Alle zwölf Minuten flattert ein Blatt von Ahorn, Lorbeer oder Ginkgo aus dem Gebäude, fliegt über die von Gittern und Zäunen zerschnittene städtische Steppe und trägt wunderliche Botschaften zu den Parlamentsgebäuden oder zum Regierungssitz: «Geburt ist Zufall», zum Beispiel. Die Botschaften stammen aus einer Maschine, erdacht von Pipilotti Rist und ausgetüftelt von Dimitri Westermann. Sie steht im Terrassenhof des Betonblocks, der mit dem städtischen Palais, an das er angebaut ist, verloren im Berliner Spreebogen ruht. Über dem trutzigen Gebäude weht die Schweizer Fahne, es ist die Schweizer Botschaft in Deutschland. Zehn Jahre lang spuckt der Apparat alle zwölf Minuten ein rätselhaftes Blatt aus, sofern das technische Wunderwerk so lange funktioniert.
Es waren nicht diese Botschaften aus der Botschaft, die in den letzten Jahren in Berlin und in der Schweiz zu reden gaben. Thomas Borer zeigte, zusammen mit der Gattin, die postmoderne Inszenierung «Public Diplomacy», auch indem er wider den tierischen Ernst am Karneval in die Bütte stieg oder indem Shawne Fielding hoch zu Ross im Saal der Residenz posierte. Das schrille Botschafterpaar warb damit, zumindest gemäss seinem Selbstverständnis, für die Schweiz, für ihre Wirtschaft und für ihre Unternehmen.
Innert kurzer Zeit habe Thomas Borer ein erstklassiges Beziehungsnetz bis hin zum Bundeskanzler geknüpft, das sie gut nutzen könnten, lobten ihn Wirtschaftsvertreter, als der Botschafter in die Kritik geriet. Peter Spuhler, mit seiner Schienenfahrzeugfirma Stadler inzwischen nicht nur in Bussnang TG, sondern auch in Berlin-Pankow ein gewichtiger Arbeitgeber, zog den Diplomaten als Berater bei, als dieser den Staatsdienst quittierte. «Wir stehen in Deutschland in Konkurrenz zu den Grosskonzernen Siemens, Bombardier und Alstom, die über eine gewaltige Lobby verfügen», sagte der Unternehmer und SVP-Nationalrat. «Thomas Borer hat uns sehr unterstützt, das Gefälle zu den Grosskonzernen wettzumachen.»
Die Schweizer Diplomaten – Förderer der Wirtschaft, Lobbyisten der Unternehmen, Promotoren des Standorts Schweiz? Die Frage wurde heftig diskutiert, als das Parlament dieses Jahr die Zukunft der vom Staat finanzierten Exportförderin Osec beriet. Nicht nur Botschafter Thomas Borer hatte seinen Skandal, Osec-Chef Balz Hösly ebenso: Wegen seiner angeblich überrissenen Bezüge heftig angegriffen, fiel er als FDP-Fraktionschef bei der Wiederwahl des Zürcher Kantonsrats durch und gab deshalb seine politische Karriere auf.
«Exportförderung ist keine Staatsaufgabe», donnerte im Parlament Christoph Blocher, dessen Ems-Chemie erfolgreich Airbagzünder oder Spezialkunststoffe von den USA bis nach China verkauft. Sein Parteikollege Peter Spuhler, der auch im Aufsichtsrat der Osec sitzt, argumentiert pragmatischer: Es entspreche zwar nicht gerade den Grundsätzen der Ordnungspolitik, wenn der Staat die Exporttätigkeit seiner Unternehmen unterstütze – aber alle anderen Industrieländer täten das ebenso. Im Vergleich mit den Schweizern geben die Dänen und die Finnen dafür das Sechsfache an staatlichen Mitteln aus, die Briten das Dreifache. Ueli Forster, der Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, empfiehlt der offiziellen Schweiz, sie solle für ihre ökonomischen Interessen einstehen und der Wirtschaftsdiplomatie wieder ein stärkeres Gewicht geben. «Viele halten das für eine egoistische und zu wenig globale Sicht», sagt der St. Galler Textilindustrielle. «Andere Länder haben diese Seelenkrämpfe nicht.»
Der Staat, so die Meinung der meisten Parlamentarier, soll also Firmen helfen, ihre Waren ins Ausland zu verkaufen. Aber setzen die aus der Bundeskasse finanzierten Exportförderer ihr Geld auch wirkungsvoll ein? Das Parlament bezweifelt es. Statt 68 Millionen Franken für die nächsten vier Jahre bewilligte der Nationalrat der Osec vorerst nur einen Viertel: Mehr Geld gibt es erst nach einer Überprüfung ihrer Tätigkeit nächstes Jahr.
