NZZ Folio 09/02 - Thema: Märkte   Inhaltsverzeichnis

Bei Beben Geldsegen

Nicht nur Aktien, Obligationen, Optionen und Futures werden an den Finanzmärkten gehandelt. Zu den neusten Schöpfungen der Finanzindustrie gehören Zertifikate, mit denen man sich gegen schlechtes Wetter oder Naturkatastrophen absichern kann: Ein Geschäft mit Zukunft.

Von Beat Gygi

Prognosen über Erdbeben in Japan können einem Hotelier in Interlaken nicht ganz gleichgültig sein. Denn leicht ist es auszurechnen, dass eine Erdbebenkatastrophe in einem dichtbesiedelten Gebiet Japans die Reiselust der japanischen Touristen dämpfen würde. Auch in Interlaken würden dann weniger japanische Gäste gesehen. Ein solcher Gedanke mag leicht zynisch anmuten, für ein Hotelunternehmen ist er aber wichtig. Nach dem 11. September 2001 hat sich gezeigt, wie es Hotellerie und Luxusgüterindustrie trifft, wenn japanische Touristen zu Hause bleiben.

Möchte sich ein Hotelier gegen dieses Risiko absichern, könnte er einen Versicherungsvertreter anrufen. Da es äusserst schwierig ist, die indirekten Schadenwirkungen eines Erdbebens zu modellieren, wäre der Versicherer allerdings kaum imstande, eine vernünftige Offerte zu unterbreiten. Mittlerweile gibt es aber eine Welt jenseits der traditionellen Versicherungspolicen, es gibt immer mehr Absicherungsinstrumente, die auf den Kapital- und Finanzmärkten gehandelt werden.

Vor etwa fünf Jahren wurden in den USA erstmals Wetterderivate angeboten. Finanzinstitute, Rückversicherer und andere Stellen begannen Zertifikate, eine Art Gutscheine, anzubieten, mit denen sich Unternehmer gegen schlechtes Wetter absichern konnten. Man kann ein Zertifikat kaufen und später gegen eine bestimmte Summe einlösen, falls das Wetter während der Laufzeit schlechter ausfällt, als es auf dem Zertifikat steht. Verbreitet sind Derivate, die dem Käufer bei speziell hohen oder speziell tiefen Temperaturen eine Auszahlung garantieren. Dieses Jahr waren in Japan Wetterderivate zu kaufen, die eine Auszahlung brachten, wenn es mehrere starke Regentage in Folge gab. Ziemlich neu sind Derivate, die beim Eintreffen von Stürmen in bestimmten Zonen eine Zahlung auslösen.

Von Stürmen ist man rasch bei Naturkatastrophen. Weshalb soll es nicht auch Gutscheine geben, mit denen man sich gegen die Auswirkungen eines Erdbebens absichern kann? Für den Hotelier in Interlaken gäbe es etwa folgende Lösung: Der Versicherungsvertreter bietet ihm ein Derivat zum Kauf an, das ihm die Auszahlung eines bestimmten Betrags garantiert, falls es in japanischen Ballungsgebieten zu einem starken Erdbeben kommt. Ein Derivat ist in diesem Fall ein Papier, das durch unsichtbare Fäden mit einer Katastrophe verknüpft ist: Tritt diese ein, wird automatisch die Auszahlung ausgelöst.

Utopisch ist dieser Ansatz nicht. Er entspricht ungefähr dem Projekt, das der Schweizer Rückversicherungskonzern Converium - die frühere Rückversicherungseinheit der «Zürich»-Gruppe - in Japan an den Markt gebracht hat: Über einen Erstversicherer werden kleinen und mittleren Unternehmen in Japan Policen angeboten, in denen diese ein Sortiment von Absicherungsgutscheinen kaufen können. Der Versicherungsvertreter zeigt dem Betriebschef eine Karte Japans mit zehn rechteckig eingezeichneten Erdbebengebieten samt der Angabe statistischer Katastrophendaten. Wer einen Absicherungsgutschein für ein bestimmtes Gebiet kauft, erhält automatisch eine bestimmte Auszahlung, wenn - dies ist der Auslöser (Trigger) - ein Erdbeben von der Stärke über 7,1 dieses Gebiet erschüttert.

