NZZ Folio 08/03 - Thema: Wir Affen   Inhaltsverzeichnis

Lindenstrasse im Urwald

Julia Ostner und Oliver Schülke beobachteten Halbaffen im Urwald von Madagaskar. Sie am Tag, er in der Nacht. Viviane Manz unterhielt sich mit ihnen über das Paarleben von Gabelstreifenmakis und Affenforschern.

Von Viviane Manz

Wie sieht der Alltag eines Affenforschers aus?

Julia Ostner: Man braucht viel Geduld, weil nicht viel passiert und man über Monate dasselbe beobachtet. Irgendwann hat man das Gefühl, man guckt eine Soap wie die «Lindenstrasse», weil man alle kennt. Da lebt man in dieser Welt drin und freut sich, wenn ein Weibchen ein Kind kriegt und man zuschauen kann, wie es aufwächst, oder man fiebert mit, wenn ein Männchen in eine andere Gruppe einwandert, und hofft, dass es zum Chef wird.

Oliver Schülke: Die Gabelstreifenmakis fressen achtzig Prozent der Zeit und laufen die ganze Nacht von einem Baum zum andern. Sie ernähren sich von Baumharzen und sind stark bedroht, weil immer mehr Wälder in Madagaskar zerstört werden. Ich sprach in mein Diktiergerät, wann sie fressen oder wer sich zu wem setzt und wie nahe sie beieinanderhocken. Manchmal, wenn sich Tiere an den Rändern ihrer Territorien trafen, gab es ein Mordsgeschrei, alle wuselten durcheinander, die Männchen kämpften, die Weibchen taxierten einander eher, und die Jungtiere waren ganz freundlich. Es war überhaupt wahnsinnig laut in der Nacht. Wenn man dazu noch eine Grille unter dem Zelt hatte oder in der Regenzeit eine Pfütze mit fünfzig Fröschen, dann zog man am besten um.

Hatten Sie auch Angst?

Oliver Schülke: Es war auf jeden Fall unheimlich. Ich fühlte mich zwar mit der Zeit sehr sicher, weil ich den Wald kannte und wusste, dass es keine gefährlichen Tiere gibt. Aber da ist diese tiefsitzende Angst vor dem Dunkel und dem Alleinsein. Einmal waren wir nachts zusammen unterwegs. Es war zur Paarungszeit der Schleichkatzen, aber das wussten wir damals nicht. Da hörten wir wilde Rufe, komische, unheimliche Laute. Wir sind nur noch aus dem Wald gerannt.

Gab es Momente, in denen Sie die Beobachterposition am liebsten aufgeben und eingreifen wollten?

Oliver Schülke: Ich sah einmal, wie ein Greifvogel durch einen Spalt im Baumstamm einen lebenden Halbaffen stückweise auffrass. Es war schlimm zuzuschauen. Zuerst schrie der Lemur noch, irgendwann wurde es still. Aber das ist halt der Lauf der Dinge, wir dürfen nicht eingreifen. Es war auch ein faszinierender Moment, so bekommt man wichtige Informationen über eine Art.

Julia Ostner: Einmal beobachtete ich meine Rotstirnmakis und zwei weitere Gruppen, als plötzlich alles ganz hektisch wurde und alle Tiere verschwanden. Eine Schleichkatze muss sie aufgescheucht haben. Nur ein Jungtier blieb allein am Boden zurück und schrie leise. Ich sass den ganzen Tag und Abend lang da und wartete, aber es kam leider niemand zurück. Das war eine ganz schwierige Situation für mich. Andererseits war es für mich als Verhaltensforscherin auch spannend herauszufinden, ob seine Gruppe zurückkommen oder gar meine Gruppe einspringen würde. Der kleine Rotstirnmaki ist dann gestorben.

Dachten Sie nie: Es reicht, wir gehen nach Hause?

Julia Ostner: Während der Regenzeit war es schon hart. Aber da hätten wir gar nicht weggekonnt, weil wir von der Aussenwelt abgeschnitten waren. Die Kleider fingen langsam an zu schimmeln. Doch es war auch schön, wir konnten nicht arbeiten, weil alles überschwemmt war. Da sassen wir auf unseren Plattformen und haben geredet und Tee getrunken.

Oliver Schülke: Es war auch idyllisch. Und wenn man zu zweit ist, ist es viel einfacher. Aber die Freunde fehlen einem halt, man verpasst viel in eineinhalb Jahren. Wir waren von 1999 bis 2000 im Kirindy-Wald, ohne Telefon. Die Station wird vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen geführt. Sie besteht aus einer freigeschlagenen Fläche im Wald mit ein paar überdachten Plattformen, wo wir unser Zelt draufstellen konnten, und einer Hütte für die Geräte.

Julia Ostner: Innerhalb des Camps war man völlig aufeinander angewiesen. Wenn es Konflikte mit anderen Forschern gab, musste man sie halt austragen. Es war wie «Big Brother», genau so.

