NZZ Folio 04/03 - Thema: Der Fotograf   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Ein geselliger Einzelgänger

Von Herbert Cerutti

WÄHREND DER FUCHS in den letzten Jahrzehnten immer frecher geworden ist und jetzt in der Nacht ungeniert durch Dorf und Stadt marschiert, an der Strassenecke den Kehrichtsack, im Hausgarten den Komposthaufen plündert, haben wohl nur sehr wenige Bürger je einen Dachs bemerkt, geschweige denn gesehen. Dabei leben beispielsweise auf Zürcher Stadtgebiet neben 700 Füchsen auch 140 Dachse. Mit einem allerdings sehr verschiedenen Wohnstil.

Das zum «Stadtfuchs» gewordene Wildtier braucht während des Tages zum Verschwinden nicht mehr die traditionelle Erdhöhle; es fühlt sich auch im Gestrüpp einer Badeanstalt oder auf dem Fabrikdach wohl. Der Dachs dagegen hält an der Erdhöhle als schützendem Tagesversteck fest. Auf der nächtlichen Fresstour interessieren ihn Käfer und Würmer, Wespennester, Beeren und Fallobst, aber kaum der ordinäre Zivilisationsabfall. Deshalb meidet der Dachs das Stadtzentrum und lebt in den Wäldern am Zürichberg und Üetliberg, gelegentlich auch in einem waldnahen Villengarten oder Friedhof.

Stellt man Bekannten die Frage, was sie über unser Wild wissen, hört man Geschichten über Reh und Hirsch, Fuchs und Hase. Auch Wildsau, Luchs und Bartgeier sind wieder im Gespräch. Der Dachs aber ist aus dem Bewusstsein verschwunden. Dabei ist Meles meles, der Eurasische Dachs, in ganz Europa und im klimatisch gemässigten Asien, von Irland bis Japan, verbreitet; er fehlt lediglich im hohen Norden und im Gebirge über 2000 Meter über Meer.

In früheren Jahrhunderten war der Dachs als «Grimbart» oder «Schmalzmann» wohlbekannt. Dorf- und Flurnamen wie Dachsen, Dachsfelden (Tavannes), Dachsloch oder Dachsgrund zeugen von der einstmaligen Popularität. Und mit «Tasso» ist der (italienische) Dachs sogar auf den Hund gekommen. Als Wetterprophet kennt ihn der Hundertjährige Kalender: «Sonnt sich der Dachs in der Lichtmesswoche (2. Februar), geht auf vier Wochen er wieder zu Loche.» Die Volksmedizin empfiehlt Dachsfett gegen Wunden und Quetschungen; Dachsschwarten in den Schuhen sollen vor Fussleiden bewahren. Am Pferdegespann sorgte ein Dachsbalg für Heil: «Dachsfell am Kummet kennt keine Not, schützt Ross und Reiter vor Krankheit und Tod.» Und nach wie vor werden Dachshaare zu Rasierpinseln und Bürsten verarbeitet.

So populär der Dachs beim Volk gewesen sein mag, er war wie manch anderes Wildtier auch Opfer übler Nachrede. Der Bauer behauptete, der Dachs fresse ihm die Kartoffeln gleich zentnerweise weg; Hühnerfedern vor dem Höhleneingang waren Beweise einer nächtlichen Bluttat. Dabei hatte der Dachs auf dem Acker lediglich nach Engerlingen gegraben und unabsichtlich auch ein paar Kartoffeln freigebuddelt. Und die Federn hatte der Fuchs liegen gelassen, der vielerorts einen Teil der Dachshöhle besetzt. Wenig Verständnis hatten auch die Jäger, denen ohnehin alles fleischfressende Wild nichtsnutzig erschien. Die Mär, der Dachs hole sich im Heugras das wehrlose Rehkitz, hielt sich bis in die neuere Zeit.

Kein Gerücht ist hingegen die Vorliebe des Dachses für reife Trauben. Im Herbst, wenn Regenwürmer und Fallobst rar geworden sind, locken die Rebberge als üppiges Fressrevier. Weinkantone wie Zürich, der Aargau und Schaffhausen veranstalteten im 19. Jahrhundert Dachsjagden und richteten Abschussprämien aus. Als sich in den Kantonen St. Gallen und Graubünden der Dachs für Mais zu interessieren begann, zahlten auch dort die Behörden Kopfgeld.

Der Dachs ist ein sehr vorsichtiger Geselle und verlässt den Bau erst in der Dämmerung. Entsprechend schwierig ist die Jagd. Mit der Dressur von Dackeln zu «Erdhunden» wurde die Verfolgung im Untergrund möglich. An jungen Katzen oder Kaninchen zum Abwürgen des Wilds abgerichtet, stellt der Hund im Bau das Tier, versucht es an der Kehle zu packen und aus dem Bau zu schleifen.

Im Gegensatz zum Fuchs, der dem hereinkriechenden Hund nach Möglichkeit entflieht, verteidigt der Dachs sein Heim. Er kehrt dem Hund rasch den Hintern zu und schleudert ihm mit den Pfoten Erde und Steine ins Gesicht. Im Handumdrehen ist der Stollen zwischen Dachs und Hund verschlossen. Gräbt der Hund nun eifrig nach, schaufelt er sich das eigene Grab. Denn er kann nicht rasch genug wegschaffen, was ihm der Dachs vor die Schnauze wirft. Mit seiner Grabarbeit schafft der Hund so viel Material hinter sich, dass er sich Rückweg und Atemluft abschneidet. Von einem mächtigen Bau im Schwarzwald berichtete der Jagdaufseher: «Hier liegen fünf gute Bauhunde, und der alte Dachs lebt heute noch.»