Ausgerechnet aus der Exportwirtschaft, der die Osec helfen soll, kommt immer noch scharfe Kritik. Auch Balz Hösly sei es als hochbezahltem Manager nicht gelungen, die verschlafene Organisation zur schlanken, schlagkräftigen Dienstleisterin zu trimmen, sagt Rolf Jeker, Präsident von SwissCham, der Vereinigung der schweizerischen Aussenhandelskammern: «Die Osec beschäftigt immer noch 86 Leute.» Diese rissen Aufgaben an sich, die bisher auch Private anboten, wie das Beraten von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) auf den Exportmärkten oder das Knüpfen von Netzwerken. Vor allem stossen sich die Verbände daran, wie die Osec die vor zwei Jahren beschlossene Strategie umsetzt: In wichtigen Ländern sollen sogenannte Swiss Business Hubs als Anlaufstelle für die KMU dienen, bisher sind es dreizehn, von São Paulo bis Tokio. Die Wirtschaftsvertreter bemängeln die Wahl der Standorte. «Hubs sind eine gute Sache, aber sie sollten dort aufgebaut werden, wo die Märkte schwierig sind», sagt Ueli Forster. «An Standorten, wo wir übers Wochenende hinreisen können, haben sie keinen Sinn.»
Gerade in Märkten, in denen es auf jahrelange Erfahrung ankommt, wie im gegenwärtig boomenden China, halte er es für sinnvoller, bestehende Beziehungen zu nutzen statt neue aufzubauen, sagt Peter Spuhler. «Mit jungen, unerfahrenen Mitarbeitern, wie sie die Osec an einzelnen Orten einsetzt, gewinnen wir rein gar nichts.»
Die Repräsentanten der Eidgenossenschaft, Osec-Mitarbeiter wie Wirtschaftsdiplomaten, müssen vielseitig sein. Sie sollen den Markt an ihrem Standort kennen, die Chancen für Joghurt mit dem Schweizerkreuz beurteilen, einen Importeur für Verpackungs maschinen vermitteln oder dem Ableger eines Spritzguss spezialisten die Steuersituation erklären können. Wie erfüllen sie im Alltag die anspruchsvolle Aufgabe, die schweizerische Wirtschaft zu vertreten?
«Schon seit dreissig Jahren stelle ich fest, dass das Publikum kaum weiss, was wir eigentlich machen», sagt Werner Baumann, der Schweizer Botschafter in Deutsch land. Er sitzt in seinem Büro im zweiten Stock, über den repräsentativen Räumen und der Privatwohnung im einstigen Palais im Spreebogen. Im Frühling letzten Jahres ist er aus Manila nach Berlin gekommen, um mit seiner Frau das prominente Paar Thomas Borer und Shawne Fielding abzulösen.
Auf einen Vergleich mit dem abberufenen Vorgänger lässt sich Werner Baumann nicht ein. «Thomas Borer war ein Unikat, seine Methoden waren auf ihn und auf Berlin zugeschnitten», sagte er allen, die ihn darauf ansprachen. Und er witzelt gern, eine Medienpräsenz, wie sie das Glamourpaar hatte, setze eine fotogene Erscheinung voraus. Seine Frau Susanne hält sich wie jede andere Botschaftergattin von Kameras fern, und seit sich die Neugier auf den Neuen in Berlin gelegt hat, erscheint auch Baumann kaum mehr in den Medien.
Lebhaft erzählend, ohne Jackett und mit leuchtend roter Krawatte, macht er klar, dass er in Berlin nicht zur grauen Diplomatie zurückkehren will, dass er sich auf seine Art ebenfalls als Verkäufer der Schweiz und ihrer Unternehmen versteht: «Ich arbeite zu einem grossen Teil meiner Zeit für die Schweizer Wirtschaftsinteressen.» Auf den Philippinen holte Baumann Schweizer aus den Gefängnissen, in Deutschland vertritt er die Schweiz bei ihrem wichtigsten Wirtschaftspartner. Ein Fünftel der Exportgüter geht nach Deutschland, Schweizer Unternehmen besitzen landesweit 1900 Firmen, beschäftigen 250 000 Arbeitnehmer und setzen 20 Milliarden Euro für Direktinvestitionen ein. Nach einer zweitägigen Konferenz mit seinen Mitarbeitern in den sechs Generalkonsulaten hielt der Botschafter in einem Arbeitspapier fest: «Praktische Wirtschafts- und Standortförderung ist eine Hauptaufgabe von Botschaft, Generalkonsulaten und Swiss Business Hub.»
Dafür setzt sich der Diplomat auch dann ein, wenn er seine traditionelle Tätigkeit ausübt: Er erklärt, mit Auftrag aus Bern oder aus eigenem Antrieb, die Anliegen der Eidgenossenschaft, in den letzten Monaten vor allem in Sachen Luftverkehr, Zinsertragsbesteuerung und Bankgeheimnis. Die Gesprächspartner findet er gegenüber im Bundeskanzleramt und in den Ausschüssen des Bundestags, ebenfalls nur einen Steinwurf entfernt. Manchmal ergibt sich auch anderswo die Gelegenheit, einflussreichen Politikern klarzumachen, «dass es da unten in Zürich Kloten ein Problem gibt». Die Chance dafür kommt aber nur selten und ist kurz: «Man muss lernen, einen Sachverhalt in drei Minuten zu erklären.»
