NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Matthias Steinmanns Schlösschen

© Christian Känzig, Zürich
Matthias Steinmann, 59-jährig, wohnt mit seiner Frau Eva und den Töchtern Laura und Sophie im Schlösschen Ursellen in Konolfingen BE, das er in den letzten 20 Jahren renovieren liess. Linktext
Von Lilli Binzegger

«ICH WOHNE SEIT 1980 im Schlössli Ursellen, seit 1991 mit meiner zweiten Frau. Ich kam 1980 aus Deutschland zurück und suchte etwas für mich und meine damalige Familie. Das Schlössli war ausgeschrieben, und wir haben es mit etwa 50 anderen Leuten angeschaut und eigentlich wieder vergessen. Bis im Winter der Anruf kam, niemand habe es gewollt. Weil Konolfingen, zu dem Ursellen gehört, mein Heimatort ist und ich das einen lustigen Zufall fand, sagte ich: Gut, gehen wir dieses Abenteuer ein.

Dazu muss man sagen, dass das Haus preislich ausserordentlich günstig war. Eine Villa in Muri wäre damals etwa gleich teuer gewesen. Allerdings musste man es aufwendig renovieren. Mit den <paar Kübelchen Farbe>, wie es die Vorbesitzerin beim Verkauf weismachen wollte, war es natürlich nicht getan. Das Haus ist eine Campagne, ein Ausdruck, der hier im Bernbiet gebraucht wird für Schlösschen mit Gutsbetrieben, auf denen die Stadtberner ihre Sommer verbrachten. Im Herbst kehrten sie dann jeweils wieder an ihre Herrengasse und Junkerngasse zurück. Die Campagne ist noch sehr intakt, es gehört immer noch ein Hof mit 18 Hektaren Land dazu.

Ursprünglich war das Haus das Jagdschlösschen der von May auf Schloss Hünigen. Es wurde 1712 erbaut und blieb in der Familie, bis 1927 Gottfried von May ohne Nachkommen starb und das Anwesen an seine Tante, Margareta Thormann, überging. Diese war mit Hans Frölicher verheiratet, dem späteren Schweizer Gesandten in Berlin, verliess ihn und die Kinder aber noch vor dem Krieg und heiratete Edwin Schwarzenbach aus Rüschlikon. Sie überschrieb das Schlösschen ihren Kindern, Frölicher hatte aber bis zu seinem Tod das Nutzungsrecht. Thomas Hürlimanns Stück <Der Gesandte> handelt in diesem Salon. Frölicher ist nebenan an einem Herzinfarkt gestorben.

Frölichers Tochter Helene heiratete dann einen Basler Arzt namens Geiser, der Schriftsteller Christoph Geiser ist ihr Sohn. Er war in seiner Jugend oft auf dem Schlösschen. Wegen seines Buches <Grünsee>, das zum Teil hier handelt, hat sich die Familie verkracht. Letztlich ist dieser Krach der Grund, dass das Schlösschen überhaupt auf den Markt kam. Sie sehen, die Geschichte dieses Hauses spielt sowohl in die Schweizer Politik wie in die Literatur hinein.

Ein solches Haus bestimmt schon ein wenig das Leben seiner Bewohner, positiv wie negativ. Es ist immer ein Stück weit öffentlich. Anders als in einem Einfamilienhaus hat man hier nie richtig den Eindruck, das Haus gehöre einem. Umgekehrt schon eher. In einem historischen Haus ist man nur ein Funktionsglied in einer Kette: Es waren vor einem schon viele da, und wenn es nicht abbrennt, werden nach einem noch viele da sein. Und das Haus gibt wahnsinnig viel zu tun, es geht nicht ohne Personal. Drei Frauen helfen meiner Frau bei der Arbeit in Haus und Garten.

Aber es ist vielleicht ja auch eine verrückte Idee, ein solches Haus zu kaufen.

Alles, was Sie hier sehen, habe ich in 20 Jahren zusammengesucht. Als ich damals einzog, war das Haus bis auf ein paar wenige Dinge, wie etwa die beiden grossen Spiegel in diesem Salon, leer. Wahrscheinlich hatte man sie einfach nicht entfernen können. Bei der Renovation arbeitete ich eng mit dem Heimatschutz zusammen. Im Wesentlichen wurde der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt. Etwas vom wenigen, was meines Wissens noch nie restauriert werden musste, sind die grossen Panneaux aus der Zeit um 1750, barocke Malereien auf gespannter Leinwand. Sie waren seinerzeit von Störmalern im Quadratmeterpreis gefertigt worden.

Das Schlösschen ist viel kleiner, als man annehmen könnte, wenn man diesen Salon sieht. Die Räume sind nur im eingeschossigen alten Teil des Hauses so hoch, in den später angebauten zweistöckigen Flügeln sind sie wesentlich kleiner. Der Salon hat von den ungefähr 15 Räumen eigentlich am wenigsten mit uns zu tun, weil er von allen der musealste ist. Wir benützen ihn fast nur, wenn Besuch kommt und an Weihnachten. Oder an den Theatertagen, wir haben im riesigen Estrich ein Theater eingerichtet und bis vor fünf Jahren Aufführungen organisiert. Da kamen immer etwa 170 Leute, und wir räumten den Salon für den Apéro aus. An einem Abend luden wir jeweils das ganze Dorf ins Theater ein. Meine Frau hat im Keller noch Ausstellungen organisiert. Irgendwann wurde uns dann das alles etwas zu viel.

Ich bin in Bern geboren worden, kam aber mit zwölf nach Samaden und dann nach Schiers ins Internat. An beiden Orten herrschte eine sehr protestantische Atmosphäre. Meine jetzige Frau kommt aus Küsnacht, und sie hat dort immer noch ein Haus. Wir sind die ganz seltsamen Leute, die auf dem Land leben und in Zürich ein Ferienhaus haben. Aber es ist eine sehr gute Kombination.

Ich denke, für die Kinder ist es besser, hier aufzuwachsen als am Zürichberg oder an der Goldküste. Obwohl es hier luxuriös aussieht, haben sie einen ganz normalen Umgang mit den Bauernkindern hier. Unsere Töchter sind 17 und 9 und wachsen mit den Kindern der Pächterfamilie auf. Sie sind nicht ständig unter Druck, etwas machen zu müssen. Parties, Markenkleider und diese ganzen Statusdinge sind kein Thema.

Ich bin Leiter des SRG-Forschungsdienstes, habe einen Lehrauftrag für Medienwissenschaft an der Uni Bern und bin zudem an Firmen beteiligt, die Systeme zur Erhebung von Einschaltquoten herstellen. Da bin ich oft international unterwegs. Eigentlich wäre ich freitags immer gern hier, aber es gelingt nicht immer. Ich bin relativ häuslich, vielleicht zu häuslich. Ich brauche nicht viel Betrieb.»


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.