Kaum hatte im 20. Jahrhundert der Jagddruck auf den Dachs nachgelassen, sah sich das gutmütige Tier von anderer Seite bedrängt. Im Rahmen der Tollwutbekämpfung wurden vor dreissig Jahren die Füchse in den Bauten vergast, was auch zahlreiche Dachse das Leben kostete. Das Töten endete erst, als 1978 die Entwicklung eines Impfstoffes gelang, der den Füchsen mit einem Köder verabreicht werden kann. Seither hat sich in der Schweiz sowohl der Fuchs- als auch der Dachsbestand erholt.

Das nächtliche Treiben des Dachses und sein heimliches Leben im Bau brachten erst die Forschungen der vergangenen fünfzig Jahre ans Licht. Überraschenderweise musste die Meinung korrigiert werden, der Dachs sei ein Einsiedler und treffe sich höchstens für die Fortpflanzung mit seinesgleichen. Einzelgänger ist der Dachs nur auf den nächtlichen Streifzügen. Im Tagesversteck und während der monatelangen Winterruhe im Bau ist er ausgesprochen gesellig.

Je nach Nahrungsangebot existieren unterschiedliche soziale Verhältnisse. So werden in Nordengland und Schottland die Wiesen ganzjährig beweidet, was ein konstant gutes Angebot an Regenwürmern garantiert. Die britischen Dachse haben sich auf diese Nahrung spezialisiert und leben in Clans von bis zu einem Dutzend erwachsenen Tieren. Der Clan bewohnt eine gemeinsame Dachsburg.

Wie grosszügig solches Wohnen sein kann, zeigt ein in Westengland freigelegter Bau: 12 Ein- und Ausgänge führten zu 94 Röhren von insgesamt 310 Metern Länge. Das Aushubmaterial wurde auf 25 Tonnen geschätzt. 23 ausgepolsterte Kammern erlaubten einen hohen Schlafkomfort; etliche separat gegrabene Latrinen hielten den Bau sauber. Anhand von Knochenfunden lässt sich nachweisen, dass manche der Dachsburgen seit Jahrhunderten bewohnt sind; eine Karsthöhle bei Bristol beherbergt sogar seit mehreren 10 000 Jahren Dachse.

Anders im spanischen Doñana-Nationalpark. Dort leben die Dachse von Kaninchen, denen sie auflauern oder die sie ausgraben. Da hier die Nahrung über ein grösseres Gebiet verteilt ist, tun sich die Dachse meist zu Zweiergruppen zusammen.

Nochmals anders in den landwirtschaftlich genutzten Gebieten Mitteleuropas. Hier wechselt das Nahrungsangebot saisonal. Die Dachse können sich nicht auf ein sicheres «Einkommen» verlassen und müssen sich an die gerade verfügbare Nahrung anpassen. Sie leben deshalb in kleinen Gruppen oder einzeln. Um die Nahrungsgebiete innerhalb einer Nacht zu erreichen, wechseln die Tiere den Bau häufig.

Wie sich in engster Nachbarschaft unterschiedliches Dachsverhalten etablieren kann, zeigt ein Forschungsprojekt der Universität Zürich, das von 1995 bis 1999 durchgeführt wurde. Karin Hindenlang hat die Dachse im Sihlwald südlich von Zürich und im daran angrenzenden Landwirtschaftsgebiet Knonaueramt studiert. Im Sihlwald gibt es eigentliche «Walddachse», die ortstreu in Kleingruppen leben und ein Streifgebiet von durchschnittlich 105 Hektaren nutzen. Sie leben hauptsächlich von Regenwürmern und Käfern.

Die «Felddachse» im Landwirtschaftsgebiet dagegen streunen auf einem Gebiet von rund 145 Hektaren und halten sich jeweils während Tagen oder Wochen gerade dort auf, wo die Würmer kriechen, die Beeren reifen, das Obst unter den Bäumen liegt oder der Mais lockt.

Das Sozialleben der Dachse hat seine Rituale. Um ihre Zusammengehörigkeit zu manifestieren, drücken die Tiere einander aus einer Drüse unter der Schwanzwurzel ein fettiges, gelbes Sekret aufs Fell. Mit dem Duftstoff stempelt auch die Dächsin ihre Jungen, das Männchen das Weibchen. Und um das Territorium gegen andere Dachsgruppen abzugrenzen, wird das sippenspezifische Parfum auf Grasbüschel, Steine und Baumstrünke gedrückt.

Die Gutmütigkeit der Dachse zeigt sich in der Toleranz gegenüber seinem Untermieter, dem schlauen Fuchs. Der profitiert gerne vom emsigen Graben seines Forstkollegen und quartiert sich ungeniert im Dachsbau ein. So beherbergt im Frühsommer im Kanton Zürich die Mehrzahl der grösseren Dachsbauten auch eine Füchsin mit ihren Welpen.

Damit sich Fuchs und Dachs nicht auf die Nerven gehen, leben sie im Bau in möglichst weit voneinander entfernten Wohnkesseln mit jeweils eigenem Hauseingang. Das unterschiedliche Naturell – der Dachs ist ein reinlicher und ruhiger Geselle, der Fuchs aber liebt Betrieb und schleppt blutiges Fressen heim – führt zuweilen dann doch zu Raufereien. Man hat aber auch schon beobachtet, wie junge Füchse und Dachse friedlich miteinander spielten.


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