Um überhaupt zu Wort zu kommen, gilt es stets am Netz zu knüpfen: Der Botschafter hält an Veranstaltungen immer wieder Referate zu Arbeitsmarkt, Energiepolitik oder Gentechnologie, die die Botschaft mit privaten Sponsoren organisiert; er erkundigt sich vor seinen Antrittsbesuchen bei Behörden nach den Problemen der Schweizer Unternehmen; er tritt bei Touristikern in Schwerin und vor Unternehmern in Ostthüringen auf. «Wir arbeiten auch auf Vorrat», sagt Werner Baumann.
Wo sich Chancen ergeben, zeigen die generellen Wirtschaftsberichte und die spezifischen Marktzusammenfassungen. Die Verantwortung dafür trägt Wirtschaftsrat André Schaller, ebenfalls seit einem Jahr in Berlin, nachdem er zuvor Schweizer Firmen in Lagos beraten hatte, in der Berner Taskforce für die Auseinandersetzung um die Holocaust-Gelder mitgewirkt hatte und in New York stationiert gewesen war. «Wir schreiben unsere Berichte nicht aus dem Internet ab», wehrt er sich vorsorglich gegen die kursierende Unterstellung, in den Berichten stünden nur allgemein zugängliche Informationen. Was die Diplomaten berichteten, beruhe auf dem ständigen Kontakt mit Unternehmen oder auf Gesprächen mit Experten wie den Chefökonomen der Grossbanken. Im persönlichen Austausch beurteilten sie die Lage gelegentlich anders als in der öffentlichen Verlautbarung.
Diese Leistungen, bis hin zum Abschätzen der Marktchancen für Textilien, Teigwaren oder Naturkost, erbringen die Diplomaten als «Grundversorgung». Spezifische Anfragen von Unternehmen dagegen laufen über den Swiss Business Hub, der alle diplomatischen Vertretungen einbeziehen kann. Die Leistungen werden verrechnet. Das Beurteilen der Marktchancen für ein Produkt kostet 4000, das Vermitteln eines Geschäftspartners 7500 bis 10 000 Franken. Der Hub für Deutschland befindet sich im Generalkonsulat in Stuttgart, nicht in der Botschaft in Berlin. Weshalb hat man einen Standort so nahe der Schweiz gewählt? Gerade deshalb, sagt Generalkonsul Jürg Flühmann: «Wir wollen KMU mit wenig Exporterfahrung beim Schritt über die Grenze helfen. Solchen, die ein gutes Produkt haben und darauf warten, dass jemand sie entdeckt.»
Dass sie ihre Leistungen zu wenig bekanntmachen, werfen Kritiker allerdings auch den Exportförderern in diplomatischen Diensten vor. Rolf Jeker von SwissCham, Topmanager der Genfer Société Générale de Surveillance (SGS), früher Stellvertretender Direktor im Bundesamt für Aussenwirtschaft, weiss, wovon er spricht: «Unterlagen rauszuschicken, bringt nichts – die Exportförderer müssen die Unternehmen direkt ansprechen.» Während die Vertreter der Grossen, wie er als SGS-Repräsentant, in den Schweizer Botschaften ein und aus gingen, müssten die Kleinen erst lernen, die Dienste der Diplomaten zu nutzen.
Ob direkt oder via Osec: Ob sich Schweizer Produkte auf den Exportmärkten verkaufen lassen, hängt entscheidend von der Qualität ihrer Verkäufer ab. Wirtschaftsdiplomatie, sagt Ueli Forster von Economiesuisse, sei ein kompliziertes Geschäft, bei dem man sich ins Kleingedruckte vertiefen müsse. Deshalb, meint der Textilindustrielle, müsse Bern darüber nachdenken, ob die Wirtschaftsdiplomatie künftig nicht vermehrt eine Angelegenheit von Spezialisten statt von Generalisten sein sollte. «Wir haben international genügend Nachteile, deshalb müssen wir besser sein – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Diplomatie.»
Zumindest in Berlin schafften es die Schweiz und ihre Diplomatie ins Rampenlicht. Was ist davon nach dem Abgang des Glamourpaars geblieben? «Thomas Borer hat teils sehr gute Ideen gehabt», sagt sein Nachfolger. «Die übernehmen wir natürlich.» So fanden auch dieses Jahr zum 1. August die Galaeinladung in der Botschaft und der Anlass fürs Volk Unter den Linden statt, mit Basel als Gastkanton. Der Botschafter verteilte Leckerli, aber er drängte sich nicht vor die Kameras. «Die Ausschussvorsitzende aus dem Bundestag sucht mich nicht auf der Lifestyleseite», sagt er.
Wie Werner Baumann hemdsärmlig und mit roter Krawatte in seinem Bürosessel sitzt, gewinnt der Besucher den Eindruck: Der Schweizer Botschafter verkauft zwar nicht sich selbst, wohl aber wirkungsvoll die Schweiz und ihre Wirtschaft. Aus der seltsamen Maschine flattert wieder ein Lorbeerblatt: «I was good now I’m better.»
Markus Schär ist freier Journalist. Er lebt in Weinfelden.