NZZ Folio 09/94 - Thema: Bauern, was nun?   Inhaltsverzeichnis

Bauernbetriebe

Christian Tissot, Grossbauer.

Von Claude Darbellay

Im waadtländischen Moiry, in der Nähe von Orbe, bewirtschaften Christian und Véronique Tissot, 36 und 29 Jahre alt, ihren Hof. Seit der Zusammenlegung der beiden elterlichen Betriebe umfasst das Gut 52 Hektaren (der Durchschnitt in der Region liegt bei 30 Hektaren). Das Land ist zerstückelt, und eine Umverteilung stösst auf Widerstände, weil manche Bauern ihre Parzellen ungern abtauschen.

Christian Tissot arbeitet seit seinem 18. Lebensjahr auf dem Hof, dessen Besitzer er 1989 wurde. Als Véroniques Vater seine Arbeit als Landwirt aufgab, um sich als freisinniger Kantonsrat ganz der Politik zuzuwenden, übernahm das junge Ehepaar Tissot sein Land. Christian Tissot selbst ist politisch nicht aktiv, hat «weder Zeit noch Lust dazu». Er widmet sich ausschliesslich seinem Beruf: dem Ackerbau, der Viehzucht und der Milchwirtschaft. Die Tissots - sie haben mittlerweile drei Kinder - besitzen 25 Kühe, dazu bauen sie auf 18 Hektaren Kulturland Getreide an, Weizen und Gerste, auf 4 Hektaren Kartoffeln, auf 4 weiteren Mais, auf 2 Raps und auf 1,5 Hektaren Rüben für das Vieh; der Rest des Landes dient der Futterproduktion. Ein Drittel des Bodens, das Stück zwischen Ebene und Gebirge, ist nicht nutzbar, weil es nicht tief genug ist.

Für jeweils neun Monate im Jahr stellen Véronique und Christian Tissot einen Saisonnier an. Gemeinsam mit anderen Bauern haben sie viel in Maschinen investiert und zum Beispiel eine kombinierte Kartoffelsaat- und -erntemaschine gekauft, mit der eine neunzigprozentige Aussortierung möglich ist. Von den Feldern geht die Ernte direkt nach Orbe, in eine Genossenschaft, die sie an die Verarbeitungsindustrie (für Chips, Pommes frites, Kartoffelstock) und an die Migros weiterleitet. «Man muss einwandfreie Qualität produzieren, um auf dem Markt bestehen zu können», meint Christian Tissot.

Auch die Viehwirtschaft ist bei den Tissots weitgehend automatisiert: Die 158 000 Liter Milch pro Jahr fliessen vom Euter der Kühe direkt in die Sammelröhren; der Mist wird mechanisch entsorgt; eine automatische Futterkrippe ist installiert worden. Aus der Milch wird Käse produziert, Gruyère und, von September bis Januar, Vacherin Mont d'Or. Drei Milchgenossenschaften, insgesamt 15 Produzenten, arbeiten da zusammen.

Christian Tissot hatte seinen Investitionsplan 1989 erstellt, «als alles gut lief». Er konnte sich dabei auf ein zinsloses, innert 15 Jahren rückzahlbares Darlehen stützen, das der Kanton an junge Landwirte vergab, die gerade einen Betrieb übernahmen. Jetzt, da sich für die Bauern das Blatt gewendet hat, bewegt er sich mit lediglich 40 Prozent Eigenmitteln «nur knapp über den roten Zahlen». Immerhin konnte er sein Einkommen halten - mit Hilfe der Bundessubventionen und indem er die Ausgaben zurückgeschraubt und die Produktion rationalisiert hat.

«Bürostunden zählen heute soviel wie die Zeit auf dem Feld.» So wurden die gesamte Buchhaltung, die Fütterung des Viehs und die Entsorgung des Mists computerisiert. Seit 1993 haben sich die Tissots der Integrierten Produktion verschrieben (Christian Tissot amtet auch als regionaler IP-Kontrolleur). Diese Produktionsform, die Boden und Umwelt schont und auf artgerechte Tierhaltung achtet, wird vom Bund mit Direktzahlungen unterstützt.

Der Zukunft sieht Christian Tissot mit leisem Unbehagen entgegen. «Das Gatt gleicht einer Dampfwalze, die über die Köpfe der Bauern rollt.» Es wird sie zwingen, sich zusammenzuschliessen und sich zu spezialisieren. Tissot hofft, die Direktzahlungen würden beibehalten, «obwohl die Bauern kein bedeutendes politisches Gewicht haben und die Kassen des Bundes nicht voller werden».

Drei Anliegen haben die Tissots für die Zukunft: dass die garantierten Kompensationszahlungen aufrechterhalten werden, dass man die Bauern als Landschaftsschützer anerkennt und dass die Konsumenten bereit sind, den Preis für helvetische Qualitätserzeugnisse zu bezahlen. Zum EWR haben sie Ja gesagt - in der Hoffnung, die Industrie werde sich ihrerseits mit der Landwirtschaft solidarisch zeigen.


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