Erik Rüttener, Naturgefahrenexperte der Converium, weist darauf hin, dass dabei vom Betriebschef ein ganz anderes Risikobewusstsein verlangt wird als in herkömmlichen Versicherungsbeziehungen. Der Unternehmer stellt aus den zehn Standard-Absicherungspäckchen sein Set zusammen - gerade als ob er im Supermarkt vor dem Regal mit vakuumverpackten Absicherungsportionen stünde. Wenn er die falschen Portionen in den Korb legt und sein Schaden im Falle einer Katastrophe schlecht gedeckt ist, ist er selber schuld.

Das sind nun nicht mehr traditionelle bilaterale Versicherungsverträge, da hat sich der Markt schon kraftvoll zwischen die Vertragspartner geschoben. Was der Versicherer dem Unternehmer an Risiko abnimmt, nimmt er ihm nur in Form standardisierter Risikopäckchen ab, gegen eine Einheitsprämie. Päckchen mit klar sichtbarem Inhalt lassen sich gut weiterverkaufen.

Der Markt dringt deshalb auch von der anderen Seite her in die Versicherungswirtschaft vor: Wenn der Versicherer die Risikoportionen nicht bei sich behalten will, fragt er Anleger am Kapitalmarkt, ob sie diese übernehmen möchten. Sagen die Ja, nehmen sie dem Versicherer die Pflicht ab, im Katastrophenfall einzuspringen. Oft wird das Geld im Voraus bereitgelegt, indem Anleger dem Emittenten die Obligationen einer Katastrophenanleihe abkaufen, sogenannte Katastrophen-Bonds oder Cat-Bonds. Dieser Übergang heisst Verbriefung und führt dazu, dass Versicherer und Anleger direkt über den Markt miteinander verbunden werden. Das eingezahlte Geld wird auf einer Art Sperrkonto bewirtschaftet und dient für den Fall der Katastrophe teilweise oder ganz zur Abgeltung der Schäden. Gibt es während der Laufzeit keine Katastrophe, erhält der Anleger alles zurück - so verzinst, dass seine Risikobereitschaft mit einem Zuschlag honoriert wird.

Wer einen Cat-Bond zur Absicherung gegen Nordatlantik-Hurrikane in der Hand hält, wird nervös, wenn der Luftdruck in den zwei Zonen Miami und New Yorker Gate in die Nähe jener Trigger-Werte sinkt, ab denen der Sturm als Katastrophe gilt. Je nach Luftdruck sind dann 20 Prozent, 80 Prozent oder das ganze Geld weg.

Manchmal kommt man mit einem kleinen Schrecken davon, was sich auch in den Notierungen der am Kapitalmarkt gehandelten Papiere zeigt. So galt ein Cat-Bond zur Absicherung gegen Hurrikane in Florida am 10. September 1999 im Markt rund 100 Prozent des Nennwertes. Damals lag der Hurrikan «Floyd» 1200 Kilometer vor der Küste, näherte sich aber Miami. Der Marktwert des Cat-Bonds fiel bis am 13. September, als «Floyd» 400 Kilometer entfernt war, auf 85 Prozent. Angst und Kurstief dauerten einen Tag, dann drehte der Sturm 200 Kilometer vor der Küste ab. Miami und damit das Geld des Cat-Bond-Eigners waren gerettet, der Kurs lag rasch wieder bei 100 Prozent.

Jürg Steiger, Experte für Structured Finance des Rückversicherers Swiss Re, sagt, dass es den Rückversicherern bei der Verbriefung um eine Verbesserung der Risikodiversifizierung gehe. Vor allem Risikospitzen - Katastrophen, die es statistisch vielleicht alle hundert Jahre einmal gibt - möchte man an den Kapitalmarkt abgeben können. Ein Blick auf die Naturkatastrophenschäden der neunziger Jahre lässt diesen Wunsch der Rückversicherer verständlich erscheinen: Im Winter 1990 zogen in Europa Stürme über dichtbesiedelte, hochversicherte Gebiete. Der volkswirtschaftliche Verlust wurde auf 15 Milliarden Dollar geschätzt, der versicherte Schaden betrug über 10 Milliarden Dollar. Der nächste Schlag folgte im August 1992 in den USA mit dem Hurrikan «Andrew» (etwa 30 Milliarden; knapp 20 Milliarden). Dann bebte Anfang 1994 die Erde in Northridge bei Los Angeles (rund 45 Milliarden; 11 bis 15 Milliarden). Noch verheerender war ein Jahr später das Erdbeben in Kobe in Japan (300 Milliarden; 3 Milliarden). Die Stürme «Lothar» und Konsorten schliesslich, die an Weihnachten 1999 über Europa fegten, brachten wirtschaftliche Schäden von 11 Milliarden Dollar und versicherte Schäden von rund 5 Milliarden.