Braucht man als Affenforscher einen Partner, der mit in den Urwald kommt?

Oliver Schülke: Es ist sehr schwierig, wenn der eine etwas anderes macht. Es gibt viele Affenforscherpaare, und oft lernt man sich bei der Arbeit kennen. Meistens werden die Männer irgendwann Professoren und die Frauen Hausfrauen. Wir versuchen jetzt, es anders zu machen. Seit Carlottas Geburt Anfang 2002 kümmern wir uns abwechslungsweise um unsere Tochter.

Gibt es im Busch noch so etwas wie ein Privatleben, wenn der eine nachtaktive Tiere beobachtet, die andere tagaktive?

Oliver Schülke: Unsere Tagesabläufe passten ganz schlecht zusammen, wir haben uns kaum gesehen.

Julia Ostner: Ich stand auf, wenn Oliver noch schlief, und wenn ich abends vom Beobachten zurück ins Camp kam, war er schon wieder weg.

Oliver Schülke: Ich musste halt vor der Baumhöhle stehen, wenn der Gabelstreifenmaki aufstand, und kam erst gegen drei Uhr nachts zurück. Manchmal haben wir einander noch unterwegs auf dem Fahrrad getroffen.

Wieso haben Sie überhaupt Halbaffen beobachtet und nicht uns näher verwandte Menschenaffen?

Oliver Schülke: Die Menschenaffenforscher finden ja, wir seien gar keine richtigen Affenforscher, weil Lemuren verwandtschaftlich so weit weg vom Menschen sind.

Julia Ostner: Madagaskars Lemuren sind wahrscheinlich noch nahe an dem Ursprungsprimaten, weil sich die Insel vor über 60 Millionen Jahren vom Kontinent löste. Die Lemuren haben sich dort ohne den Einfluss anderer Primaten entwickelt. Bei ihnen zeigt sich vielleicht das ganz frühe Primatenerbe.

Oliver Schülke: Die Gabelstreifenmakis waren die letzte unerforschte Lemurenart im Kirindy-Wald. Um ihrer Lebensweise auf die Schliche zu kommen, musste ich die nachtaktiven Tiere fangen und mit Sendern ausrüsten. Dazu habe ich frühmorgens einen Gabelstreifenmaki aufgespürt. Das ist leicht, die schreien ganz laut, bevor sie schlafen gehen. Wir haben ihn dann verfolgt bis zu seinem Schlafbaum, und mein madagassischer Helfer ist hochgeklettert und hat eine Falle vor die Höhle gebaut. Gabelstreifenmakis leben in lockeren Paaren. Sie teilen sich ein Revier, wahren aber immer etwa hundert Meter Abstand und schlafen nur ab und zu in der gleichen Baumhöhle. Wenn sie sich mal treffen, dann hauen sie sich meistens. Die Weibchen gehen auch fremd und paaren sich mit den Männchen aus den Nachbarrevieren.

Julia Ostner: Die Zweierbeziehung interessiert Menschen immer sehr, doch die ist bei Primaten gar nicht so häufig.

Warum leben denn die Gabelstreifenmakis in Paaren, obwohl das die meisten anderen Primaten nicht tun?

Oliver Schülke: Dafür habe ich keine biologische Erklärung gefunden. Und das stört mich natürlich. Ich weiss auch nicht, wie die beiden Partner einander auswählen. Doch sie bleiben jahrelang zusammen, ich habe keine Scheidung miterlebt. Das heisst, man muss sich seinen Partner gut aussuchen.

Julia Ostner: Mich beschäftigt immer wieder, warum der Mensch so ist, wie er ist. Wo sind die biologischen Wurzeln unseres Verhaltens? Wir wollen das Tierhafte im Menschen finden. Manchmal beobachte ich Carlotta und denke, jetzt verhält sie sich wie ein kleiner Affe. Ich weiss nicht, ob das an meinem Beruf liegt, dass ich mein Kind so viel beobachte und alles interpretiere, oder ob das alle Mütter tun. Wenn ich zusehe, wie sie Brot ins Wasser tunkt, um an die Flüssigkeit zu kommen, dann denke ich: Dieses Verhalten stammt aus einer alten Zeit.

Oliver Schülke: Die meisten Beobachtungen an Tieren lassen sich nicht direkt auf den Menschen übertragen, aber natürlich haben viele unserer Verhaltensmuster biologische Wurzeln. Wir haben Carlotta oft am Körper getragen. So wie wir es von den Primaten kennen, brauchen Kinder viel Körperkontakt. Es ist ganz sicher nicht natürlich, Babies in die dunkle Ecke zu legen und die Tür zu schliessen. Da hätte jedes Affenkind Angst, wenn es verlassen wird und die Raubkatze kommen und es fressen kann. 




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.