwas, was den Schlaf raubt.
Auch dass ihre Kinder wie alle Kinder McDonald’s lieben, nimmt sie hin. McDonald’s ist immerhin rauch- und alkoholfrei. Der viele McDonald’s-Abfall hingegen wird zu Hause thematisiert. Sie selbst geht mit gutem Beispiel voran: Dass in ihrem Haushalt Pet, Altglas, Altpapier, Aluminium gesammelt werden, ist Standard, über den sie nicht diskutiert. Man kann Kindern Werte vermitteln, sagt Katrin Schmid, aber man sollte sie nicht nach seinem eigenen Wunschbild zu formen versuchen.
Ich finde es auch blöd, dass wir kein Auto haben, sagt Pascal vom Sofa her. Fast alle in der Schule hätten eines. Für den Vater ist das kein Argument. Er zählt auf: zwei Autos der Carsharing-Genossenschaft Mobility vor dem Haus, beste Anschlüsse an den öffentlichen Verkehr, das Internet. Haben Schmids einen Grosseinkauf, bestellen sie bei Coop übers Internet, da wird ab 120 Franken alles direkt und ohne Zuschlag ins Haus geliefert. Gut, sagt Pascal, das mit dem Auto geht. Aber dass wir keinen Fernseher haben, ist blöd. Dafür haben wir DVD, sagt die Mutter. Trotzdem, sagt Pascal.
Für Katrin Schmid, Kinderpflegerin, während Jahren Mitarbeiterin in einem Drittweltladen, gibt es kein Trotzdem. Sie vermisst nichts. Sie findet die Gestaltung ihres Alltags nicht umständlich. Mag sein, dass es da Dinge gibt, die anderen wie ein Brandmal erscheinen können. Kein Fernseher, kein Auto, kein Tumbler, kein Geschirrspüler, kein Lift, dafür eine Komposttoilette und Waschmaschine und Tiefkühltruhe im Keller. Aber man sollte sich nicht jeder sozialen Messung unterordnen. Das sind Moden. Heute, weiss sie, ist die Faszination der grünen Welle nicht mehr allgemein verbreitet. Ihr Lebensstil mag für manche von gestern sein. Doch sie war schon out, indem sie zu Hause blieb.
Katrin Schmid hat während zehn Jahren zu Hause gearbeitet. Sie hat die mit leicht abbaubarem Putzmittel blankgescheuerten Pfannen nie gezählt, nie die gewaschenen Windeln. Sie hat in der Hausarbeit nie «die unproduktivste, die barbarischste und mühsamste Arbeit für eine Frau» gesehen, wie Lenin es tat. Sie hat sie genossen. Sie war eine glückliche ökologische Hausfrau. Das ist sie auch heute, da sie wieder zu 30 Prozent im Spital arbeitet. Glück ist für sie Zufriedenheit. Und die teilt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern.
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