Auch nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center - mit einem versicherten Schaden von 40 bis 70 Milliarden Dollar das grösste Schadenereignis in der Geschichte der Versicherungswirtschaft - bleiben Naturkatastrophen brisant. Werden Experten der Münchener Rück nach dem grössten Schadenfall gefragt, den sie sich mit Blick auf Naturkatastrophen vorstellen können, lautet die Antwort: eine Wiederholung des Erdbebens von 1923 in Tokio. Die volkswirtschaftlichen Schäden eines solchen Bebens würden ihrer Ansicht nach mehrere Billionen Euro ausmachen. Cat-Bonds beziehen sich heute vor allem auf Erdbeben in Japan, in Kalifornien, im Mittleren Westen der USA oder in Monaco, auf Taifune in Japan und Stürme in Europa. Kürzlich hat die Swiss Re eine vierjährige Absicherung gegen Risiken aus Naturkatastrophen am Markt placiert. Es ist der erste diversifizierte Cat-Bond, der sich auf Hurrikane im Nordatlantik, Stürme in Europa, Erdbeben in Kalifornien, Erdbeben im Zentrum der USA und Erdbeben in Japan zugleich bezieht.

Cat-Bonds sind eine Sache von etwa 150 Profis. Die Anleihen werden in der Regel an institutionelle Investoren abgegeben, einen Teil nehmen die Versicherer in ihre Portefeuilles. Neben dem indirekten Zugang über Hedge Funds gibt es für Kleinanleger bisher einen einzigen direkten Zugang zu Cat-Bonds: über den Cat-Bond-Fonds der Bank Leu, der sich in Zeiten einbrechender Börsenkurse nicht mit dem Markt bewegt und dadurch vorteilhaft hervorgetan hat.

Gibt es weitere Kandidaten für das Weiterreichen, die Verbriefung von Risiken? Steiger: «Das Instrument, das am Kapitalmarkt angeboten wird, muss einfach sein. Wenn es in Kalifornien ein Erdbeben gibt, soll es nicht nötig sein, dass man hinfährt und den Schaden begutachtet. Es muss einen einfachen Indikator geben, der besagt, ob die Katastrophe eingetreten ist oder nicht.» Und politische Risiken, Luftfahrtrisiken, Terrorbedrohungen? Die Antwort hängt davon ab, ob es einen klaren Auslöser gibt, der immun ist gegen Rechtsstreitereien - im amerikanischen Rechtssystem eine hohe Hürde. Stefan Müller, Underwriting-Experte der Converium, hält die Verbriefung von Naturkatastrophen für besonders geeignet, weil diese kaum anfällig darauf sind, von trickreichen Versicherten ausgenützt zu werden.

Trotz allem haben es die neuen Marktinstrumente in der Versicherungswirtschaft noch schwer, zumal Versicherer angesichts gut rentierender Kapitalanlagen die Prämien lange eher zu billig kalkulierten. Das Verbriefen von Risiken über Cat-Bonds ist nach der Einschätzung von Marktexperten heute teurer als direkte Zusagen der Versicherer. Das Verbriefen lohnt sich für Versicherer, weil sie damit Risikospitzen abgeben können und weil Präsenz am Markt für Cat-Bonds für den Ruf in der Branche wichtig ist. Swiss Re etwa zählt zur Handvoll der grossen Market-Maker für den Cat-Bonds-Handel. Ähnlich argumentiert Müller: «Cat-Bonds werden wohl eine Marktnische bleiben. Das Volumen der an den Kapitalmarkt gebrachten Risiken blieb bisher unter den Erwartungen, Cat-Bonds sind teurer als Policen.» Dahinter verberge sich ein Problem der ganzen Versicherungsbranche: Die Summe von Kosten und Schäden mache zurzeit mehr aus als die Prämieneinnahmen. «Mit der Zeit sollte die Versicherungswirtschaft aber wieder zu einem profitablen Abschliessen von Versicherungsverträgen kommen.»

Beat Gygi ist Leiter des Wirtschaftsressorts bei der NZZ am Sonntag.

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